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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 697 - 698

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Orientalische Spagnolen
Date
1906-10-01
Page
Seite 697 - 698 (sequence 6)
Language
German
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697 Dr. Samuel Krauss: Orientalische Spagnolen. 693 stattliches Aussehen hat und in einer italienischen Kirche wohl die piepe de resistance bilden würde, wenn sie nicht von einem armen Weib und ihren Kindern bewohnt wäre. Es ist die Frau des Schammasch, und sie kommt hierher, um vor der Sonne den kühlen Schatten zu gemessen. Also ist es doch wahr, was man ironisch so oft hört, dass sich die Juden in ihren Synagogen allzu heimisch fühlen. In der Bundeslade zeigt man eine alte Thora-Rolle; diese ist, wie in allen sephardischen Synagogen, in einer hölzernen Kiste aufbewahrt. Merkwürdig ist es, dass die Aufschriften auf der Bundeslade derart, korrekt sind, dass selbst der weiche Charakter der Buchstaben (hebräisch raphe) angegeben ist. Dass auf der Tür der Bundeslade auch der Priestersegen angebracht; ist (Num. VE. 24) ist weniger auffallend, als die Orthographie des Gotternaniens mit T (Jad Waw Jad), die man nur in recht alter Schrift sieht. Bei kurzem Aufenthalt in einem fremden Lande hat man selten Gelegenheit, die Bevölkerung aueli in deren Familienleben zu beobachten, besonders im Orient, wo die Frauen so sehr die Oeffentlichkeit meiden. So verdient es hervorgehoben zu werden, dass ich zu meiner Freude in Kairo in einem vornehmen jüdischen Hause der Zeremonie der Beschneidung beiwohnen konnte, ein Familienfest, bei der sich sowohl Männer als Frauen und Mädchen in grosser Anzahl einfanden und mir eine Beobachtung ermöglichten. Doch würde es zu weit führen, all das Interessante und Merkwürdige, was ich bei dieser Gelegenheit sehen konnte, hier mitzuteilen; ich spare das Thema tür eine andere Zeit auf. Auch die prächtige neue Synagoge auf der Strasse Tsmaclych, in dem vornehmsten Teile der S^adt verdient eine eingehendere Schilderung, als ich sie hier, wo nur Reiseeindrücke wiedergegeben werden, zu geben willens bin. Noch habe ich ein paar kurze Worte für Alexandria, die zweite Hauptstadt des Landes. Der jüdische Literat, der nach Alexandria kommt, und der da weiss, welch wichtige Rolle die jüdische Gemeinde zu Alexandria in der Geschichte der Gesamtjudenheit gespielt hat, späht sehnsüchtig nach den Spuren dieser Vergangenheit aus, aber vergebens. Wo sieht man heute eine Spur von dem ehemaligen jüdischen Stadtviertel, wo den Palast der Alabarchen, wo die Stätte der Arbeiten der siebzig Dolmetscher (Septuaginta)? Hier ist alles modern geworden, und selbst die spagnolischen Juden, dieses konservativste Element im Schosse des Judentums, läuft Gefahr, inmitten der vielen italienischen und griechischen, neuerdings auch deutschen und ungarischen Juden ihren ehrwürdigen Charakter zu verlieren und sich zu modernisieren. Schon macht sich auch in ihren Reihen der Indifferentismus, die Irreligiosität und die Vernachlässigung der religiösen Observanzen breit, und keine neue Institution, keine Fürsorge, wie sie in modernen Gemeinden bestehen, ist getroffen, um den Geist des Judentums zu heben. Dass auch der hiesige "Rabbiner, gegenwärtig ist es Elia Chasan, der den Titel Chacham Baschi führt, zeugt« von einer gewissen Selbständigkeit der Gemeinde von Alexandria gesrenüber der von Kairo, und der Mann, der zu dieser Würde berufen ist, muss jedenfalls von einiger Bedeutung sein. Ja, Elia Chasan kann sich' auf eine stattliche Anzahl von Vorfahren berufen, die ebenfalls Grosse in Israel waren; von seinem Urgrossvater, N. Chasan, der in Jerusalem