Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Schuld und Sühne
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 557 - 558 (sequence 4)
- Language
- German
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557 Benjamin Segel: Schuld und Sühne. 558 Widerwillen im Herzen bei einflussreichen Persönlichkeiten antichambrieren und sich dazu erniedrigen, seine Verdienste ins Feld zu führen. Sie. vergiftete seine Lebensruhe mit ihrem Neid und wnsste ihn stets von neuem anzustacheln, indem sie ihm das Gespenst der Armut an die Wand malte. Aber alle Bemühungen waren vergebens. Seine Kollegen rückten vor, erklommen die höchsten Stufen akademischer Würden, nur er allein blieb unten stehen als „ewiger Privatdozent." Er litt unsäglich in der Hölle, die ihm die Frau zu Hause bereitete; sie vergällte ihm das Dasein mit tausend kleinen Nadelstichen, gegen welche der Mann wehrlos ist. Bald begann sie, den Wert seiner Lebensarbeit in Zweifel zu ziehen, und ihr ewiges Naserümpfen über seine Lehrtätigkeit machte ihn schier selber wankend. Immer wieder begann er seine Anstrengungen, um stets einen neuen Misserfolg einzuheimsen. Endlich gingen ihm die Augen auf, dass sein Bekenntnis das einzige Hindernis bildete. Um den Preis eines lleligionswechsels wolle man ihm gerne alle Tore auftun. „Sie begreifen, werter Herr Kollege... Bei den heutigen Strömungen . . hm . . Katheder für Nationalliteratur .. unmöglich .. das wäre ja unerhört.. so was . . hm . . kann nichts helfen . . " — sagte ihm einmal der ewigliebenswürdige Präsident der Akademie, zugleich allgewaltiger Lenker des Unterrichtswesens. — AVenn Sie indessen . . hm . . wollten . . so . . hm . verstehen Sie . ." — schloss er, ohne seinen Besucher anzusehen. „Niemals!", gab dieser zur Antwort und nahm den Hut. — „Ueberlegen Sie sich die Sache, werter Herr Kollege!" rief jener nach, „wir sprechen noch davon!" Er lief wie wahnsinnig nach Hause und schloss sich in sein Zimmer ein. Bei der Erinnerung an diesen Vorfall sprang er jetzt jäh vom Boden auf, wie von einer Natter gestochen. Ein Augenblick des Vergessens überkam ihn, und er wollte nach Hause eilen, zu den Füssen der Mutter niederknieen und den Kopf in ihren Schoss betten. Das tat so wohl, wenn sie mit ihrer Blindenhand ihm über Gesicht und Stirn fuhr, alle Sorge und Qual war weggewischt, wie ein Hauch. Jetzt zog es ihn zu ihr, und das Herz schmolz in seiner Brust. Schon legte er seine Schritte heimwärts, da kam ihm jene andere in den Sinn, und ein Ekel schüttelte ihn. Sie sitzt nun gewiss daheim mit triumphierender Miene, das Papier in der Hand haltend, das sie zur Frau Professorin macht; und sie wird sich ihm um den Hals werfen und ihm zu seinem Erfolge gratulieren . . . Ein Schauer überlief ihn. Er erinnerte sich jenes verhängnisvollen Abends, als sie die Forderung des Präsidenten und seine eigene Antwort erfuhr. Sie tobte wie besessen und nannte ihn einen Feigling, eine Memme, ein altes Weib. „Warum nicht nachgeben? Warum nicht einen alten Fetzen in die Rumpelkammer werfen, um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können? Soll man etwa im Alter betteln gehen, wegen ein paar lächerlicher Schrullen? Was Ehre, was Pflicht! Schöne Ehre das, ewiger Privatdozent zu bleiben, während alle Welt Professor und Gott weiss was geworden ist!" So reute und zerrte sie alles, was ihm teuer war, in den Staub. Er hatte keinen Augenblick mehr Ruhe vor ihr. Bald folterte sie ihn mit ihrer eisigen Kälte und ihren abweisenden Blicken, bald wieder bestürmte sie ihn mit heissen Bitten, gebrauchte die süssesten Kosenamen und erstickte jedes Aufraffen seiner Energie in einem Schwall von Zärtlichkeit, die ihn berauschte und gefangen nahm. Wie ein Besessener trabte er hinaus, immer weiter hinaus! Aber das einmal aufgeregte Gedächtniss Avollte sich nicht sobald beruhigen ■ und rief ihm noch eine Menge von quälenden Erinnerungen aus jener schrecklichen Zeit vor die Seele. Da stand er eines Tages vor dem Geistlichen, ohne recht zu wissen, wie er dahin gekommen war. Und dann folgten Tage taumliger Hast und massloser Aufregung, aus denen nur das Gefühl tiefer Erschöpfung und Mattigkeit in seiner Erinnerung zurückblieb. Er hatte keinen deutlichen Begriff von dem, was um ihn her vorging. Die Vorstellungen glitten in einander über, verschwammen und bildeten gleichsam ein einziges wüstes Meer, auf dem er wie ein Schiff umhertrieb, welches Mast und Segel und Steuer verloren. Jetzt kam das Erwachen, und er fühlte einen klaffenden Bruch, einen tiefen Spott, der durch seine Seele ging. Weit hinter ihm, Avie von einem dichten Nebel umhüllt, lag seine Vergangenheit ausgebreitet, rein, klar, ohne Makel; kein Fleck, kein Stäubchen war darauf; er empfand etwas wie tiefes Heimweh danach, aber ein eiserner Riegel hatte sich davorgeschoben. Er musste nun weiter, unaufhaltsam weiter, ohne Lust, ohne Liebe, ohne Kraft, denn jene innere Spannkraft, die er immer von Neuem in sich emporschnellen fühlte, war gebrochen, der Frieden seiner Seele zerstört für immerdar . . . Wie sollte er das Leb:n fortsetzen, die zerstobenen, auseinandergefallenen Kräfte wieder in einen Brennpunkt vereinen? Wird nicht stets die Vergangenheit wie das Gespenst eines gemordeten Freundes hinter ihm auftauchen, über die Schultern hinweg ihm in die Feder blicken, wenn er seine Gedanken niederschreibt, zu seiner Seite stehen, wenn er lehrend vor seine Schüler hintritt, und mahnend und klagend ihm zuflüstern: „Erkennst Du mich nicht?" Ein sonderbares Gefühl, gemischt von Grauen, Scham, Zorn und Verzweiflung, schnürte ihm die Kehle zusammen und raubte ihm die Besinnung. Er wusste nicht mehr, wo er sich befand. Plötzlich drang ein leises Plätschern an sein Ohr; es kam von dem Flusse her, der neben ihm seine breiten, ruhigen Fluten dahinrollte. Langsam stieg er die Brücke hinan, die sich in mächtigen Bogen von einem Ufer zum anderen wölbte. Dann lehnte er sich an das Geländer und starrte in die untergehende Sonne. Die Wolken hatten bereits den ganzen Horizont umzingelt und wälzten sich nun in dichten Massen der Sonne zu, von deren letzten Strahlen ihre Ränder mit einem gelben Schein umgoldet wurden. Auf der Erde war alles dunkel. Der Pluss verlor sich weit unten in