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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 563 - 564

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Vom jüdischen Kinde
Date
1906-08-01
Page
Seite 563 - 564 (sequence 2)
Language
German
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563 Dr. Theodor Zlocisti: Vom jüdischen Kinde, 564 Wir haben dem jüdischen Kinde durch Jahrhunderte die Kindheit geraubt. Es war die höchste Freude der Eltern, wenn ihr Kind mit frühreifem Verständnis die Welt erkannte und tiefere Zusammenhänge zwischen den Dingen sah, welche die gesunde Phantasie des Kindes mit luftigen Brücken verbindet. Sie lernten das Leben früh, und das Leben war ernst, und für die zwecklos-sinnigen Spiele der Kindheit gab es keinen Kaum. Es ist kein Zufall, dass in jüdischer Kinderschaft sich eigene Spiele nicht bildeten. Die wenigen, die sie kannte, waren den Kindern fremder Völker entlehnt. In dem Leben des jüdischen Kindes war zu viel Ziel und Bewusstheit. Sie entwickelten sich nicht — sie wurden entwickelt . . . Ihre Seele nahm den Keichtum des Lebens nicht auf — wahllos und planlos, um einst diese Fülle zu sichten und zu schichten und zum Weltbilde zu fügen. In ihre Seele wurde von weisen Händen nach sorgsamer Wahl und ernstem Plan hineingepresst, was Duldermut und .die Kraft zu überdauern zeugen konnte. Und ihre Seelen wurden stark und hart und sahen mit scharfen Augen in die Gewundenheit menschliehen Treibens. Aber die Seelen wurden auch eng. Die Schönheit des Irdischen, der Duft der Blumen und die Fülle der Farben und die heitere Spiegelung der Sonne in Gottes Welt fand keinen Platz darinnen. Nur Gedanken hatten Farbe und Duft. Und die Träume glitten nicht über abendliche Wiesen, sondern über Talmudsätze hin. Weltfremdheit und Weltvertrautheit in kräftiger Ausgeprägtheit, aber unüberbrückt eiguen sie der jüdischen Seele — ihr Keichtum und zugleich ihre Armut. Sie sind keine eingeborenen Qualitäten, sondern die Folgen eines vom Schicksal dem wurzellosen Volke aufgezwungenen Intellektualismus. Die Harmlosigkeit der Kindesseele wird immer in der Frühreife zerbröckeln. Aber auch oft ihre Keinheit! Wo andere Kinder freudig gemessen, wird ein jüdisches Kind analysieren. Wie erbärmlich ist das Grosse, wenn man sich die einzelnen kleinen Bestandteile ansieht, Und dann: es hat ja die wunderbarsten Dinge schon so oft und so gründlich gesehen. Keizt ihn nicht mehr. Und so lagert sich an die Frühreife die Blasiertheit an. Uninteressiert an dem Treiben seiner Genossen und lächelnd über die Naivität ihres Spiels, über die Zwecklosigkeit ihrer kleinen Aufregungen erwächst ihm das Gefühl seines persönlichen Wertes. Wer Gelegenheit hat, gleichaltrige jüdische und christliche Kinder in ihrem mannigfachen Beziehungen zu beobachten, wird den jüdischen Kindern zumeist ihr Gefühl der Ueberlegenheit schon ansehen. Sie lassen sich gnädig herab und werden dreist und anmassend. Und es ist der Fluch unseres Intellektualismus, dass die meisten jüdischen Eltern glücklich sind mit ihren frühreifen Kindern und stolz von ihren — Chutzpes berichten. Aber dieser Typ behält die arrogante Gebärde auch dann noch, wenn ihre christlichen Genossen in laugsamem, breiterem Wachstum zu kraftvollen, geschlossenen Persönlichkeiten herangereift sind. Diese frühreifen „Früchte" geben dann das Material für den Mauschel, der die Freuden christlicher Männer — weite Märsche durch die Haide, NAUM ARONSON. PARIS. Vergrösserter Kopf von nebenstehendem Grabdenkmal. anstrengenden Sport, stundenlanges, geduldiges Angeln — als „Gojimnaches" ablehnt. Dem frühreifen Kinde eines heimatständigeii Stammes wächst die Freude an der Natur, schärfen sich die Sinne für die heimlichen Melodien der Felder und Halden, für die Vielgestaltigkeit, in der sich Gott in der Natur offenbart, sprosst die robuste Kraft, die Fülle zu meistern und es gewinnt die Frohheit des Siegers. Das frühreife jüdische Kind lernt die Tragik des Lebens früher verstehen. Es schiebt sich selbst unter die Last des Schicksals, nicht wartend, bis die Last sich ihm von selbst auf die Schulter wälzt. Die Schatten der Schwermut dehnen sich in seine Seele und eine müde Trauer sinnt aus seinem dunklem Auge. Es will scheinen, als ob in den Ländern, in denen die Lebensbedingungen der Juden Stetigkeit und ein gewisses Erträglichkeitsoptimum erlangt haben, der immer stärker und häufiger hervortretende Typus versonnen-schwermütiger Kinder die Krisis in der Anormalität unserer Artentwicklung anzeigen: die Krisis, die zur pathologischen Entartung auf der einen Seite abstürzt, auf der andern aber den Aufstieg zur Gesundung anbahnt. Wenn freilich auch bei vielen der Intellektualismus seine Schwungkraft behält und in der praktischen Form des Geschäftssinnes die Betriebsart vieler

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