Rabbiner war, geht die Sage, er habe durch seine Juden die Mauern von Jerusalem gegen das französische Heer Napoleons befestigen lassen, und habe dadurch eine grosse Getahr yon der dortigen Judenschaft abgewälzt. Elia Chasan war auch in Europa; er gehörte zu den Protest-Rabinern in Krakau, wo gegen die Blutbeschuldigung gekämpft wurde: der Chacham Baschi kam damals auch nach Budapest, und machte allenthalben den besten Eindruck. Und zeigt er sich, wie ich ihn einmal am Sabbath in Alexandria gesehen habe, im Sabbath-Staate, umgeben von seinen Getreuen, gefolgt von seinem Kawas, ist e* ausgeschlossen, dass dieser Mann, mit der hohen Statur, dem vollen Bart und dem starken Körperbau, das Judentum nicht würdig repräsentieren würde. Seine Gelehrsamkeit freilich ist mir unbekannt, aber Verschwiegenheit und das Kargen mit Worten ist nicht immer Zeichen der Beschränktheit. Demnach möchte ich den Rabbi Elia Chasan um vieles höher taxieren, als es mein Freund Professor R. Gottheil in einem amerikanischen Periodical getan hat (New Era ill. Magazine, 1905, 623). Alles Uebrige aber, was Gotrheil über Alexandria schreibt, ist so vortrefflich und stimmt mit meinen eigenen Beobachtungen so sehr überein, dass ich wenigsten für jetzt, das von ihm behandelte Thema nicht ferner behandeln will, auch so dem freundlichen Leser dankend, wenn er die Wahrnehmungen eines ungeübten Reisenden seiner Beachtung wert gefunden hat. Nach alledem, was ich gesehen und erfahren habe, kann ich, wie sehr sich auch mein Herz gesren das harte Urteil sträubt, unseren spagnolischen Brüdern im Orient kein günstiges Pjognosticon stellen. Es ist ein zähes, im Unglück und in der Religion ausdauerndes Volk, es steht vielleicht auch an Körperschönheit, namentlich was die Frauen anlangt, den aschkenasischen Brüdern voran, aber es fehlt ihm die Ausdauer in der Arbeit, es geht ihm ab der eiserne Wille in der Verfolgung der Lebenspläne, und es hat hauptsächlich den Fehler, dass es fir moderne Bildung keinen Sinn hat, dass es sich also den Anforderungen des modernen Lebens nicht anpassen kann. Diesbezüglich sind sie ganz Orientalen geworden. Ich glaube nicht, dass daran nur die Umgebung, das Wohnen in orientalischen 1 Ländern die Schuld sei, denn in denselben Ländern kommen die aschkenasischen Juden sehr put fort. Gewiss sind meine Beobachtungen nicht genügend, , gewiss ist ein flüchtiger Besuch in jenen Gegenden zu einem definitiven Urteil nicht geeignet — hierzu würden erst jahrelange Beobachtungen genügen — aber ich habe meine persönlichen Erfahrungen bereits früher und nachher zu ergänzen gesucht durch eifrige Studien, die aus dem oben geschilderten Hange /.u den Spagnolen geflossen sind. Demgemäss habe ich bereits früher, als ich für die Jewish Encyclopedia die Artikel Afrika und Berberque States geschrieben habe, über einen wichtigen Teil der orientalischen Spagnolen, über die in Nord-Afrika, genug Bücher und Reiseberichte nachgelesen, und auch die Zustände in der europäischen und asiatischen Türkei, gleichfalls ein ständiger Sitz der spanischen und portugiesischen Brüder, sind mir ebenfalls zur genüge bekannt. Nirgends findet man die Bedingungen eines gedeihlichen Lebens, es zeigen sich die Keime nicht, die die künftige Entwicklung andeuten könnten. Nur von aussen können anregende, fördernde und lebenspendende Faktoren in die Massen der spagnolischen Gemeinden gebracht werden. Hierzu sind durch die Schulen der Alliance Israelite Universelle und der Jewisch Colonisation Association die ersten Grundlagen gelegt worden; doch sind Jahrzehnte erforderlich, wenn die Früchte eines solchen Werkes weithin sichtbar sein sollen.

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