Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Orientalische Spagnolen
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 693 - 694 (sequence 4)
- Language
- German
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693 Dr. Samuel Krauss: Orientalische Spagnofeit. 094 alltäglich Mischnah, Gemara und die rabbinisclie Litteratur in althergebrachter Form gelernt wird. Es ist ein' ziemlich geräumiger und freundlicher Saal, was man in dem elenden Gebäude-Komplex gar nicht für möglich halten würde. Die Wände sind von primitiven Stellagen umfasst, vollgestopft mit Werken halachischen Inhalts; an .den beiden langen Seiten ziehen sich mit Tuch überzogene Mastaben dahin, zum Sitzen der Studierenden bestimmt, während der Tisch an der Mitte wohl nur als Postament der geöffneten Bücher dient. Einige Blicke genügten,, mich zu überzeugen, dass da in dem Wust der vielen halachischen Bücher auch einige alte merkwürdige Drucke zu finden wären, und auf mein Anerbieten, einiges kaufen zu wollen, ging man bereitwillig ein. Wie muss doch diese Gemeinde arm sein, wenn sie sich der Schätze ihrer öffentlichen Institution entäussert! Und zu welchen spottbilligen Preisen! Soviel Ehrgefühl steckt aber doch in den Leuten, dass sie, quasi als Entschuldigung ihres Vorgehens, behaupteten, die zum Verkauf zugelassenen Dinge wären lauter Dublikate. In der Tat waren die von mir erstandenen Bücher doppelt und mehrfach vorhanden, aber kein Mensch achtet darauf, ob die dem Fremden überlassenen Dinge nicht eine andere Rezension, einen merkwürdigen Druck oder infolge von handschriftlichen Eintragungen einen bosonderen Wert darstellten. Die Ausbeute jedoch, die mein Begleiter Dr. L. Grünhut aus Jerusalem und ich im Beth-ha-Midrasch zu Hebron machten, war dennoch geringer, denn nicht lange vor uns hatte dem Midrasch Herr Elkan N. Adler aus London eine Visite gemacht, und wo einmal die grosser Bibliophile, dieser „globetrotter" der jüdischen Litteratur, wie man ihn nennen kann, seine mit Geld gefüllten Hände walten lässt, bleibt für späte Nachtreter wenig brauchbares übrig. Noch immer giebt es zwar in Hebron eine grose Masse von Manuskripten, die ohne Schonung in einer Art Loch zusammengeworfen sind, aber diese Manuskripte sind zumeist kabalistische Schriften aus der Loria'schen Schule, die ohne Schaden der jüdischen Litteratur sich weiter in ihrem Loch verkriechen können. Aber in .Benützung der Gelegenheit hatte ich auch von diesen Manuskripten einige erhandelt; doch die Vorstellung von dem Werte von Manuskripten ist bei den Leuten so konfus, dass. sie im letzten Momente die Manuskripte zurückhielten, aus Furcht, überlistet zu werden. Der Europäer, der den Brüdern in Hebron einige Bücher entreisst, tut ihnen kein Unrecht damit, denn sie haben absolut keinen Sinn dafür, und von einer wissenschaftlichen Behandlung ist gar keine Hede. Nodh vor einigen Jahren, solange der "Rabbiner Chajjom Chizko Medini in Hebron lebte, war es anders; Medini war ein grosser Bücherfreund, der jedoch die Bücher nicht blos besitzen, sondern auch studieren wollte; zu diesem Behufe gründete er ein Beth-ha-Midrasch und eine Jeschiba, die aber unter seinem Nachfolger, dem gegenwärtigen Rabbiner S lim an M. Mani, nicht recht prosperieren wolleü. Was Medini vor einigen Jahren zu gunsten der von ihm begründeten Hochschule zu Hebron vorbrachte, dass „nämlich gerade! Hebron geeignet sei, eine solche Anstalt zu beherbergen, weil diese Stadt mehr als alle Städte im Heiligen Lande von Touristen ungestört ist; sie hat ihren alten Aspekt von sich noch nicht abgestreift; sie.