Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Versöhnung
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 675 - 676 (sequence 2)
- Language
- German
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675 Elieser Dawid Rosenthal: Versöhnung. 676 Schweisstropfen traten ihm auf die Stirn. Da erwachte er aus dem Sinnen und glaubte zu bemerken, dass Aller Blicke auf ihm ruhten. Schnell vollendete er sein Gebet und eilte pochenden Herzens nach Haus. Er nahm nur wenig von der Speise zu sich und war bald wieder in der Synagoge zwischen den Betenden, wo er sich in den Tallis hüllte und das einleitende Gebet vor Kol - Nidre zu flüstern begann. Der rötliche Schein der untergehenden Sonne vermischte sich mit dem Lichte der zahllosen Wachskerzen. Die Betenden waren in weisse Gewänder gehüllt, ein reumütiger und zerknirschter Ausdruck lag auf den Gesichtern: von der Frauensynagoge her drang Jammern und Weinen hernieder und fand ein Echo in Berles wundem Herzen. Er stand zusammengeknickt da und betete, seine Augen troffen von Tränen, jedes Wort des Gebets schien Balsam in seine Wunde zu träufeln. In diesem Augenblick war er beruhigt, denn er fühlte, dass jede Silbe aus einem reuevollen Herzen kam. Jetzt tue er aufrichtig Busse, und Gott werde ihm schon verzeihen: ist Er ja allbarmherzig und gnadenreich! „Doch darob erbebt mein Herz am meisten, dass die Sünden gegen den Nebenmenschen am Jörn - Kippur nicht vergeben werden, bis der Betroffene versöhnt ist. Darob bebt mein Herz und meine Glieder zittern, weil auch am Tag des Todes diese Sünden nicht vergeben werden —" Berel stotterte die Sätze des Gebetes, und plötzlich wurde ihm dunkel vor den Augen, und eisige Kälte lagerte sich um sein Herz. Er traute seinen Blicken nicht, las wieder und wieder, und jedes Wort traf ihn wie ein Dolchstich. Diese Sätze waren unerbittlich harte Richter, welche sein Urteil gesprochen: Du bist schuldig, es gibt für Dich keine Verzeihung: Busse, Gebet, Fasten, nichts, nichts hilft. Vergebens rief es in ihm: „Barmherzigkeit, Vater im Himmel! Barmherzigkeit! Ich leide Not — alte Jungfer — aufgehobenes Verlöbnis", er fühlte selber klar, dass dies leere Ausflüchte waren. „Am Jörn-Kippur werden nur die Sünden gegen Gott verziehen; die Sünden gegen den Nebenmenschen — auch am Todestage nicht!" Er glaubte eine fürchterliche Stimme zu vernehmen, die ihm diese Worte in die Ohren dröhnte. Er blickte in das vor ihm liegende Machsor und las: „bis der Betroffene versöhnt ist." Dann verliere ich ja meinen guten Namen! Und was soll aus meiner alternden Tochter werden? Und was wird meine Frau dazu sagen?" „Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! Vater im Himmel!" keuchte Berel verzweifelt. Er nahm das unterbrochene Gebet nicht wieder auf und versank in Träume. Seine ganze; Vergangenheit zog an ihm vorüber. Leicht hatte ers ja" niemals gehabt; er hatte die Not mit allen ihren Schrecken kennen gelernt. Sein Leben war eine ununterbrochene, Kette von Kämpfen und Leiden. Aber das, Vertrauen zu Gott hatte ihn niemals verlassen. „Oftmals glaubte* ich, alles wäre verloren, und doch war Gottes ITilfenahe, und ich hatte ein reines Herz und reine Hände. Und diesmal wollte ich nicht auf Gott hoffen. Da habe ich'sl" „Unglücklicher! Unglücklicher! Dieb, Dieb!" klang es ihm unaufhörlich in den Ohren, und er wiederholte die Worte, wie um in seinen eigenen Schmerzen zu wühlen. So stand er da, in Gedanken versunken, während die Gemeinde die einleitende Thefilla vollendet hatte und nun begann, sich zum Kol-Nidre zu rüsten. Zwei Männer, jeder eine Thorarolle auf dem Arm, traten zu Seiten des Vorbeters, einer von ihnen war Reb Moische Wechsler. Tiefe Stille herrschte im ganzen Räume. „Alle, die da sind frevlerisch und sündig, mögen mit Gottes Willen unter uns zum gemeinsamen Gebet aufgenommen werden!" tönte es plötzlich an Berels Ohr. wie eme sanfte, tiefe und traurige Stimme. Er erwachte und blickte auf; es war Reb Moische, der da in Gottes Namen ihm, dem Frevler Berel, zum Beten Erlaubnis gab. Er glaubte, dass Reb Moische's Blick ihn durchdringe und sich in sein Herz bohre. ... „Barmherzigkeit, Vater im Himmel" flüsterte Berel aus der Tiefe seines schuldbewussten HeTzens. Das Abendgebet war zu Ende, Psalmengesang folgte, und darauf gingen die meisten Andächtigen nach Hause, um sich für den morgigen Bussetag durch Schlaf zu erholen. Nur die blieben im Gotteshause; welche die Nacht mit Psalmen und Thorahstudium verbringen wollten. Sobald einen der Schlaf überwältigte, lehnte er den Kopf gegen ein Häuflein Heu, um ein Weilchen zu schlummern. Auch Berel blieb und setzte sich in eine Ecke. Vor ihm lag das Psalmenbuch, und er sammelte seine Gedankeu, um ungestört beten zu können. Ohne aufzublicken, lispelte er vor sich hin, bis ihn der Schlummer übermannte. Vergebens kämpfte er mit allen Kräften gegen die Müdigkeit an, vergebens riss er die Augenlider auf, schnupfte Tabak und bemühte sich, klare Gedanken zu haben. Im Kopfe rauschte es ihm, die Buchstaben verwischten sich, vor seinen Augen tanzten und wirbelten goldene, blaue und grüne Pünktchen. Sein Kopf sank herunter, das Buch entfiel der Hand, er schlief ein. . . . Und er träumte einen wunderlichen Traum. Auf einem unendlichen, von strahlendem Licht erfüllten Hintergrunde sah er eine grosse, von unsichtbarer Hand . getragene Wage. Er konnte den Blick nicht davon abwenden, eine unwiderstehliche Gewalt zwang ihn, auf die "Wagschalen und das Zünglein, hinzustarren, und er hatte das klare Bewusstsein, dass jetzt sein Schicksal abgewogen Avird. Das Zünglein spielte auf- und abwärts, beide Schalen schienen sich das Gleichgewicht zu halten. Da flog ein grosses Stück Papier auf die eine Schale. Berel starrte darauf hin, und mit Entsetzen gewahrte er, dass es der gestohlene Hundertguldenschein war . . . Schwarz Avar er, Avie der Abgrund, und blutrote Lettern standen darauf. Die Wagschale sank mit einem Male in die Tiefe. Nun wusste er . .,. ..Hier bleibt nichts verborgen . . .... Da fühlte er einen heftigen Stoss am Kopfe und erwachte.