Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Vom jüdischen Kinde
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 4)
- Language
- German
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567 Dr. Theodor Zlocisti: Vom jüdischen Kinde. 568 haltene wie ein Quell auf, er streckte die Arme aus und von seinen Lippen troffen unbewusst die Worte süss und töricht." Das sind Sätze aus Ephraim Frisch's Geschichte eines Knaben „Ein Verlöbnis" — einem Meisterwerke, das zart und duftig das Binnenleben eines jüdischen Kindes gibt und sich weit über den Eahmen einer Novelle zu einem psychologischen Dokument der modernen jüdischen Kindesseele erhebt. Aber es ist nur selten das Schicksal des Kindes dieser dunklen Artung, frühe hinzusinken wie Leo Braun. Sie wachsen heran oft langsam und in seltsam gewundener Entwicklung; und was das Kind noch scheu verbarg, kann der Gereifte offenbaren. Das Seelenbinnenleben des Kindes ist der Wurzelboden aller heilig - grossen Kunst. Und die schwermütig-düstern Klänge echter Künstler unseres Stammes klingen aus der dunklen Kindheit herauf. Der grossen Schöpfer haben wir nur wenige. Allein wenn wir die Linie von dem melancholischen Juden-Kindertypus hinaufverfolgen zu den höheren Lebensaltern, dann stossen wir auf die grosse Gemeinde der Juden, die ihr vom Alltag nicht entweihtes Leben in den stillen Hainen der Kunst verträumen, und ihre von ungestillter Sehnsucht überflutenden Seelen trösten an den Offenbarungen grosser Meister; dann treffen wir in unseren Keinen so seltsam viele nichtschaffende Künstler, die oft bedeutender sind als die Schaffenden, aber zu schwach, um den Reichtum ihrer Seele zu umspannen und zu formen, oft noch die heilige Scham der Kindertage haben, sich zu enthüllen; und die innerlich verbluten, weil ihre Träume zu glühend sind, um zu Wort und Stein und Farbe zu erstarren. Die Zauberinacht in der Entschleierung des Binnenlebens, der starken Rudimente der kindlichen Träume vom eignen Ich und vom eigenen Schicksal, wohnt grossen Ideen mit farbenfreudigen Horizonten in gleichem Grade inne wie der Kunst. Die eminente Beteiligung der Juden an ethischen und sozialen Kampforganisationen ist zu eiuem gewissen Teile wirtschaftlich bedingt und oft der eitle Zwang der Mode. Bei denen aber, deren heiligsten Gefühlen die lichten Ziele Schwungkraft und die bebende Wollust des Sichselbstopferns bringen, werden nur die vergrabenen Träume des versonnenen Kindes wieder auferstehen. Und hier liegen auch die letzten Voraussetzungen des Zionismus. Was der suchende Psychologe dem Kinde oft nur in der Narkose, in der Hypnose, im Fieber und den wirren Reden eines die Seele nur überdämmernden Schlafes entlockt — die aus tausend Wunden flutende Sehnsucht nach Kraft und Freiheit und eigener Erlösung hat der Zionismus aus dem Dunkel emporgeführt. Wie der Mosesstab hat er aus dem Felsen das Geheimnis heilender Quellen gelöst. Heilende Quellen, denn an ihren erlabte sich die Seele der Jugend nicht nur, die die qualreiche Fremdlingswelt um sich herum als Wüste empfand, sondern ihr Wundertrank zauberte ein sonniges Vaterland hervor, drinnen Glück und der Friede wohnen. Hier weiteten sich wieder die Aecker; und zwischen wogenden Aehrenfeldern schritt der Jüngling, das Auge voll Jubel und voller Lieder die Lippe. Die Heimatscholle, aus der der Feind einst das Judenvolk gerissen, ward neu errungen — im Traume. Aus dem Innenleben der Kindheit ist der Zionismus gewachsen und hat nur dort Wurzel schlagen können, wo auch in den schon Gereiften das Phantasieleben der Kindheit nicht vertrocknet war. Und nur hier liegen die Grenzen, die der agitatorischen Kraft des Zionismus — der persönliche Befreiung ist — gezogen sind. Nicht die theoretische Erwägung, dass ein treibendes Volk nur durch einen gesunden Bauernstand gesunden und zu neuer Schöpferkraft erwachsen kann, sondern die unbewusste Reaktion gegen den aufgezwungenen Intellektualismus des Händler- und Mittlervolkes, die Sehnsucht nach der Schönheit der Erde, wie die Dichter der Psalmen sie besingen, ein wilder Trieb nach Einwurzelung in eigenen Boden und die Herrenlust, in der erstarkten Hand den Pflug zu führen — wie sie in der schinerzumschnürten Kindesbrust aufloderten, sie haben später die Landarbeit an den Anfang aller Renaissancestrebung gestellt. Dass aber ein so gerichtetes Binnenleben sich mit dem gleichen Inhalte entwickeln konnte in dem düstren Glieder des Ostens und den luftigen Gymnasien des Westens, beim Knellen des Talmuds nicht anders wie beim Eindrillen der Verba auf lässt die Strukturgleichheit der Judenseele erkennen und die relativ geringe und wol nur formgebende Bedeutung der Milieueinwirkung. Der Agathon in des Fürthers Wassermann ,,Juden von Zirndorf und Leo Braun in des Galiziers Frisch „Ein Verlöbnis" sind leibliche Brüder! Allein war dem Agathon auch ein längeres Leben beschieden als dem Leo Braun, (er starb erst am Schluss des Romans Renate Fuchs) und konnte er sich sogar anschicken, seinen Sohn Bonus zu zeugen — er blieb ein Kind; und was er erlebte, war das seltsam farbige, verdämmerte Leben einer jüdischen Kindesseele. Diesem Heldengeschlecht träumender Völker, das erklärendes Dichterwort verklärt hat, entstand auch der Knabe auf Naum Aronsohns letztem Bildwerk. Es sollte ein Grabesmoniunent sein für jene zahllosen Kinder, die in den Oktobertagen des Heilsjahres 1905 bei den „Pogromen der siebzig Städte", die im Spiritus übersiedende christliche Liebe russischer Bluthunde zerrissen hatte. Auf einer noch unvollendeten Säule, die Blumenguirlanden umkränzen werden, ein Mädchenkopf. In den bleichen, weichen Zügen wohnt die Ruhe und ist, als wollte der leicht geöffnete Mund noch rufen: Friede, Friede den Nahen und den Fernen! Noch wacht die Seele in dem zarten Antlitz, auf dem schon der stille Glanz des Jenseits liegt. Die Augen geschlossen, um schärfer in das heilige Land der Träume zu sehen . . . Und über dem toten Kinde der lebende Knabe. Ein jüdischer Knabe. In sein Antlitz hat das