-führt sich so wie ehedem auf; die Sitte der Altvorderen ist aus ihr nicht gewichen; da giebt es keinen Handel, keinen Verkehr und keine Geschäfte wie in anderen,, welche ihr die Blicke der Gewinnsüchtigen zuziehen würden; die Vergnügungen, an denen,Europäer.Gefallen finden, gehen jhr ab,11 trifft heute nicht mehr zu; die Strasse nach Hebron ist vorzüglich und gut befahren,- schon spricht man von einer Eisenbahn dorthin, und die Stadt Hebron fällt heute bereits in den Reiseplan der Touristen. In Egypten gibt es eine ganz andere Art spagnolisciier Juden. Ihre Wurzeln stecken tiefer, im Lande als die ihrer Brüder in Palästina; ihre Vergangenheit ist glänzender und sehr oft mit den Geschichten des Landes verwoben; anders als in Palästina, leben sie durch ihr Hände werk und nicht durch ihre Frömmigkeit. Hier verbleiben sie auch mehr in ihrem urwüchsigen Zustande und vermehren sich aus sich selbst heraus; eine Ueberflügelung durch die Aschkenasim droht ihnen in absehbarer Zeit nicht. In dem von Menschen wimmelnden Stadtteil Kairos im Mousqui, der einem Ameisenhaufen zu vergleichen ist, haben die Juden ihre Läden und Butiquen. Es ist merkwürdig, dass die Juden überall die schmutzigsten Stadtteile, die ältesten Häuser und die kleinlichsten Geschäftsläden besitzen; in alter Zeit mussten sie wahrscheinlich auf äusseren Befehl derart wohnen, und in der neueren Zeit haben sie vermöge ihres konservativen Sinnes entweder die Lust nicht, oder vermöge ihrer Armut die Geldmittel nicht, sich in anderen Stadtteilen vornehmer zu etablieren. Der ausschliesslich geschäftliche Charakter des Mousqui ist wahrscheinlich eben durch die Juden begründet worden; der rege Geschäftssinn der Juden liess hier Laden auf Laden, Bazar auf Bazar aufkommen; die natürliche Vermehrung der Einwohner machte immer neue Bauten und neue winklige Gassen und Gässchen nötig, so dass die Juden es wohl sich selber zuzuschreiben haben, wenn sie in dem bis zum Erdrücken vollen Mousqui aus Mangel an Luft fast ersticken müssen. Die Erwerbstätigkeit im Mousqui spottet aller Beschreibung. Grobe Eisenarbeiten der Schmiedestätten wechseln ab mit den feinsten Filigranarbeiten; primitive Stoffe des ländlichen Lebens werden ebenso hier verfertigt wie die feinen orientalischen Gewebe, die so sehr gesucht sind; hier kann man in einer Stunde die Zubereitung aller orientalischen Speisen und Getränke ansehen und die darin sich bekundende Kunst bewundern. Und was im Mousqui schon in erstaunlichem ja fürchterlichem Masse vorhanden ist, setzt sich in dem nahen Bazar nur noch intensiver, fast in grandioser Weise -fort. An alledem sind die Juden in hervorragender Weise beteiligt, und bei einigem Zusehen erkennt, man sehr leicht ihre braunen Gesiehter, die runder und voller sind und einen stärkeren Bartwuchs anweisen, als die der ebenfalls semitischen Araber. Gern lassen sie sich mit dem Fremden, der hier nur „Studien" anstellen will, in ein; Gespräch ein man kann doch nie wissen, ob nicht ein Geschäft daraus wird; hinsichtlich der Sprache kommen sie nicht in Verlegenheit; sie sprechen ausser arabisch auch französisch, englisch, italienisch, ja auch deutsch und griechisch. Einmal wird man noch dieser wunderbaren Geschäftsnatur der «luden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als es heute der Fall ist. Obzwar sich die Juden in allen irgendwie denkbaren Gewerben in gleicher Weise betätigen, so scheinen sie doch mit Vorliebe zwei spezielle Branchen zu kultivieren: sie sind Geldwechsler und Goldarbeiter. Das scheint nur so oberflächlich dasselbe zu sein, denn Geld wechseln ist reines Geschäft, während Gold bearbeiten und schmelzen eine Industrie ist und eine Arbeit mit den Händen erfordert. Die Judenfeinde ermangeln freilich nicht, beides in eine Kategorie zu stellen und zusagen, dass esnur Gold und Geld sei, womit sich die Juden befassen. Aber «ine-schwere kunstvolle Plaquette aus China-Silber, die wrohl für eine Seder-Schüssel bestimmt