Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Versöhnung
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 673 - 674 (sequence 1)
- Language
- German
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673 674 VERSOEHNUNG. Von Elieser Dawid Rosenthal (Aus dem Hebräischen). : In dem ganzen, überwiegend von Juden bewohnten Städtchen herrschte feierlich ernste Stimmung. Es war am Vorabend des Jörn Kippur, beim Sinken des Tages. Um diese Stunde fühlt sich der Jude wie verwandelt; alle Sorgen um die Not des Lebens, jeder Gedanke an den Erwerb, jegliches werktägliche Gefühl weicht und macht einem eigenartigen Empfinden Platz, das alle Herzen erfüllt und aus Stolz und Zerknirschung, Furcht, Hoffnung, Freude und Bangen gemischt ist. Der Tag des Gerichtes steht bevor, aber er ist auch der Tag der Versöhnung. Gott hält an diesem Tage Musterung über die Menschen und wägt ihre Täten, die guten und die bösen. Bs ist der Tag der Entscheidung über Leben und Tod, aber der Jude sieht ihr mit: Zuversicht entgegen. Hat er doch Fürsprecher und Verteidiger die Fülle; hat er doch die Opferung Isaaks, eine lange Eeihe von Märtyrern und Märtyrerinnen, welche sich hingeopfert haben für Gottes Namen, die fürchterlichsten Marter erlitten, für ihren Glauben und die Thora. Während die Abendschatten länger wurden und sich über die Landschaft ausbreiteten, rüsteten sich die Juden zum Empfang des heiligen und erhabenen Tages. Die Emen raunten aus dem Tauchbade nach Haus, während Bart und Stirnlocken ihnen noch vom Wasser troffen; die Anderen eilten zur Synagoge, um Mincha zu beten und ihre Tracht Malkuth in Empfang zu nehmen, wodurch die Demütigung und Zerknirschung ausgedrückt wird. Andere kamen ernst und langsamen Schrittes daher, den Tallis-Beutel mit den Gebetbüchern unter dem Arm, zwei grosse Wachskerzen in der Hand, das eine Licht für die Lebenden, das andere für die Abgeschiedenen. Und in der Synagoge ist der Boden mit Heu bestreut, dessen frischer Geruch den Raum erfüllt. Einige Beter flüstern die „Widduj" mit weinerlicher Stimme and schlagen auf ihre Brust: „wir haben gesündigt! wir haben gefrevelt"; andere sind mit Einstecken der Lichter in die mit Sand gefällten Kisten beschäftigt. Ein junger Mann, dem die Ehre zufiel, bei Mincha vorzubeten, beginnt mit tränenzitternder Stimme die Keduscha; während hinter dem Almemor der Schammes steht und den Riemen schwingt, mit dem er auf die Schultern eines vor ihm hingestreckten Mannes leichte Schläge niederfallen lässt. Der Gezüchtigte erhebt sich, dankt und macht einem anderen Platz. Alle nehmen die Züchtigung hin, ohne zu murren. Sogar Reb Grojnem, der Gabbaj, von dem der Schammes das ganze Jahr hindurch nur Schimpfworte bekommt, die mitunter von Ohrfeigen begleitet werden? naht jetzt ganz kleinlaut und unterwürfig, um sich vor dem Züchtiger zu beugen, der heute die Oberhand hat und unumschränkt waltet. In der Vorhalle der Synagoge sind Sammelteller auf einem Tisch aufgestellt. In der Mitte ein grosser für die Synagoge und ringsum viele kleine für die verschiedenen Wohltätigkeitsvereine; jeder Vorübergehende Nachdruck verboten. wirft eine grössere Gabe in . den grossen Teller und. bedenkt die kleineren mit einigen Kupfermünzen. Berel Zapp kam eilenden Schrittes, entledigte sich bei den Tellern des mitgebrachten Geldes, stürzte dann in die Synagoge und begann das Minchagebet. Er wollte diesmal andächtig beten, Wort für Wort aussprechen und sein Herz vor Gott ausschütten. Aber profane Gedanken kamen und verwirrten ihn. Erst bei der „Widduj" gelang es ihm, sich zu sammeln. Er begann langsam, jedes Wort betonend; bei dem Bekenntnis „ich habe geraubt", stockte seine Hand, die zum Schlag auf die Brust ausholte, und Berel stand wie angenagelt, wie von einem elektrischen Schlag gerührt, an allen Gliedern zitternd. Die Lettern des fatalen Wortes schienen Leben anzunehmen, wuchsen in die Höhe, verschlangen sich und zischelten ihm in die Ohren: Dieb, Räuber! Niemand hat Dich gesehen, kein Mensch weiss es, aber wir sin-1 Zeugen, wir werden vor Gottes Thron schreien: „Du hast gestohlen und geraubt!" Und Berel stand unbeweglich da, die Hand in die Luft vorgestreckt. Er besann sich. Vor zwei Monaten war er zu Reb Moische Wechsler ins Haus gekommen. Niemand war da. Im Geldschrank steckte der Schlüssel. Berel berührte ihn unwillkührlich: der Schrank sprang auf. Mehrere Hunderter - Scheine lagen da. Eiuige Stunden vorher hatte Berel von seinem Mechutan einen Brief erhalten, in dem er aufgefordert wurde, die Mitgift für seine Tochter aufzubringen und den Hochzeitstag zu bestimmen, sonst müsse das Verlöbnis aufgehoben werden. „Jetzt ist mir geholfen!" durchzuckte ihn blitzartig ein Gedanke. Wie taumelnd streckte er die Hand aus, und ... ein Hundertgulden- Schein blieb ihm an den Fingern haften. . . . Der Schrank schloss sich wieder, Berel schlich von dannen, und kein Mensch hatte von dem ganzen Vorgang eine Ahnung. Zwar konnte er des Besitzes nicht froh werden; er fühlte öfter ein Jucken und Stechen an der Handfläche, wo die Banknote gelegen, Selbstverachtung peinigte ihn. Aber er versuchte sich zu beruhigen. „Not — alte Jungfer — aufgehobenes Verlöbnis" mit diesen Ausflüchten bemühte er sich, die Stimme des Gewissens zu übertönen. Aber jetzt, da er vor Gott dem Allwissenden stand, seine Sünden beichtete und seine. Handlungen untersuchte, war er sich klar bewusst, dass alle seine Vorwände nichtig und haltlos waren. Er kam sich vor wie ein Dieb, der sich in anständige Gesellschaft eingeschlichen, und er las sein Geheimnis in jedem Blick, der auf ihn fiel. Und die Buchstaben der schrecklichen Worte „ich habe geraubt" tanzten in jedem Augenblick in anderer Gestalt und in anderer Farbe vor seinen Blicken. Bald waren sie schwarz, wie die Nacht, bald feuerrot und brannten und stachen ihm in die Augen; bald wurden sie grün, wie Frösche, und quakten ihm ins Ohr: „Dieb, Räuber!" Seine Hand war noch immer starr in die Luft emporgestreckt, und grosse, kalte