Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Versöhnung
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 677 - 678 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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677 Elieser Dawid Rosenthal: Versöhnung. ö/S, ,jBewahre die Unschuld und bewahre] das Wohlwollen; denn der Gerechten Ende ist selig, die Frevler aber, werden vertilgt; der Bösewichte Lohn ist Unheil." In gedämpftem und zerknirschtem Ton kamen diese Psalmverse an Berels Ohr. Er wandte sich um und gewahrte einen in den Tallis gehüllten Greis, der über sein Buch gebeugt dasass und betete. Ringsum lagen viele schlummernd auf Heuhügelchen, andere sassen in ihre Gebetmänteln gehüllt über Büchern und murmelten Psalmen. Ein Teil der Lichter flackerte erlöschend und feuchter Nebel erfüllte den Raum; durch das hohe, schlanke Fenster drang das bleiche, zitternde Licht des Mondes. Plötzlich stand der eben gesehene Traum vor Berels Gedächtnis, und tiefer Schrecken überkam ihn. „Das war ein Fingerzeig von oben11, dachte er, „ich bin verloren!" .... „Nein!" stiess er mit festem Entschluss hervor, „ich will nicht unselig werden, ich will nicht verdammt sein! Ich war stets ein ehrlicher Mensch, und das will ich bleiben. Für hundert Gulden soll ich meine Seligkeit verkaufen? Sobald Reb Moische da ist, will ich ihm alles bekennen und abends das unglückselige Geld zurückgeben." Dieser Entschluss beruhigte Berel, die Verzweiflung wich aus seinem Herzen, und er war fast fröhlich. Er begann andächtig die Psalmen zu beten und blickte jedesmal zum Fenster, ob der Morgen käme. Er wollte sich den drückenden Alb rasch vom Herzen wälzen. Die Morgendämmerung liess die ersten Fluten blauen Lichtes durch die Fenster strömen. Bald erhellten die ersten Sonnenstrahlen das Gotteshaus. Berels Gemüt jubelte ihnen entgegen. Es wurde ihm frei ums Herz; die Angst, die ihn beschlichen hatte, verschwand, und er begann die Dinge nüchtern zu betrachten. „Zurückgeben oder nicht?" überlegte er. „Wenn ich das Geld behalte, habe ich meinen Anteil an der ewigen Seligkeit verwirkt. Zurückgeben also? . . . Und was wird meine Frau sagen? Und der Mechuttan? Und die: Sache wird ruchbar werden, man wird mich meiden, ich werde Keinem ins Gesicht zu sehen wagen . . . . Ein Dieb * . .; Was tun? Barmherziger Gott, was tun?" jammerte er und biss sich die Unterlippe blutig. „Schreckliche Pein! Entweder ich verfalle dort der ewigen Verdammnis oder hinieden der ewigen Schmach. Hier oder dort! ..." Vergebens quälte er sich ab mit Psälmensagen; unaufhörlich rauschte es in seinen Ohren ,.hier oder dort!" Langsam kamen die Betenden zusammen, die Synagoge füllte sich; der Vorbeter begann unter Beihilfe einiger junger Männer das ergreifende und erhebende ,jAdon Olam"; aber Berel vernahm aus jedem Tonfall nur das ewige „hier oder dort!" . . . Plötzlich trat Reb Moische ein. Berel machte sich auf, um ihm entgegenzueilen, sank aber auf seinen Sitz zurück. „Ich will meiner Frau alles gestehen, und ihren Rat einholen" tröstete er sich. Die Sjmagoge war voll von Andächtigen; die Stimmen der Einzelnen flössen zusammen und vereinten sich zu einem mächtigen, himmeianstürmenden Gebet. Nur Berel stand abseits und seine Gedanken weilten anderswo. Wie ein Mühlrad ging es ihm im Kopfe herum. Der sonderbare Traum, Reb Moische,, der Mechutten, die Frau, Alles verwirrte sich in seiner Phantasie zu einem heillosen Chaos, während die Buchstaben im Gebetbuch die sonderbarsten Sprünge und Tänze ausführten. Er zwang sich zu weinen, schnitt Gesichter, drückte die Augen zu; aber vergebens, keine Träne wollte hervor. Um seine Gewissensbisse zu betäuben, begann er die langen, schwerverständlichen Piutim zu verschlingen, er brummte die harten, rätselhaften Verse, ohne ein Wort zu verstehen. Er wollte nur seine Gedanken abmühen und den nagenden Wurm in seinem Innern beschwichtigen. Kalter Schweiss bedeckte seine Stirn, und bleierne Müdigkeit lastete ihm auf den Gliedern. Da erscholl die Stimme des Vorbeters: „Das Weltall hängt an Seinem Finger, die Erde ist voll von Seiner Pracht!" Eine Bewegung ging durch die Menge. Alle erhoben sich von ihren Sitzen und verhüllten die Gesichter mit dem Tallis. Das erhabene und erschütternde Gebet „Unesaneh tokef". an das sich eine so merkwürdige, wunderbare Legende knüpft, entströmte unter Weinen und Flehen den Lippen der Gemeinde. „Du bist Richter und Vollstrecker, Du bist Zeuge und Allwissender, Du verzeichnest und versiegelst und kennst alles Verborgene. Dein ewiges Buch schlägst Du auf, und es liest sich von selbst; jedes Sterblichen Siegel ist darinnen." Die Verse kamen herzergreifend von den Lippen des Vorbeters, und Berel las schaudernd nach. Ein Tränenstrom quoll aus seinen Augen. Da sitzt der gerechte Gott auf Seinem Throne und hält die Wagschale in der Rechten; das ewige Buch ist aufgeschlagen, und jedes Sterblichen Siegel ist darin. Auch Berels Siegel. Nachts, als die Seele ihre Hülle verliess und zum Himmel emporstieg, schrieb sie dort seine Missetat hinein, und nun klagen die Worte ihren Urheber an vor dem unsterblichen Richter. „Berel, Dieb, Räuber!" Und er wagt es noch, in Gottes Haus unter ehrlichen Leuten zu stehen und um: Gnade zu betteln. Da drang die Stimme des Vorbeters wieder an sein Ohr: „Die Engel, sie eilen; und Beben erfasst sie; sie lispeln: der Tag des Gerichtes ist da!" Zuerst leise, dann immer lauter sang der Chasan, bis seine Stimme beim letzten Wort so mächtig anschwoll, dass die Scheiben klirrten. Berel ermannte sich: „Nein, nein,'1 sagte er fest, „nach der Keduschah muss es ein Ende nehmen; ich werde vor Reb Moische bekennen und ihn um Verzeihung bitten" .... Die Keduscbaji war zu Ende, doch Berel rührte sich nicht. Der Tag ging zur Neige. Die letztem Strahlen der Sonne vergoldeten die Wipfel der Bäume und lange Schatten erstreckten sich über die Lände. In der Synagoge zündete der christliche Diener Kerzen und Lampen an. Im Vorhofe sassen mehrere Männer mit bleichen Gesichtern und ruhten aus von den Mühen des Tages. Es war vor dem Neiia-Gebet. Auf den Gesichtern lag: ein Ausdruck von Befriedigung, wie. nach