Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Versöhnung
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 679 - 680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583952-2593947--06512-2594075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
679 Elieser Dawid Rosenthal: Versöhnung. 680 erfüllter Pnicm, und zugleich der Widerschein des A^ertrauens und der Zuversicht. Berel sass zusammengeknickt auf seinem Platze, den Kopf in beide Arme gestemmt; er sah vernichtet und hoffnungslos aus. In seinen Ohren klangen die Worte: ..0, öffne uns die Pforte, bevor sie uns geschlossen!" Nur noch einige Minuten, bald wird die Pforte geschlossen, und er hat noch nichts für seine Erlösung getan!" Plötzlich erhob er sich eilig und rannte wie toll auf Reb Moische zu: „Ich will euch etwas sagen, Reb Moische!" „Später, nach dem Beten!" „Nein, nein, nein! Jetzt muss es sein!" drängte Berel ausser sich vor Angst. Reb Moische sah ihn erstaunt an; doch erhob er sich und folgte hinaus hinter die Synagoge. Berel sah sich ängstlich um, dann begann er unter Tränen mit zitternder Stimme: „Verzeihung, Reb Moische, Verzeihung!" „Gott mit dir, Berel! Wras habe ich dir zu verzeihen'?'1 „Reb Moische," stammelte Bereif „den Hunderter .. ich habe . . . Gott behüte, ich bin kein Dieb, Gott sei mir gnädig! . . . Der Mechuttan wollte das Verlöbnis aufheben, da kam ich zu euch . . . Niemand war . . . ich . . . ich . . . Bitte sehr, verzeihet! Abends bring' ich das Geld wieder! Bei Gott! Aus dem Verlöbnis des Mädchens wird nichts! Die Frau wird mich peinigen! Aber es ist mir lieber so. Ich kann's nicht niehr aushalten . . . Join Kippur!" Reb Moische hörte diese Rede mit wachsendein Erstaunen. Wortlos nahm er eine Prise. Dann zog er langsam sein rotgeblümtes Taschentuch hervor und räusperte sich. Darauf faltete er die Stirn und sagte langsam: „Ich? Ich? Choliloh! Gott behüte, dass durch mein Verschulden ein Verlöbnis gestört und dein Kind beschämt werde! Na, schön war es gerade nicht von dir, so . . . Aber was spreche ich da? Gott sei mir gnädig! Wie sagen doch die alten Weisen, gesegnet sei ihr Andenken? „Verdamme Niemanden, bevor du nicht in seiner Lage gewesen!" Na, also, das Geld behalte und bringe mir morgen einen Schuldschein; dann wirst du's einzeln abzahlen. So!" „Ihr seid ein Engel, Reb Moische," schluchzte Berel. „Was Engel, wer Engel! Ich bin ein einfacher Jüd. Wir sind beide Menschen. Du bist 'n Jüd und ich bin 'n Jüd. Was ist weiter dabei?" „Pfui, Berel, sündige nicht!" wehrte Reb Moische ab. AUS DER JUED1SCHEN SAGEN- UND MAERCHENWELT, Von Bar-Ami. Nachdruck verboten. Wie der Vater seine Tochter fand. Es war einmal ein grosser, gelehrter Rabbi, der schrieb ein gelehrtes Buch und von den Anfangsbuchstaben des Titels nannte man ihn kurz „Schach." Dieser Schach hatte eine einzige Tochter, ein Kind von sechs Jahren. Einmal sollten durch die Stadt die Tataren kommen. Die Tataren durften töten, wen sie wollten, und man konnte ihnen nichts tun, Der Schach fürchtete für das Leben seiner Tochter, seine Frau war schon längst tot. Da ging er in einen tiefen Wald, erbaute sich eine Hütte, und gedachte dort mit seiner Tochter zu bleiben, bis die Gefahr vorüber sei. Einmal ging der Rabbi in die Stadt, um Nahrungsmittel für Samstag einzukaufen, und Hess seine kleine Tochter allein in der Hütte zurück. Da fuhr ein Poritz (Herr) vorbei, machte vor der Hütte Halt, trat hinein, ergriff das Kind und trabte davon. Der Rabbi kehrte bald heim und fand seine Tochter nicht. Er durchstöberte den Wald, suchte in jedem Winkel, hinter jedem Busch, rief ihren Namen laut, dass es von Baum zu Baum wiederhalke, alles umsonst. Sobald der Samstag vorüber war, sagt der Rabbi zu sich: „Ich werde gehen von Wald zu Wald, von Stadt zu Stadt, und von Dort zu Dorf, und werde nicht ruhen, bis ich meine Tochter wieder habe." Er schnürte sein Bündel, legte einige Hemden hinein, nimmt Talith und Tiphilin (Gebetmantel und Gebetriemen) und einige Seforim (Bücher), und macht sich auf den Weg. — Was war inzwischen aus der Tochter geworden? Der Herr, der sie geraubt, hatte eine Tochter im gleichen Alter. Er hielt nun das kleine Judenmädchen mit seiner Tochter in einem besonderen Zimmer; und er hielt sie gut, eben wie ein grosser Herr. Später gedachte er sie schmadden (taufen) zu lassen. So oft man ihr zu essen gab, kam eine alte Frau, die von niemandem als von dem Judenkinde gesehen werden konnte, und vertauschte ihr die Speisen mit andern, welche sie mit sich brachte. Denkt sich das Kind: das muss meine tote Mutter sein; denn sie wusste ganz gut, dass sie die Tochter des Schach war; die Mutter bringt mir Speisen, damit ich nicht Trefoth (inrituelle, verbotene Speisen) esse. So blieb sie am Hofe des Herrn bis zum zehnten Jahr. Wie sie 10 Jahre alt war, wollte sie der Herr in eine Kirche bringen, um sie schmadden zu lassen. Alles war schon vorbereitet, aber das Mädchen hatte keine Furcht. Da kam einmal um Mitternacht die Mutter zu ihr, weckte sie und sagte: „Komm mit mir." Sie nahm die Tochter auf die Schultern und trug sie weit, weit fort; dann liess sie sie nieder, vor der Tür eines Hauses, und verschwand. Das Mädchen begann sehr zu weinen, und man hörte es drinnen. Sagt die Frau zu ihrem Manne: „Steh nur auf und sieh zu, wer da so laut weint." Der aber zagte: „Ich habe Furcht." Das Weib aber sagte: „Wenn ich nicht krank wäre, würde ich selber hinausgehen." Da ging der Mann und brachte das Mädchen hinein.