Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Die Ironie in der Bibel
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 581 - 582 (sequence 4)
- Language
- German
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581 Dr. Max Steif, Raussnitz: Die Ironie in der Bibel. 582 Volkes, der schon die Selbstlosigkeit eines Moses angezweifelt, es ihm zugerufen: „Gibt es denn keine Gräber in Aegypten, dass du uns in die Wüste geführt, um hier zu sterben", der inmitten des allgemeinen Jubels bei der Wahl des ersten Königs höhnend bemerkt: »was kann uns der helfen?" (I. Sam. 10,17) und der in dem Kreise der Spötter, vor dem der Psalmist warnt (Cp. 1), selbst vor dem Höchsten und Heiligsten nicht zurückschreckt. Und wie jede Menge entweder alles bis in den Himmel hebt oder mit grausamen Hohn verwunden kann, so hatten auch die Propheten unter den Launen der Volksmenge manch' herbes Leid zu erdulden. Hierin unterschied sich auch die jüdische Menge in nichts von den Leuten von Sodom. Und wenn diese es dem Lot zu verstehen gaben: „Einer kam hierher als Fremdling und will den Richter spielen", so bekam es auch der Prophet anzuhören: »Wen will der Einsicht lehren, wem eine Botschaft verkünden? doch nur den der Milch Entwöhnten, den der Mutterbrust Entnommenen?" (Jes. 28,3). Oder sie hatten auf die Zurechtweisung folgende Antwort : »Er (Gott) beeile, beschleunige doch sein Tun, damit wir es schon einmal sehen, möge doch einmal eintreffen der Ratschluss des Heiligen Israels, damit wir ihn kennen lernen!" (Jes. 5,19). Bisweilen erblicken sie in den ewigen Ermahnungen der Propheten eine erwünschte Gelegenheit, sich trefflich belustigen zu können. »Kommt doch hin, so sprechen sie (Ez. 33, 30), anzuhören, welch' ein Wort wieder ausgegangen ist vom Ewigen. Und sie strömen alle hin zum Propheten, wie zu einer Volksversammlung, und sie setzen sich rings um ihn um seine Rede anzuhören, aber nicht darnach zu handeln. Denn wie lustige Lieder führen sie diese dann im Munde, und du bist ihnen wie das lustige Lied eines trefflichen Sängers und schönen Spielers." — Solch' Unverstand mochte wohl für die Propheten sehr niederdrückend gewesen sein, und die Tragik eines Coriolan bedeutet nichts im Vergleiche zu jenem Seelenschmerze, dem jene ausgesetzt gewesen. Aber ihr Hochsinn, ihr weiter Geistesblick, mit dem sie fast die ganze damalige Welt umfassten, hob sie empor über solche Eng- und Beschränktheit ihrer Volksgenossen, Hess sie am allerwenigsten durch Verunglimpfungen ihrer eigenen Person in ihrem hehren Berufe irre werden. Waren sie doch auch »über andere Königreiche und Völker gesetzt" und als solche hatten sie ein Recht, den Nationen der Erde die Wahrheit zu künden, sie nicht minder die Schärfe ihres Wortes fühlen zu lassen. Und muss es nicht ein gar mächtiger König gewesen sein, gegen den folgende Hohnworte gerichtet werden konnten: »Wie ruht nun aus der Dränger, wie feiert die Quälerei! . . So bist auch du schwach geworden, wie wir, bist uns gleich geworden. .. Der Himmelstürmer, der Wolkenerklimmer, der allgewaltige Völkerbezwinger —, jetzt ist dein Lager Gewürm, deine Decke Geschmeiss" (Jes. 14, 4—20). — Neben den grossen Staaten, Babylonien, Assyrien und Aegypten, waren es auch die kleineren, Moab, Amon, die phönizischen Städte Tyrus und Sidon, die die Zielscheibe ihrer scharfen, eindringenden Kritik bildeten. Deshalb musste es nicht gerade blosse innere Genugtuung über eine gerechte Vergeltung des Schicksals sein, wenn der Prophet es dem alten Erbfeinde des Juden tums, Edom, zurief: »Wie? Sind Diebe über dich gekommen oder nächtliche Einbrecher? — sie hätten ja nur soviel gestohlen, als sie davontragen können! Oder sind Winzer über dich gekommen, und haben gar keine Nachlese zurückgelassen? Aber wie wurde Esau durchforscht, durchsucht bis in die geheimsten Winkel!" (Obadja I. 5, 6). — Die vornehmsten Vertreter der Ironie in der Bibel sind also, wie aus obigem hervorgeht, die Propheten, ja man könnte sie überhaupt als Repräsentanten jener zumeist nur innerhalb des Judentums sich vorfindenden Art von Satyre hinstellen, die nicht in der Welt- und Menschen- Verachtung, sondern im Menschenglauben wurzelt. Und von solchem Geiste waren auch alle späteren Satyriker, waren ein Alcharisi und Immanuel de Romi, ein Börne und Heine durchdrungen, sie, die allesamt bewusst oder unbewusst geschöpft haben aus dem frischen, lebendigen Urquell unserer Bibel.