Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- David und Bathseba
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 597 - 598 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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597 Marta Hellmuth: David und Bathseba. 598 David: Mein Amnon mit den tiefen Sehnsuchtsaugen, Du Erstgeliebter, Frühling meines Bluts, Wie beugst Du mich! Thamar: Nicht leben kann ich mehr, So grauenvoller Liebe Opfer erst Und nun ein Abscheu dem, der mich bezwang, In gift'ger Gier zerfleischend seine Beute! Nein, Asche will ich streuen auf mein Haupt, Das frühem Tod geweiht ist, weinen will Ich meine Seele hin in Reueströmen Und diese Brust, die meines Bruders Haupte Ein Pfühl verfluchter Lust war, warum länger Atmet sie noch? In Staub, in Staub zerfalle, Du trägst den Schlangenbiss von seinem Mund! Absalom, mein Befreier, höre mich! 3. Szene. (Absalom, ein wunderschöner Jüngling, sein langes Gelock flulel pracht voll üppig um seine Schultern.) Absalom: Wer tat Dir weh, Thamar, mein weisses Reh? Amnon? Verübte er die schnöde Tat, Die lüstern seine Augen oft gedroht, Soll er des Todes sterben! (zu David) Vater, Du? Du weisst's und zögerst noch? Der Bube lebt, Wälzt sich in seiner Lüste Kot und doch Das Schwert des Richters ungezückt? David: Mein Sohn! Nicht fordere meines Amnon Blut von mir, Er sei verbannt! Thamar (stösst sich den Dolch ins Herz): So gehe ich voran! Ich liebt' ihn, Amnon, — seine Liebeswut Ward Hass - ich sterb' um ihn — Maacha, Mutter, Die eine Nacht war Leben, nicht ein leeres, Ein müdes "Weibeslos wie Deines, Mutter, Von Tag zu Tag weinend um welkes Glück, Suchend nach Davids Blick — (sinkt tot nieder). David (verzweifelt): Thamar, mein Kind! (Kniet bei ihr nieder). Absalom: So fiel sie ungesühnt? Sprich, König David, Warum so milde? Warum nicht gerecht? Ein seltsames Gerücht schwebt unfassbar, Das diese Schwäche schmäht als Schuldbewusstsein! Auf, auf, zur Rache flieg' ich, zerr' den Schuld'gen Vom schwülen Pfühl, Amnon, Du Gottverdammter, vXbsaloms Flammensch wert ist über Dir! (Er stürzt davon.) 4. Szene. (David bei Thamars Leiche. Er erhebt sich langsam, blickt verstört um sich und horcht angstvoll wie auf einen Todesschrei) David: Der Honigtrank der Liebe Ward Galle meinem Munde, Meine Tränen muss ich trinken, Erwürgt liegt mein Kind! Aus ihren Worten stieg es auf, Wie Hohn der Himmelstunden An Bathsebas Brust! Aus Davids Fehl nährt Amnons Laster sich, Wie aus der Wurzel ein böser Baum. Wie Ringe einer eh'rnen Kette, Schliesst Schuld die Schuld ein! Es schwebt um mich her auf schwankem Fuss, Von küuft'gen Taten ein wirrer Reigen, Grau und grauser jede. Schlangenlächelnde Züge! List und Tücke, Verrat und Meineid, Die keimende Brut meiner Seele ist's! Ungeborner Schreckensknäuel! Bin ich's noch, der Gesalbte Gottes, Des Mordes Mal auf der Stirn, Aug' in Auge starrt's mir! Bist Du Ich, Du Schattenhafter, Blutbetri efter! Ueber Leichen Dein Weg, Auf ragst Du, Empörer, Nach Deinem Willen zwingst Du Gott Dich auf, Schlägst aus dem härtsten Stein Dein Glück. Flammend Dein Selbst, Deine Wahrheit! 5. Szene. (Absalom kehrt zurück, den entsetzten Amnon mit sich schleifend, er klammert sich an Davids Gewänder.) Amnon (flehend): Mein Vater, hab' Erbarmen, wehre ihm, Zu morden Deinen unglücksergen Sohn! David (zu Absalom): Lass ab von ihm, willst auf Dein Haupt Du laden Den Fluch des Brudermords? Du blickst wie Kain, Soll dieser Tag zwei Kinder mir entreissen? Absalom (zerrt Amnon vor die Tote): Für meine Schwester fällt er, Blut um Blut! Amnon! Blick Deiner Tat ins Schreckensantlitz! Amnon (auf Thamar starrend): In ihren Augen war ein nacktes Licht Wenn ich sie ansah; ihre kranke Schönheit War wie des Todesengels und sie Iockle In ihren Schooss hinunter wie ins Grab! Wir tranken Rausch und Tod in einem Zuge Und ihre blassen Jungfrau'nbrüste waren Nicht gleicher sich, zwei lilienzarte Blüten, Als Hass und Inbrunst sich in unsrer Lust! Ist Tod der Liebe Bruder doch, wie wir, Amnon und Thamar, Bruder sind und Schwester, Zwei Zwillingsblumen, einem Kelch entfaucht! Absalom (wild): Verstumme, Läs'trer! David! Alles sage er, Wie seine Schuld gezeugt ward, wie sie wuchs, In seiner Seele und geboren ward! Frei wie vor Gott, dem Allerkennenden, Soll er enthüllen sich und was er litt! Amnon: Vater, Dein Flammenblut floss in uns Beiden, (David folgt, angstvoll schaudernd, Amnons Worten.) Wir blühen auf in der verbrechenssüssen, Der Nacht der Nächte, glüh'nden Samens schwanger, Urtrieben, heimlich keimend, jäh gereift! Wie wir verwuchsen, wie auf ihren Lippen Die meinen wurzelten und sieche Sehnsucht Entstürzte ihr und mir zugleich und uns Festschmiedete in einen sel'gen Leib, — Es war, als schlänge uns ein finstrer Gott Eins in das Andre, die Verschmachteten Mit jedem Kuss unlöslicher verkettend! Die Liebe, die uns langer Qual entriss