Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Ein "Fall Hilsner" in Russland vor 80 Jahren
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 671 - 672 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
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671 S. Dubnow, Odessa: Ein „Fall Hilsner" in Russland vor SO Jahren. 672. IV. Aber Gott erbarmte sich endlich der Pein seines Volkes und gab dem Beamten in den Sinn, den Angeber zu erschrecken. Am Sabbath, den 16. des Monats Adar scheni liess er den Ankläger vor sich kommen und redete also zu ihm: „Wisse, dass ich mich überzeugt habe, dass deine Angabe auf Verleumdung beruht hat!" Den Angeber erfasste Furcht und er gestand alles. Und er erzählte, dass Chowanski ihm alle die Anklagen in den Mund gelegt hatte, um dadurch die Mordbeschuldigung von Welisch zu bekräftigen. Die Einzelheiten hatte er selber zugedichtet, denn er wusste, dass Sabbathai's Haus auf einem früheren Friedhof erbaut war, und das man dort Menschenknochen finden könnte. Auch wie die Blutspuren in das Buch kamen, erinnerte - er sich genau: einmal lernte er mit seinem Lehrer darin; als sie gerade bei jenem Blatte angelangt waren, schlug ihm der Lehrer auf das Gesicht und viel Blut rann aus seinem Munde auf das Buch, wovon jene Spuren entstanden. Als der menschenfreundliche Beamte dieses Bekenntnis hörte, freute er sich sehr, liess es zu Protokoll bringen, der Angeber unterschrieb, und der Beamte liess verkünden, dass die Gefangenen am andern Tage in Freiheit gesetzt würden. Tags darauf, am 17. des Monats, liess er Sabbathai rufen und verkündete ihm seine Befreiung. Und dem Jsprawnik befahl er, in allen Städten des Bezirks zu verkünden, dass die Beschuldigung auf Lügen beruhte. Der Angeber aber wurde in Ketten gelegt, die man an einen Wagen schmiedete, und so wurde er geführt. Der Beamte reiste nach Welisch, ordnete von neuem eine Untersuchung an, und bewies auch die Unschuld der dortigen Angeklagten; er setzte sie in Freiheit und öffnete auch die Synagoge und Lehrhäuser wieder. Und Rodakowski nahm an der Freude der dortigen Juden Anteil und jubelte mit ihnen. Damals entschied der Kaiser, dass diese ganze wahnsinnige Anklage gegen die Juden niemals einen Grund hatte. Und Sabbathai und Hillel kamen nach Hause ganz fröhlich und wohlgemut am Montag den 18. des Adar scheni und fasteten den ganzen Tag. Am Abend machten sie ein grosses Festmahl, lobten und priesen Gott und gaben Geschenke an die Armen. Und sie beschlossen für sich und ihre Nachkommen, dass jeder wiederkehrende 18. Adar alljährlich ein Fest- und Freudentag sei, wie das Fest von Purim, für immerwährende Zeiten." L. BERNSTAMM. PARIS. MOUNET-SULLY ALS HAMLET. So weit die „Megillath Sabbathai", deren Glaubwürdigkeit nicht in Zweifel gezogen werden kann. Sie erzählt in schlicht naivem Tone die Geschichte der Blutbeschuldigung von Babowno, wie sie einer der. Beschuldigten erlebt hatte, von dem Gesichtspunkt eines Provinzjuden aus, der von der gerichtlichen Prozedur wenig wusste und die Tatsachen erzählt, wie er sie gesehen. Die Angabe, dass die Beschuldigten von Welisch fast gleichzeitig mit denen von Babowno in Freiheit gesetzt wurden, ist unrichtig, da jener Prozess sich vielmehr noch sechs Jahre hinzog; sie mag aber insofern ein Körnchen Wahrheit enthalten, als durch die Entlarvung des Angebers Grudsinki die obersten Behörden auf die Machinationen Chowanskis aufmerksam wurden.