Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Orientalische Spagnolen
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 689 - 690 (sequence 2)
- Language
- German
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689 Dr. Samuel Krauss: Orientalische Spagnolen. 690 kleinen Gemeinde nicht ohne Anmut, und namentlich die Rezitation der Haft ar ah, die von dem angesehensten Mitglied der Gemeinde vorgetragen wurde, mit ihrer traurigmonotonen Melodie, schien mir echten jüdischen Gesang darzustellen. All meine guten Vorstellungen jedoch von den Sephardim waren zu nichte, als ich in diesem Jahre einige sephardische Gemeinden in Palästina und Egypten kennen gelernt habe. Jerusalem und überhaupt ganz Palästina gilt als einer der Hauptsitze der Spagnolen; hier hoffte ich ein lebenskräftiges, auch äusserlich anziehendes Sephardentum anzutreffen. Aber es traf sich das Gegenteil: das Sephardentum sieht bettelhaft, vernachlässigt und vom Elend gedrückt aus; es zieht sich in seine engen Behausungen, in seine kleinen Synagogen zurück, als ob es dem pulsierenden Leben der modernen Zeit ängstlich ausweichen wollte. In Jaffa, wo die Spagnolen mit den Deutschen einen einheitlichen Gemeindeverband bilden, bekam ich einen Vorgeschmack davon. Bei Anbruch der Nacht höre ich auf einmal den trockenen Klang von einheitlichen Tönen; ein Lied war es nicht; sollte es ein Gezänk auf der Strasse sein? Doch ich merke auf: es sind hebräische Worte, und allmählich erkenne ich die Verse des 91. Psalmes. Also ein Leichenzug, Abends, bei Packeln. Wo ist aber die Leiche? Ein einzelner Mann trägt sie auf der Schulter in ein Tuch gehüllt; kein Sarg, keine Tragbahre. So machen es auch die Mohamedaner, nur sind sie schweigsamer, während die Jaffaer Glaubensbrüder ohne Unterlass mit herausgestossenen Tönen ihren Psalm rezitieren. Gleichwohl wäre eine Art Harmonie zustande gekommen, wenn die Klänge sich aus mehreren Stimmen zusammengesetzt hätten. Es waren aber 6—8 Männer, die ohne jede musikalische Nuance ihre Worte hervorstiessen. Wo sind die Zeiten, wo die ganze Gemeinde an der Levajah teilnahm? An der ganzen Veranstaltung ist nur das zu rühmen, dass die Juden in Jaffa diese Zeremonie, die nur als Strassenlärm bezeichnet werden kann, in den lebhaftesten Strassen der Stadt ohne Störung ausüben können, Was aber die wenig decente Art des Leichentransportes betrifft, so hörte ich, dass in Jerusalem eine starke Bewegung im Zuge ist, die zum Ziele hat, Leichen nur in Särgen sowohl hinauszutragen als auch ins Grab zu legen. In Jerusalem sind die Spagnolen, einst die alleinigen Bewohner des Landes, noch immer zahlreich, sind aber von den Deutschen weit überflügelt. Sie sind an ihrer orientalischen Kleidung sofort kenntlich, und durch die Kleidung unterscheiden sie sich auch von den anderen orientalischen Juden, von den Maghrebinern, Jemeniten, Bucharen etc. Die türkische Regierung und so auch die Bevölkerung hält sie für die eigentlichen Juden, während die eingewanderten Aschkenasim ihr nur „Franken" sind. Das sind alles Reste des alten Ansehens, das aber nicht hindert, dass die Spagnolen in Jerusalem von Jahr zu Jahr ärmer und wie es scheint, auch weniger werden. Ich besuchte ihre Synagoge Sabbath morgens, den 1. April. Sie liegt wie versteckt zwischen den Häusern der Judenstadt, innerhalb der Festungsmauern, in einem Komplex von Gebäuden, die den Zugang für den Fremden fast unauffindbar und jedenfalls beschwerlich machen. Sie heisst R. Jochanan ben Sakkai-Synagoge, ohne dass für diese Benennung ein Grund vorhanden wäre. Sie ist eigentlich ein Kuppelbau, höher als gewöhnliche Häuser, aber über die Häusermasse doch nicht hervorragend; sie sollte ja in der alten Zeit der Verfolgung