Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Orientalische Spagnolen
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 691 - 692 (sequence 3)
- Language
- German
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691 Dr. Samuel Krauss: Orientalische Spagnolei.. 692 dass die Gemeinde der Sephärdim sehr klein geworden ist lind einer ferneren Synagoge nicht bedarf. Dennoch gibt, es noch etliche 8000 Sephärdim in Jerusalem — die Äschkenasim zählen etwa doppelt soviel Seelen — und da doch gewiss auch diese zu" gemeinsamem Gottesdienste zusammenkommen, so muss das in den ungezähten Privatbetstuben geschehen, an denen ganz Jerusalem so sehr krankt, weil sie ein Gemeindeleben in höherem Stile unmöglich machen. Es sieht alles so schrecklich ärmlich aus, wenn man in den Gemeindelokalitäten der Spagnolen noch weiter berumwandert. Auf morschen schmalen Treppen gebt es auf und ab; nur oben, etwa dem dritten Stockwerk entsprechend, befindet sich eine freie lichte Terrasse, in welche die Kanzleien der Gemeinde, jede Tür mit hebräischer Aufschrift versehen, münden. Heute am Sabbath sind sie geschlossen, aber in einem schmalen Gange, vor einer halbverschlossenen Türe, sieht man ein Stück exceptionellen sabbathlichen Lebens: hier drängen sich Greise und Greisinnen — letztere in Ueberzahl — um ihre Sabbath-Kost zu empfangen. Aus einem grossen eisernen Kasten werden ungeheuere Schüsseln mit warmem Gemüse von Bohnen, worin auch etwas Fleisch, hervorgeholt und den Armen in die bereit gehaltenen Geschirre verteilt. Das ist die Tharnchnj-Armenküche, wie sie schon im Thalmud geschildert wird. Nebenan in einem ziemlich finsteren aber sauberen Zimmer, sitzen schon die Waisen bei einem mit Leder bedecktem Tische; auch sie bekommen jetzt ihr Sabbath-Mal; zwei Lehrer und zwei Pflegeweiber stehen zu ihrer Aufsicht und Bedienung da. Als ich das Gebäude verliess, stimmten die jungen Burschen ein hebräisches Lied an, das einzig schöne, was ich hier gesehen und erfahren habe. * * . * In Hebron, nächst Jerusalem die heiligste Stadt der Juden-jn Palästina, geht es den Spagnolen nicht minder schlecht. Man hat ordentlich Herzeleid, wenn man dieses Elend siebt. Die Gemeinde war nie gross, dennoch aber liess sich Hebron in eine Reihe stellen mit Jerusalem, Sapbet, Tiberias; in diese vier „Länder" nämlich wird Palästina in bezug auf die Chalukkah (Verteilung der Spenden) eingeteilt. Ehedem wohnten alle Juden zu Hebron in einem einzigen grossen Hof, und auch heute wohnt ein grosser Teil von ihnen in diesem Hof. Er liegt nahe zum Bazar, in dem sich das ganze Leben Hebrons konzentriert. Da gibt es ebenerdige und stockhohe Häuser, Galerien und Treppen, gerade und krumme Gässchen und Höfe, Anhöhen und Tiefen, aber von aussen sieht das Ganze wie ein Haus aus, in das nur ein einziges niedriges Tor führt, und auch dieses war früher durch ein festes Schloss jede Nacht verrammelt. Das ganze Ensemble heisst noch jetzt Häret-el-Jehüt, das ist: Judengasse. Vor einigen Dezennien, im Jahre 1820, forderten die Karäer einen Teil des Judenhofes für sich, indem sie behaupteten, sie hätten ihn vor 300 Jahren erbaut, was auch richtig zu sein scheint; aber die Spag-nolen konnten dokumentarisch erweisen, dass im Jahre 1640 auch dieser Teil ums Geld für sie gekauft worden ist. Die Karäer sind seitdem aus Hebron so gut wie verschwunden, dafür machen sich aber etwa seit hundert Jahren auch hier die Aschkenasim breit, und heute, wo sich russische Flüchtlinge überallhin verbreiten, hört man auch hier den jüdisch-deutschen Jargon. Es lässt sich denken, dass in erster Reihe Hebron es war, wo sich alle Schattierungen des Judentums niederliessen; befindet