Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Schuld und Sühne
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583951-2593791--06377-2593863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
559 Benjamin Segel: Schuld und Sühne. 560 einem violetten Nebel, und links lag die Stadt unter schwärzlich grauen Schatten versunken. Nur der schlanke gotische Turm der Kirche reckte sich mächtig in die Höhe, und oben an seiner Spitze flammte das vergoldete Kreuz. Er drehte sich um und blickte nach Osten, wo der Eisenbahndamm mit einer weisslich-grauen Linie den Horizont begrenzte. Er sah seinen eigenen Schatten sich riesengross, gespensterhaft von der rotübergossenen Oberfläche des Flusses abheben. Ein Zug raste vorüber, und die untergehende Sonne spiegelte sich in seiner langen Fensterreihe, die wie ein faltiges Purpurband ei'glänzte und verschwand. Im Osten breitete sich die hereinbrechende Finsternis aus, zuerst rötlich anzusehen, dann in einen bläulichen Ton übergehend, um schliesslich ganz dunkel sich über die Erde zu lagern. Er versenkte sich unbewusst in diesem wunderschönen Anblick und war so ganz darin verloren, dass er alles um sich her vergass. Eine bleischwere Abspannung kam über ihn und in ihrem Gefolge die dämmernde Empfindung, das alles, was er heute erlebt, ein Traum gewesen, eine Halluzination, eine Sinnestäuschung; gar nichts sei vorgefallen, er sei in Wirklichkeit derselbe geblieben____ Nun musste er rasch nach Hause, um der Mutter vor dem Schlafengehen noch etwas vorzulesen und sich morgen wieder an seine Arbeiten zu machen. Aber er machte keine Bewegung, sondern blieb an der Stelle wie angewurzelt. Mechanisch entkleidete er sich seines Rockes und nahm den Hut ab. In seinem Kopfe schwirrten und jagten einander tausend Bruchstücke von Gedanken, die er nicht haschen und festbannen konnte; er versuchte es nicht einmal, denn sein ganzes Wesen war wie aufgelöst, und er fühlte nicht die mindeste Kraft in sich, nichts weiter als ein heisses Sehnen nach Ruhe. Am liebsten hätte er sich irgendwo hingestreckt, um in tiefen Schlaf zu versinken, 'rotmüde beugte er sich über das Geländer und stierte auf den Wasserspiegel, welcher dicht unter der Brücke eine Vertiefung zeigte, in der die Wellen schäumend und zischend gurgelten. Dort war ein Strudel. Zuerst Hess er seinen Hut, den er gedankenlos in der Hand drehte, sinken, sah ihn auf der Wasserfläche tanzen, sich einige Male überstürzen, dann mit Wasser füllen, und schliesslich verschwinden. Die Oberfläche schloss sich wieder. Das Spiel fesselte ihn und er warf dann auch den Rock nach, der mit lautem Aufklatschen hinabstürzte, sich auf dem Wasser ausbreitete, dann rasch in Wirbel drehte, bis er stückweise untertauchte und versank. Inzwischen hatten die Wolken, die seit einer Stunde über den Horizont sich wälzten, den Himmel gänzlich überzogen. Die letzten Lichter, die auf dem Flusse spielten, erloschen, und tiefes Dunkel umfing die Erde. Die Wolken senkten sich tiefer und tiefer, drängten und schoben sich, bis sie wie ein Dach über der ganzen Ebene hingen. Seltsam abgerissene Töne Hessen sich vernehmen, wie aus der Erde empordringend. Es war, als ob die ganze Natur den Atem anhielt. Und nun kam der Sturm. Eine Weile drückenden Schweigens folgte. Dann ging es wie ein langer, heisser Atemzug durch die Lüfte, und von einem Ende zum anderen durchschnitt den Horizont ein Blitzstrahl, der sich in tausend Zungen spaltete, die zuckend und zitternd am Himmel sich emporreckten und dann in Millionen blauer, roter und gelber Funken zerstoben. Einen Augenblick lag die ganze Ebene in grelles Licht getaucht, dann umfing sie düstere Nacht, und gleichzeitig erwachte der Donner mit dumpfen Grollen, erdröhnte immer lauter und verhallte dann, gleichsam in die Ferne sich flüchtend. Es wurde wieder still, und der einsame Mann vernahm auf der Brücke das Plätschern der Wellen, die aufgeregt murmelnd talabwärts stürmten. Glühend heiss flutete es ihm durch den zitternden Körper. Dann fühlte er sich von einem kühlenden Hauche berührt, der Wind kam zuerst leise, dann brach ein Stoss nach dem anderen in wildem Brausen wie aus einem Versteck hervor, und mit mächtiger Gewalt strömte der Regen nieder, als ob er aus tausend Bächen sich ergiesse. Wieder krachte das Himmelsgewölbe, dass die Erde erzitterte. Er klammerte sich unwillkürlich an die Stäbe des Geländers fest, damit er nicht umsinke. Oben tat es sich auf wie ein Riesenschlund, und feurige Fluten ergossen sich nach allen Seiten. Einen Moment schien das ganze Firmament in Flammen getaucht, der Fluss loderte, auf der brodelnden Fläche tanzten unzählige Flämmchen, und blitzender Schaum spritzte empor. Dann bedeckte rabenschwarze Finsterniss das All, und er vernahm nur das Rauschen des Regens, der in faustgrossen Tropfen niederfiel. Und das Pfeifen des Windes schwoll immer mächtiger an und wuchs zu ungeheurem Tosen, das bald wie ein Heulen, bald wie ein Aechzen aus Millionen Kehlen erscholl. Nun blitzte es wieder auf, als wäre der Himmel in tausend flammende Ringe zerborsten, Yon der Ferne her liess sich ein wachsendes Brüllen vernehmen, der Donner kam näher und näher, rollte in heftigen raschen Stössen über den Horizont, wie wenn zehn, zwanzig Türme einer nach dem anderen in die Lüfte sprängen. Nun wurde der Regen schwächer, der Wind trieb die Wolken auseinander, bald verstummten die entfesselten Elemente, und friedliche Ruhe breitete sich über die Erde. Er aber stand noch immer betäubt, matt, seiner Sinne nicht mächtig, an das Geländer gestützt und sah nicht, wie der Himmel sich völlig geklärt hatte und der Mond in seiner ganzen Pracht erschien. Lichte, weisse Wölkchen jagten vorbei, gleichsam einander haschend, bald dem Mond entfliehend, bald sein Antlitz wie hinter einem silberumsäumten Spitzenschleier bergend . . . Plötzlich erschauerte er und raffte sich auf. Ein Frösteln durchschüttelte ihn, er fühlte ein schmerzliches Bohren in seinem Hirn, und gleichzeitig quälte ihn brennender Durst. Der Fluss erblinkte vor seinen Augen, vom Mondlicht Übergossen; er verliess langsam die Brücke, ging dann den Fluss hinauf, eine Strecke lang, bis dahin, wo das Ufer sich breit und flach dehnte. Dort kniete er nieder und tauchte die Hände in die Fluth. Ein