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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 561 - 562

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Schuld und Sühne
Date
1906-08-01
Page
Seite 561 - 562 (sequence 6)
Language
German
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561 Benjamin Segel: Schuld und Sühne. 562 wohliger Schauer durchrieselte ihn, er ginghinein und stand bald bis an die Kniee im Wasser. Dann schritt er immer weiter, legte sich endlich auf den Rücken und Hess sich von der Flut schaukeln. Die Wellen kamen heran und netzten ihm kosend den Nacken, das Haar, das Antlitz; er wehrte sich nicht, ein wonniges Gefühl überkam ihn. Es war so unendlich weich und sanft, hier ruhen, und der Fluss murmelte so still und wiegte ihn so leicht. Er schloss die Augen. Die Wellen trugen ihn der Brücke näher und näher. Plötzlich fühlte er sich wie mit eisernen Armen an den Füssen gepackt, drei, viermal rasch wie ein Kreisel herumgedreht und dann hastig in die Tiefe lünimtergezogen. Da, mit einem Male erwachte der Lebenstrieb in ihm, er begann aus allen Kräften mit den Armen zu arbeiten, drehte und wand sich, aber schon hielt ihn eine Felsenöffnung umklammert. Zehnmal richtete er sich empor und glaubte sich schon aus der schrecklichen Umarmung befreit, und zehnmal sank er wieder kraftlos hinunter. Er fühlte sein Herz gleichsam wachsen und anschwellen und hörte es laut mit dumpfen Sehlägen hämmern. Die Schläge verloren sich in einem ungeheueren Zischen, das aus der Ferne zu kommen schien; tausend Stimmen erschollen und verwoben sich zu lärmendem Geschrei. Dann legte es sich wie ein Nebel um seiue Sinne, aus dem längst verblasste Gesichter, verschollene Erinnerungen, Bilder der Vergangenheit auftauchten, wie von blauem Glanz umwoben, der immer heller wurde, bis er jählings verblasste. Und nun verschwand Alles . . . Seine Hände sanken nieder ... Es ward still wie im Grabe . . . Mit gurgelndem Zischen drang ein Wassersäulchen auf die Oberfläche und zerplatzte. Der Mond stand auf dem saphirblauen Himmelsgewölbe, von mildem, silberhellem Glanz umflossen, und sandte seine Strahlen hernieder. Sie brachen sich und funkelten auf den Wellen des Flusses, die sanft sich kräuselten. Alles schwieg, kein Blatt rauschte, kein Windhauch regte sich. Es war still. . . . VOM JUEDISCHEN KINDE. Von Dr. Theodor Zlocisti. In der jüdischen Kindesseele findet die Tragik des jüdischen Volkes ihren prägnantesten Ausdruck und ihre Gipfelung. Schon in den grauen Zeiten, da in der Heimatscholle die Wurzeln jüdischen Volkstums dorrten und die dumpfe Ahnuog zur Gewissheit erstarrte, dass des Gottesstammes Symbol der dornige Wanderstab würde durch die Jahrhunderte, setzte sich unser Ahasverschicksal seinen Thron in die Seele jüdischer Kinder. Beute der Feinde war die alte Heimat geworden, und vergebens flehte die Arbeit der Ahnen aus dem dürren Gestrüpp verwüsteter Felder die Hilfe des Himmels herab für das vertriebene Volk. Es zog ins Elend. Allein: konnte die Fremde auch niemals Heimat werden — heimatlos war das Wandervolk nicht. Freilich fehlte ihnen die verjüngende Kraft palästinischer Erde. Und aus keiner Furche, die der eigene Pflug gezogen, sprosste die stille Freude des Ackerers. Von den lieben Sternen der Heimat glitt kein Abend auf das müde Land und von den Bergen Judaeas kündeten nicht mehr die Höhenfeuer den Wechsel der Monde. Die Heimat wurde spiritualisiert, und die „Lehre" ward Vaterland — ein Vaterland, das der Jude allüberall mit sich trug. Diese Umsetzung aus einem realen Wurzelhoden in einen ideellen war ein tragisches Geschick. Aber der kraftvolle Optimismus unseres Stammes, der gerade in aller Not zur Festigung und Steigerung der Lehensmöglichkeiten drängte, zwang dazu, schon dem jungen Kinde die ideelle Heimat lieb und heilig zu machen. In dem zarten Alter, Nachdruck verboten. in dem der Landmann einst seinen Buben zum erstenmal mithinausnahm aufs Feld, führte er ihn jetzt — zur Thora. Sie wurde der Blumengarten, in dem das Kind sich spielend erging; und an den Worten der heiligen Rollen zupfte und nestelte der jugendiiehe Geist wie einst die jugendlichen Finger an den Kronenblättern der Blüten, die die Sonne aus Vaters Acker gelockt. Und kam die Eeife, in der der Jüngling einst half die Halme binden — nun band er zur Lust der Eltern die Gedanken der Mischna zu schweren Garben. Das Schicksal züchtete im jüdischen Kinde schon früh den Intellektualismus; geschmiedet im Kampfe ums Dasein, wurde er immer geschärft zum Kampfe ums Leben. Im Kampf eine Waffe, war der Intellektualismus — wie alles Gewaffen — im Frieden ein Schmuck. Und dennoch war er ein Fluch! — „Wer die Thora einen Tag verlässt — so mahnten unsere Lehrer — den verlässt sie der Tage zwei." Wie lauge muss ein Volk auf seine Gesundung warten, wenn es durch Jahrhunderte die Entwicklung der Seelen seiner Kinder aus den natürlichen Gleisen hat drängen müssen?! Das ist eine hange Frage, denn es will scheinen, als wollte der Fluch des Intellektualismus den Grenzrain des Noch-Normalen überschreiten. Könnte man noch die frühe und schwere Erlahmung der Nervenkraft bei erwachsenen Juden auf die Schwere der Lebensbedingungen znrückführen und ihre Häufigkeit auf die für uns gesteigerte Wucht der Kampfesmühen — die nervöse Ermattung der jüdischen Kinder spricht doch für die Erschlaffung der Rassenkraft.

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