Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Aus vergilbten Papieren
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 657 - 658 (sequence 2)
- Language
- German
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657 Die Congrega trat am 15. April zu einer Beratung zusammen, in welcher Weise das kostbare Buch herzustellen sei, das man am Tage der feierlichen Besitzergreifung dem Papste überreichen wolle. Man suchte in den Registern nach und fand verzeichnet, dass i. J. 1824 für die Anfertigung eines solchen Buches für den Vorgänger der Rabbiner Jacob Fasani ein hebräisches Gedicht verfasst habe, das in Quadratschrift von Salvatore Tedeschi kalligraphisch geschrieben wurde, zugleich in lateinischen Hexametern und italienischer Uebersetzung, welche ein jetzt bereits verstorbener Geistlicher angefertigt hatte. Es werden hierbei der Kalligraph und der Buchbinder genannt, welche mit kostbaren Verzierungen das Ganze versehen hatten, so dass das Buch die Summe von ca. 300 Skudi gekostet habe. Es wurde beschlossen, in gleicher Weise auch dieses Mal Gelehrte und Künstler für die Herstellung eines solchen Buches heranzuziehen. Doch war man nicht einig, wer das hebräische Poem verfassen solle. Die Meinungen waren hier, wie so oft, geteilt, weil die Einen den Rabbiner Fasani, die Anderen den Rabbiner Beer damit beauftragen wollten. Bei der Abstimmung ergab es sich, dass von den 14 Stimmen, 8 für Beer und 6 gegen ihn, dagegen 9 für Fasani und 5 gegen ihn waren. Bei der Ausführung sollte man vorzüglich die traurige Lage berücksichtigen und daher die Herstellungskosten nicht zu hoch greifen. (Merkwürdig ist es, dass Fasani auch zum dritten male, nämlich später bei Pius IX., das hebräische Huldigungsgedicht verfasst hat, siehe meine Geschichte S. 216). Diese Anstrengung der Gemeinde, um den neuen Papst gnädig zu stimmen, konnte bei dessen kurzer Regierungszeit keinen besonderen Erfolg erzielen. Das Blatt seiner Geschichte, soweit das Ghetto in Betracht kommt, blieb unbeschrieben. Denn bereits nach 19 Monaten, am 1. Dezember 1830, war er nicht mehr am Leben. Der Nachfolger, Gregor XVI. bestieg am 2. Februar 1831 den Thron, in einer stürmischen Zeit, die auf die französische Juli-Revolution d. J. 1830 folgte, und im Kirchenstaate eine starke Bewegung gegen die päpstliche Herrschaft hervorrief, zugleich auch günstige Forderungen für die Verbesserung der unglücklichen Juden stellen liess. Diese selbst aber hielten es für ratsam, ruhig zu bleiben und an dem Aufstande „der Freimauer und Jacobiner", wie der Papst es bezeichnete, sich nicht zu beteiligen. 65S In der ersten Regierungszeit Gregors XVI. kamen nämlich verschiedene Aufstände gegen die L. BERNSTAMM PARIS. FLAUBERT. Prof. A. Berliner: Aus verqilbten Papieren.