nicht allzusehr in die Augen fallen. In ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie etwa 200 Jahre alt und demzufolge sehr baufällig. Sitze in unserem Sinne des Wortes gibt es in dieser Synagoge nicht, sondern nur Mastaben, das heisst in die Wände hineingebaute Bänke, die mit Matten bedeckt, nicht so sehr dem Sitzen dienen, als dem orientalischen Kauern, und unsere Spagnolen machen es in diesem Punkte geradeso wie die Araber. So sah ich auf der Eisenbahn zwischen Jaffa und Jerusalem einen unbeschuhten Araber, der um nichts in der Welt anders gesessen hätte. Auch die spagnolischen Juden sitzen in halbwegs liegender Stellung auf den Mastaben der Synagogen, wobei sie die leichten Pantoffel von den Füssen gleiten lassen, was zur Folge hat, dass nun die nicht immer reinen Strümpfe sichtbar werden. Der völlige Mangel an ästhetischem Sinn verrät sich auf allen Punkten. Da sieht man im Hinterteile der Synagoge, der Bundeslade gegenüber, einen roh gezimmerten Bretter-Verschlag; ich erfuhr, dass das die G e n i z a h sei, das heisst die Rumpelkammer, in welche die obsoleten Gebetbücher und Thora-Requisiten geworfen werden. An der Nordwand bemerkt man eine Art Kapelle, von der mir die Leute sagten, das wäre die Elia-Höhle; eines Tages habe die erforderliche Zahl von zehn Personen ( M i n j a n ) , die zur Abhaltung des öffentlichen Gottesdienstes nötig ist, gefehlt: da sei der Prophet Elia urplötzlich in die Lücke gegetreten. Viele Sjmagogen haben ähnliche Sagen, und selbst im grossen Haräm von Jerusalem, in der Omar- Moschee, wird unter dem Felsen die Höhle gezeigt, in der der Prophet Elia gebetet haben soll. Unsere Spagnolen lassen auch diese Stelle ebenso verwahrlost, und zerfallen sein, wie das übrige Gebäude. Ja, selbst Gerolle, Bruchstücke von Holz und Stein, allerlei Abfall liegt in der Synagoge herum, und als ich nach Beendigung des Gottesdienstes die Leute fragte, warum sie denn ihr Gotteshaus nicht reine]* halten, sagten sie, wie das alle Jerusalemer tun, sie wären arm, und bezüglich des Gerolle, dass ihre Kinder hier den Unterricht genössen und das Unwesen verursachten. Das freilich schlösse nicht aus, dass die Synagoge vor Sabbath gereinigt werde, und ich habe das den Leitten, als sie des anderen Tages quasi in Deputation zu mir kamen, auch noch mit der Begründung gesagt, dass sie auf das Aeussere ihres Gottesdienstes sowohl in Anbetracht der übrigen Bevölkerung als auch wegen der Fremden, von denen sie doch Unterstützung erhoffen, sehr bedacht sein müssten. Der sephardische Gottesdienst in Jerusalem entbehrt jeden Schmuckes; die etwa 50—60 Mann zählende Versammlung — die Zahl der Frauen hinter dem dichten Gitter der Gallerie blieb mir unbekannt — stimmt keine einzige harmonische Melodie, kein gemeinsames Responsorium an; der Vorbeter könnte den stärksten Schläfer aus dem Schlafe rütteln; das Vorlesen aus der Tora ist wenig mehr als der Wortschwal 1 eines Mannes, der mit einem Nächsten ein Gezanke anfängt. Ohne freundlichen Gruss, ohne sich einer um den anderen zu bekümmern, trennen sich die Leute, von deren Gesicht man schwere Sorge und grossen Kummer herunterlesen kann, und die selbst in der Kleidung nicht sonderlich erkennen lassen, dass heute Sabbath sei. Die vornehmeren von ihnen, Männer, die solche wohlklingende Namen wie Aboab und Benveniste führen, hatten die Freundlichkeit, mir die nebenan befindlichen Räume zu zeigen. Einwärts befindet sich die Thalmud- Thora-Synagoge, ein von Säulen getragener grosser Raum, der freundlicher und reinlicher aussieht, als die vorhin geschilderte Synagoge. Ich fand die Synagoge leer, und man sagte mir, dass darin kein Gottesdienst mehr stattfinde; als Grund vermute ich den Umstand,