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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 667 - 668

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Ein "Fall Hilsner" in Russland vor 80 Jahren
Date
1906-10-01
Page
Seite 667 - 668 (sequence 4)
Language
German
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667 S. Dubnow, Odessa: Ein „Fall Hilsner" in Russland vor 80 Jahren. 668 Oberhoheit. Da gingen einigegottlöse Leute hin und erhoben gegen die Juden von Welisch und gegen alle anderen Juden die Beschuldigung, dass bei ihnen ein Gebot bestehe, in ihre Mazzoth Christenblut zu kneten. Und die Leute von Welisch seien die Mörder, die jedes Jahr einen Christen morden, das Blut auffangen und den übrigen Juden verkaufen. Als diese fürchterliche Beschuldigung Chowanski zu Ohren kam, entflammte er in Zorn und Ingrimm gegen das Volk Gottes, am meisten aber zürnte er den Bewohnern von Welisch; er kam wutschnaubend dorthin, nahm die Häupter der Gemeinde gefangen, schlug sie in Fesseln und peinigte sie durch harte und bittere Marter. Unter den Beschuldigten war eine angesehene und reiche Frau Namens Rebekka, die man anklagte, als die erste an den Gemordeten Hand gelegt zu haben, und man peinigte sie am härtesten. Sogar Braut und Bräutigam wurden unter dem Traubaldachin weggerissen und den Martern unterworfen. Alle ertrugen ihre Qualen mit grossem Mut und legten kein falsches Bekenntnis ab. Diese bittere Peinigung beschwichtigte aber nicht die Wut des grausamen Machthabers; er Hess alle Männer, Frauen und Kinder ergreifen und in die unterirdischen Räume des Gefängnisses werfen, wo es von Ungeziefer und Ratten wimmelte, die das Fleisch der Gefangenen abfrassen und an ihren Gesichtern nagten; dort blieben sie sieben Jahre. Auch Hess er die Synagogen . und Lehrhäuser schliessen und versiegeln volle sieben Jahre. 2. Ein Jehudi lebte in der Stadt Babowno im Gouvernement Minsk, der hiess Sabbathai ben Jehuda ben Meschulam aus der Familie Turbowitz. Sabbathai war angesehen und reich und sein Name in der ganzen Gegend bekannt. Er war Eigentümer einer Fabrik von Wollstoffen. Einmal blieb ihm viel von der Ware zurück, da reiste er nach Moskau, um seine Ware zu verkaufen. In seinem Hause erzog er einen Knaben namens Feiwisch, eine vater- und mutterlose Waise, den er zu sich nahm und unterrichten Hess; er blieb im Hause viele Jahre. Feiwisch wandelte schlechte Wege, da wies ihn Sabbathai zurecht; er gehorchte aber nicht und Hess sich taufen, dann stahl er und raubte, wo er nur konnte. Er wurde abgefasst, in den Kerker zu Witebsk geworfen; dann, als er herauskam, näherte er sich dem Chowanski und leistete ihm Dienste. Da beredete ihn Chowanski, gegen die Bewohner seiner Geburtsstadt eine Blutbeschuldigung zu erheben, dass sie den Bluthandel mit den Leuten von Welisch getrieben, denn er (Chowanski) wollte sie alle verurteilt sehen. Feiwisch gehorchte dem Chowanski und schrieb einen verleumderischen Brief an den Kaiser folgenden Inhaltes: Als er im Hause des Sabbathai Turbowitz weilte, sei dieser einmal in Geschäften nach Moskau gereist und nahm ihn (Feiwisch) mit sich. Auf dem Rückwege, unweit der Stadt, begegneten sie zwei Christen, der eine war blind und der andere sein Führer. Da rief Sabbathai dem Führer zu: „Weshalb verbringst du deine Tage mit dieser ärmlichen Beschäftigung? Setze dich zu mir, ich will dich wie einen Sohn halten, denn ich habe keine Kinder und du scheinst mir ein tapferer Mann zu sein; ich werde dir von meinem Brote und meinen Kleidern geben und dich zu meinem Erben machen." Dem Knaben gefiel die Rede, er Hess den Blinden im Stich, setzte sich in Sabbathai's Wagen und fuhr mit ihm lustig und guter Dinge in sein Haus. Sabbathai aber hatte zwei Brüder: den ältesten Hillel und den jüngeren Abraham; Hillel habe den Christenknaben ergriffen, auf seine Knie gelegt und sei bei ihm Sandek (Pate) gewesen, Sabbathai aber habe ein Messer genommen und ihn geschlachtet. Das Blut hätten sie in ein Becken aufgefangen und die Leiche unter dem Boden des Hauses begraben. Die Verwandten Sabbathai's sollen das Blut in die nächsten und in die entlegenen Städte gebracht haben, um es den Juden zum Pessach zu verkaufen. So habe Sabbathai jedes Jahr getan, nämlich einen Christen ermorden und sein Blut auffangen. Einmal habe er einen Christen aus der Stadt Disna gebracht, gleichfalls geschlachtet und dessen Blut aufgefangen; alle Geschlachteten seien in seinem Hause begraben. Einmal wären sie über eine der Vorschriften beim Schlachten im Ungewissen gewesen, da hätten sie das Gefäss mit dem Blut in die eine Hand und den Thalmud-Tractat Pessachim in die andere genommen, um nachzusehen; da ergoss sich etwas Blut auf das Blatt, die Spuren seien noch heute zu sehen. Als er in einem Jahre keines Christen habhaft werden konnte, habe er sechs Mass Blut bei der Rebekka aus Welisch gekauft." Als der Kaiser diese aberwitzige Anklage las, schenkte er ihr keinen Glauben, denn diesem Kaiser ging die Wahrheit über alles. Er Hess den Angeber vor sein Antlitz kommen. Dieser kam, und der Kaiser forschte ihn aus und drohte ihm mit harten Strafen, falls er nicht die Wahrheit sagen würde; aber der Gottlose verblieb bei seinem Starrsinn und wiederholte mit dem Munde, was er geschrieben hatte. Da gab Gott, der allein Wunder tut, dem Kaiser in den Sinn, einen seiner Beamten, den Podpulkownik Rodakowski, zur Untersuchung hinzusenden, und dieser war wahrheitsliebend, gutherzig und menschenfreundlich. Rodakowski verliess die Hauptstadt in Begleitung des Angebers, der gefesselt war. Sie kamen nach Minsk, nahmen dort den Polizeibeamten (Strobczy) Sacharcinski und einige Soldaten mit sich und kamen nach Babowno. 3. Im Jahre 5589 der Welt, am 5. Tage der Woche, am 23. des Monats Adar I vor Morgenanbruch kamen die Beamten nach Babowno und umzingelten Sabbathai's Haus. Die Herren betraten zuerst allein das Innere und fanden den Abraham, dem sie sagten, dass sie sich von der Kälte erwärmen wollten. Abraham trat aus dem Hause, und als er es von Militär umzingelt

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