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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 669 - 670

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Ein "Fall Hilsner" in Russland vor 80 Jahren
Date
1906-10-01
Page
Seite 669 - 670 (sequence 5)
Language
German
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669 S. Dubnow, Odessa: Ein „Fall Hilsner" in Russland vor 80 Jahren. 670 sah, entfloh er. Die Herren gingen in das Schloss (wo ein Edelmann wohnte) und brachten viele Diener mit, um das ganze Haus zu besetzen. Morgens erwachten alle Hausleute, auch die Stadtbewohner kamen in Sabbathai's Haus zum Morgengebet; sie fanden das Haus streng bewacht, man Hess sie hinein, aber nicht hinaus. Nach dem Gebet kamen die beiden Beamten in's Innere des Hauses, begrüssten den Sabbathai harmlos und baten ihn, sie durch die Zimmer seines Hauses zu führen; auch der Angeber war mit ihnen, aber vermummt. Er führte sie durch alle seine Zimmer, bis sie in das innerste Gemach kamen. Dort zeigte Rodakowski dem Sabbathai den kaiserlichen Auftrag, der ihn bevollmächtigte, alles zu tun, wie er wollte, aber er fügte in gütiger Sprache hinzu, dass, wenn er unschuldig sei, er nichts zu befürchten habe, denn er (Rodakowski) wolle nur der Wahrheit auf den Grund kommen. Und Rodakowski befahl den Schlossbedienten, am Boden des Hauses zu graben. Man grub und fand kleine Menschenknochen, die Radakowski nahm und bewahrte. Die Beamten Hessen Sabbathai und seinen Sohn ergreifen, führten sie ins Schloss und sperrten sie ein, .jeden besonders; das übrige Volk Hess man frei, ohne dass jemand den Grund der ganzen Sache wusste, und.die Stadt Babawno war unruhig. Am nächsten Tage, es war Freitag, sahen alle Stadtbewohner, wie eine ganze Schar von Leuten aus den umliegenden Dörfern vom Schlosse herabkam, hinter ihnen kamen Sabbathai und Hillel, dann die Beamten und ein Wagen mit Stroh; da erzitterten alle, denn sie dachten, man hätte sie zum Verbrennen im Stohhaufen verdammt. Jene kamen bis in den Hof des Besitztums Sabbathai's. Dasselbe lag auf dem Abhang eines Berges, wo früher ein christlicher Friedhof war; auch das Haus stand auf Gräbern. Und man streute das Stroh auf die Erde, die Beamten stellten sich darauf, Sabbathei und Hillel daneben auf das Stroh, um keine kalten Füsse zu bekommen, denn der Schnee lag noch auf der Erde. Die Soldaten umzingelten sie mit gezückten Schwertern, indess die Dorfleute den Berg aufzugraben begannen und viele Menschenknochen ausgruben. Sabbathei's Frau weinte bitterlich, da tröstete sie Rodakowski und versicherte, den Gefangenen keine Folterqualen anzutun. Und er sprach weiter zu ihr: „Wenn Du willst, dass ich gegen Euch gar keinen Verdacht hege, so lasse Deinen Sohn Abraham nach Hause kommen, ohne Furcht!" Man Hess dies dem Abraham wissen, und er kehrte heim. Am nächsten Tage war Sabbath, da schickte der Beamte zu Sabbathai und befahl, schnell mit dem Gebet fertig zu sein, da man ihn heute ins Verhör nehmen werde, Sabbathai beeilte sich und erschien bald vor dem Beamten, der ihn leutselig empfing, sechs Stunden mit ihm sass und ihm die ganze Beschuldigung vorlegte. Da antwortete Sabbathai: „Es ist doch allen Völkern bekannt, dass uns Juden sogar das Blut von Tieren und Vieh und Vögeln, welche rituell .geschlachtet wurden, verboten ist, dass wir aus dem Fleisch durch Salzen das Blut herausziehen müssen; um wieviel mehr also Menschenblut, das ja allen Völkern als unrein und ekelhaft gilt, und noch dazu am Pessach, da wir uns tausenderlei Verschärfungen auferlegen müssen. Und was das Schwerste von Allem, ist ja die grosse Sünde des Tötens und Blutvergiessens, da uns sogar die Quälerei von Tieren verboten ist! Wie kann also ein vernünftiger Mensch solchen unsinnigen Anklagen Glauben schenken? Nach Moskau reiste ich -allein, ohne Begleitung und kehrte auch allein zurück. Die übrigen Angaben sind ebenso erlogen, die gefundenen Knochen rühren von dem Friedhof her, da der ganze Berg früher ein Friedhof war". Alles dies wurde protokolliert. Bezüglich der Stadt Welisch leugnete er, je mit ihren Leuten verkehrt zu haben. Darauf befahl der Beamte, den Thalmudtractat Pessachim aufzusuchen, und darin fand man Blutspuren auf einem Blatte, wie der Angeber bezeichnet hatte; hierüber wusste Sabbathai keine Aufklärung zu geben. Tags darauf wurde Hillel vernommen, der ebenso wie sein Vater aussagte, der die Blutspuren auch nicht zu erklären wusste. Am Montag wurde Sabbathai mit dem Angeber confrontiert, und dieser wiederholte mit grosser Frechheit seine Anklage. Da gab Gott dem Sabbathai folgende Fragen in den Sinn: »Wie viele Jahre sind es, seit ich in Moskau war?" Da nannte jener um viele Jahre mehr, als der Wahrheit entsprachen. Dann fragte Sabbathai weiter: „Wie alt warst Du beim Tode Deines Vaters?" Da nannte er auch eine falsche Zahl, und der Beamte Hess alles protokollieren. Darauf sagte Sabbathai: „Man kann ja auf dem Grabstein lesen." Das gefiel dem Beamten sehr, und es zeigte sich, dass nach der Aussage des Angebers dieser bei der Reise Sabbathai's nach Moskau anderthalb Jahre alt gewesen sein musste. Dienstag wurde Hillel dem Angeber gegenüber gestellt, und Gott fügte, dass er bezüglich des Grabsteines auf die Fragen seines Vaters verfiel. Der Angeber sah, dass ihm Unheil drohte, und wollte sich gleich in einen Brunnen stürzen, wurde aber daran verhindert. Dann wurden ihm schwere Fesseln angelegt und Nachts eine Wache vor ihm gestellt. Der Beamte forschte und untersuchte eifrig die Dinge und fand die Behauptungen Sabbathai's in allen Punkten bestätigt. Auch die Bauern bezeugten, dass er Niemanden mit sich aus Moskau mitbrachte. Die gefundenen Knochen wurden von Aerzten untersucht, welche fanden, dass dieselben schon mehr als hundert Jahre in der Erde lägen. Es blieb also nur die Blutspur im Thalmud- Exemplar zurück, welche die Angeklagten nicht zu erklären wussten. Dann wurden sie nach Nieschwicz gebracht und dort interniert. Die Voruntersuchung wurde geschlossen und das Protokoll an den Kaiser geschickt. Und alle Angehörigen der Familie Turbowitz wurden aufgesucht, und man wollte sie alle ins Oefängnis werfen.

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