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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 565 - 566

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Vom jüdischen Kinde
Date
1906-08-01
Page
Seite 565 - 566 (sequence 3)
Language
German
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565 Dr. Theodor Zlöcisti: Vom jüdischen Kinde. 566 neuen Berufe umsetzt, für die an sich die Einseitigkeit des Intellektualismus nicht geboten ist, so lassen die reicheren Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit und die Ausweitung des Berufsfeldes in den Kulturländern eine gleichmässige Entwicklung seelischer Anlagen und Inhalte wenigstens zu. Und auch von dieser Seite her kann man es verstehen, warum die früh begonnene dialektische Schulung des Kindes, deren klassische und zielsichere Form die alte Methode des Bibel- und Talmudstudiums war, zugleich mit der Emanzipation aufhörte eine dira necessitas zu sein, eine geschichtlich notwendige Vorbereitung fürs Leben. Erst mit der Emanzipation, mit der Aufhebung teleologischer Notwendigkeit konnte darum die „Lehre" Gegenstand reiner Wissenschaft werden. In der freieren Luft aber konnten sich jetzt in der jüdischen Kindesseele die Keime eines Phantasielebens entwickeln, denen der jahrhundertelange Eaubbau des Intellektualismus den Boden entzogen hat. Im Gegensatz aber zu dem mehr heiteren Phantasieleben der Kinder bodenständiger Völker hat das dieses jüdischen Kindertj-pus dunklere Färbung. Jahrtausende altes, intellektuell einst überwundenes Leid durchbricht die Deiche und lockert die Seelen zu stärkerer Sensitivität auf. Und nun da die Schranken des Ghetto nur noch als düstere Ruinen stehen, da die freie Luft das jüdische Kind umfächelt in gleicher Frische wie den christlichen Knaben, müssen Fluchworte, ein spöttischer Nachruf auf der Strasse, eine abwehrende Geste, Isolierung auf dem Schulhofe, höhnisches Auflachen der Mitschülerhorde, wenn ein jüdischer Vorname genannt wird und all die tausend kleinen Verletzungen das jüdische Kind um so tiefer verwunden. Ohne dass das Kind zu einer Klarheit der tieferen Gründe dieses Rassenantagonismus durchzudringen braucht, in seiner empfindlichen Seele ebnet sich der Boden für die Entwicklung jener seltsamen psj^chologischen Erscheinung, die man nach dem Vorgang Benedikts und besonders nach der feinen Analyse von Moses- Mannheim als das Seelenbinnenleben bezeichnet hat. Gerade dem zarter strukturierten jüdischen Kinde geben die kleinen Leiden seines engen Kreises die günstigste Vorbedingung für die Wucherung dieses Lebens heimlicher Träume, zu deren Einsamkeit der Isolierte ängstlich den Zutritt sperrt. Das jüdische Kind fühlt sein Schicksal früh; und aus diesem Schicksalfühlen sprossen dann seine Träume. Der sich aus dem Paradies der Kindheit gestossen, der hämische Blicke auf sein dunkles Haar, auf sein verkümmertes Gesicht immer gerichtet sieht, wird sich in seiner Seele ein Paradies schaffen voll duftender Blüten, voll glitzender Farben, voll weicher heiliger Töne. Und hier ist er allein Herr und schreitet in faltenreichem, weissem Gewände, dunkelrote Rosen im Haar, durch den lachenden Morgen. Oder wie ein Held, die Brust mit güldenen Orden geschmückt, in einer glitzernden Uniform reitend auf einem feurigen Rosse und mit seinem Säbel die Feinde mähend, dass sie in Schwaden sinken. Oder wie ein Künstler, den der Jubel einer hingerissenen NA UM ARONSON. PARIS. Grabdenkmal für die gemordeten jüdischen Kinder in Russland. Menge wie Engelchöre umbraust. „Der Traum überwucherte allmählich den Tag und seine Kümmernisse. Er war froh wenn der Tag sank und die Nacht kam; in der Nacht sprang ihm alles Ver-

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