Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Die Ironie in der Bibel
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 579 - 580 (sequence 3)
- Language
- German
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579 Dr. Max Steif, Raiissnitz: Die Ironie in der Bibel. 580 legenheit seiner Körperkraft eine ganz wundersame Ueberlegenheit im sarkastischen Wortwitze verbindet, so namentlich in den bekannten Rätselfragen an die Hochzeitsgäste, wie in der darauffolgenden Verhöhnung: „Hättet ihr nicht gepflügt mit meinem Kalbe, niemals hättet ihr die Lösung des Rätsels gefunden". (R. 14, 18.) Fast klingt eine solche Abfertigung an diejenige Hiobs an, die dieser seinen „guten", ihn mit nichtigen Tröstungen beschwichtigenden Freunden zuteil werden lässt: „Wahrlich, ihr seid rechte Leute, und mit euch stirbt die Weisheit aus" (Hi. 12,1); „Wessen Reden hast du hergesagt, und wessen Odem ist aus dir gekommen?" (26, 4.) Wogegen sich aber die Ironie in der Bibel naturgemäss am häufigsten und schärfsten richtete, das war gegen den, damals immer mehr um sich greifenden Götzendienst. Und darum die seltsam anmutende Erscheinung, wie selbst eine solch' tiefernst veranlagte Natur, wie der Prophet Elia, sich eines solchen Kunstmittels bedient, wenn er den Baalspriestern mit beissendem Sarkasmus zuruft: „Rufet doch mit lauterer Stimme zu eurem Gotte; vielleicht ist er in Gedanken versunken, vielleicht ist er auf Reisen oder in Geschäften, oder vielleicht schläft er gar und wird dadurch erwachen". (I. Kön. 18, 27.) In den mannigfachsten Variationen wird der Ausfall auf diese törichten Wahngebilde in der damaligen Volksvorstellung von jedem einzelnen der späteren Propheten unternommen, und es ist der redegewaltige Jesaia, der es gerade hierin allen vorantut: „Die Hälfte des Stammes hat er im Feuer verbrannt, brät damit sein Fleisch, dass er satt werde, und spricht, ach, wie ist mir warm, ich verspüre Glut. Und aus der anderen Hälfte macht er sich seinen Gott, kniet davor nieder, bückt sich und betet flehentlich zu ihm: errette mich doch, mein Gott bist du". (Jes. 44,14-17.) Aber eine nicht weniger scharfe Verurteilung erfährt auch jene andere nicht minder verkehrte Art der Gottesverehrung, die sich mit bloss äusserlicher Werkheiligkeit Genüge getan zu haben glaubt. Mit. der Lauge des Spottes wird solch mechanisches, „eingelerntes Ausüben religiöser Satzungen" überschüttet und verurteilt. „Mit Lippe und Mund verehren sie Gott, aber ihr Herz ist weit entfernt von ihm". (Jes. 29,13.) „Ja, nur zum Streit und Hader fastet ihr, dreinzuschlagen mit boshafter Faust; ihr fastet nicht, um hören zu lassen in der Höhe eure Stimme". (Jes. 58, 4.) „Wer verlangt es von euch, dass ihr meine Vorhöfe zertretet?" (Jes. 1,12.) „Sieh, ich habe dich nicht gequält mit Opfern, dich nicht bemüht mit Weihrauchspenden, .... du aber hast mich gequält mit deinen Sünden, hast mich ermüdet mit deinen Vergehen". (Jes. 43,23.) — Die falsche Frömmigkeit ist eben zu allen Zeiten gleich geblieben, und auf so manche mag auch heutzutage das Wort Arnos (8, 5) passen, das er von den Reichen seiner Zeit mitteilt, die es schon nicht mehr erwarten können, wann der Neumond vorüber sein wird, um wieder ihr Getreide verkaufen zu können, wann der Sabbat zu Ende sein wird, um die Speicher zu öffnen, und klein zu machen das Mass und gross den Schekel und zu betrügen durch falsche Wage". Jedoch der tiefer blickende Sinn der Propheten hatte es bald herausgefunden, dass zumeist den an der Spitze Stehenden die Hauptschuld an dem sittlichen Verfall des Volkes beizumessen sei. Ihre Unerschrockenheit selbst vor Königsthronen liess sie darum auch Worte finden, die den damaligen Machthabern nicht sehr angenehm ins Ohr geklungen haben mochten. Der König, der nach der tiefsinnig satyrischen' Gleichnisrede Jothams (Ri. 9) als unnützer »Dornstrauch" niemandem Schutz und Schirm zu bieten vermochte, er zählte nach jenen wieder zu den »Hirten, die immer nur sich selbst weideten, die fettesten der anvertrauten Schafe essen, sich in ihre Wolle kleiden, doch die Kranken nie heilen, die Verwundeten nie verbinden" (Ez. 34, 2). Bei solchen Vorbildern konnte auch von den Fürsten und anderen Grossen des Reiches nichts besseres erwartet werden. „Sie sind Helden im Weintrinken, tapfere Männer im Getränkemischen" (Jes. 28,11). »Sie liegen auf Betten von Elfenbein hingestreckt, trinken aus goldenen Weinpokalen, klimpern dabei auf dem Psalter, und ihr Spiel dünkt ihnen so herrlich wie das Saitenspiel Davids" (Arnos 6,4). Wie sollten sie da den Schmerz und das Weh ihres Volkes fühlen! Zu alledem ist eine für alles käufliche Priesterschaft und Geistlichkeit mit dienstbeflissenem Eifer gern bereit, solch' moralischer Verkommenheit gegenüber ein Auge zuzudrücken, alles gut und schön zu finden und die Bessergesinnten irrezuführen. Und diese Lügenpropheten und anderen Dunkelmänner, »dieses leere Stroh, das sich als Getreide ausgibt" (Jerem. 23, 28), »diese trügerischen Tüncher einer dem Zusammensturze nahen Mauer" (Ez. 13,T0), sie verstehen sich gar trefflich auf ihren Vorteil, sie reden nach dem Munde derer, in derem Solde sie stehen, und nur »wenn sie nichts zu beissen haben mit ihren Zähnen, dann predigen sie den Krieg" (Micha 3, 5). — Man sieht, wie mannigfaltig die Verkehrtheiten waren, gegen die die Propheten anzukämpfen hatten. Aber mochten sie auch nicht durch schaurig düstere Kassandrarufe die betörten Gewissen aufrütteln, oder ein dreimal Weh über die Sittenlosigkeit und Verderbtheit ihres Volkes schreien, sondern mit den milderen Mitteln der Ironie und des Sarkasmus die Verirrten auf den rechten Weg zu geleiten versucht haben — ein ridendo castigare mores konnte dies gleichwohl nicht genannt werden. Mehr wie einer hat es tief schmerzhaft empfunden, nicht bloss auf völlige Verständnislosigkeit bei der Menge zu stossen, sondern noch obendrein kränkenden Spott und Hohn einzuheimsen: „Zum Gelächter bin ich alle Tage geworden, alles spottet meiner" (Jerem. 20, 7). Es war eben der alte, ewig nörgelnde und alles bekrittelnde Geist des jüdischen