sich doch hier die Me'arathha- Machpela, die Doppelhöhle, in der die Erzväter und Erzmütter den ewigen Schlaf schlafen. Dieser von den Moslim so eifersüchtig bewachte Platz (Haräm) ist nicht minder eine Gebetsstätte der Juden, wie die Klagemauer zu Jerusalem und das Grab Rachels; viele Spagnolen lebten früher von dem Kultus, der diesen Platz umgibt, entweder als Führer der Fremden1 oder als Betende; heute aber klagen sie, dass sie hierin von den Aschkenasim gestört wären. Am Tage meines Besuches iu Hebron, den Tag vor Neumond Nisän, ist die Doppelhöhle der Gegenstand einer besonderen Ehrung seitens der Juden, weil doch Nisan der Monat der Erzväter heisst (Et han im). Leider hat noch keines Juden Auge das innere der Doppelhöhle sehen können, und selbst das Wenige, was den Juden zu sehen gestattet ist, ein paar Wände und Treppen, kann dem Besucher grosse Gefahr bringen. Männer und Weiber, besonders aber halberwachsene Jungen, stehen in hellen Haufen vor der Moschee, und sind jedesmal bereit, den Besucher, in erster Reihe den Juden, mit Steinwürten zu traktieren. Es ist am besten, sich unter den Schutz eines türkischen Polizeimannes zu stellen, wie ich und meine Begleiter es getan haben. Aber auch so ist der Zugang durch das geräuschvolle, dicht von Moslim besetzten Bazar-Areal recht unheimlich, und wir waren ordentlich froh, als wir mit heiler Haut davonkamen. Da man das Innere nicht sehen kann, so habe ich mich schon in Jerusalem nach Photographien umgesehen, und ich habe in der Hand eines Juden wirklich eine gefunden, die nach seiner Behauptung das Werk eines Jerusalemer Photographen sei, der sie nicht vervielfältigen lasse. Gleichwohl habe ich in Budapest in der Hand eines Photographen, der in diesem Jahre eigens zum photographieren nach Palästina gereist ist, und der von jenem Jerusalemer Photographen das „Copyright" erlangt hat, die nebenanstehenden zwei Photographien erlansren können. Ob sie der Wirklichentsprechen, muss in Frage gestellt werden; besonders aber muss bemerkt werden, dass die eigentlichen Gräber auf diesen Bildern nicht zu sehen sind.*) Der Anblick unserer spagnolischen Brüder, die im Bazar fleis>ig ihr Handwerk betreiben und die auf unsere hebräisch gestellten Anfragen gern antworteten, verschaffte uns einige Beruhigung, die wir inmitten der feindlich gesinnten fanatischen mohamedanischen Bevölkerung so sehr nötig hatten. Ein spagnolischer Jude war es auch, der uns den Weg zum „Judenhof" zeigte; ein Fremder würde in diesem Labyrinth den Zugang nicht gefunden haben. Wie ist nur das Elend von Jahrhunderten in diesen Gebäuden so deutlich zu sehen! Hier ist alles schmutzig und hässlich; ein Bau greift in den anderen, als wollte er ihn vom Orte rücken; nirgends leerer Raum, nirgends Luft; überall schwarze zerbröckelte Wände, treppauf, Treppab; Abfälle und schmutziges Wasser machen sich breit und erschweren die Passage, die in anderer Umgebung sich gar nicht übel präsentieren würde. Sie ist ein Rundbau, wie ihre Schwester in Jerusalem, ziemlich hübsch geordnet, hat auch Bänke und ist frei von auffälligem Schmutz. Wir gehen abermals einige Treppen auf und ab, und bemerken eine Art Kinderschule, aus welcher einige Kinder gerade die schmutzigen Gänge füllen. Gern hätte ich mir die Kinder anderswo gedacht, gern wäre ich frei geblieben von dem betrübendem Gedanken, dass junge, im Wachstum begriffene Menschenkinder in diesem Kerker schmachten müssen; aber es war nicht zu helfen, der Anblick ist mir nicht erspart geblieben. Mein letzter Besuch galt dem „grossen" Beth-ha- Midrasch. Es ist dies eine Bibliothek, in welcher *) Aus technischen Gründen konnten wir die Bilder nicht bringen. Red.