Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Vom jüdischen Kinde
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 569 - 570 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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569 Dr. Theodor Zlocisti: Vom jüdischen Kinde. 570 Schicksal seine Faust geschlagen; und tiefe Spuren Hess die Faust zurück. Seine Schwester haben sie gemordet; wer weiss, wo seine Eltern modern — aber kein Hass ist in dieser .Tudenseele gewachsen. Die letzte Spur des Trotzes in dem energischen Kinn, nachbebend noch um die Unterlippe, ist überschattet von müder Ergebung. In dieser Seele hat das Leid der Gegenwart keinen Raum, weil die Tragik der Jahrtausende — uraltes Judenschicksall — sie erfüllt. Wehmut lagert um die Augen. Sie blicken in die Perne. Ihr feierlicher Ernst sieht nicht Blut und platzende Bomben, sieht ein Zukunftsland in schwerem Morgendämmer. Nicht kindlich-spielerische —, heilige Träume raunen vom Siege des Friedens. Und er wird einziehen in die Welt, nicht umbraust von Kanonendonner und jubelnden Fanfaren, hoch zu Ross im purpurnen Gewände, sondern wie ein Schnittersmann, der am Abend in das stille Dörflein heimkehrt . . . Ein Grabstein für unsere hinge mordete Jugend? Es wird ein Denkmal sein für das lebende jüdische Kind. Lied der Vertriebenen. Nachdruck verboten. Wir sind wie die Wolken, die tränenschwer Am nächtlichen Himmel ziehen; Wie fallender Blätter verwehtes Heer, Die jäh im Sturmwind fliehen. Wir wandern und wandern — nicht wissend wohin, So wund das Herz, so weh der Sinn, Und müde zum Sterben. Wir wandern mit angstgepeitschtem Schritt Hinaus in die Rätselweite. Und Qual und Kummer wandern mit. Der Tod hinkt bleich zur Seite. Wir lassen klaffende Gräber zurück, Ein rauchendes Heim, zerschelltes Glück In tausend 5cherben. Geheimnisvoll die Zukunft droht, In blutige Schleier gebettet. Kein Hoffnungsstern am Himmel loht. Wir wandern, ans Dunkel gekettet. Was birgt der Ferne verhüllter Schoss? Gebärt sie uns ein freundlich Los, Oder Verderben? — Wir sind wie die Wolken, die tränenschwer Am nächtlichen Himmel ziehen; Wie fallender Blätter verwehtes Heer, Die jäh im Sturmwind fliehen. Wir wandern und wandern — nicht wissend wohin, So wund das Herz, so weh der Sinn, Und müde zum Sterben. Berlin. Siegbert Salter. Von Hooligans und Militär hingeschlachtete jüdische Kinder in Russland.