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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 555 - 556

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Schuld und Sühne
Date
1906-08-01
Page
Seite 555 - 556 (sequence 3)
Language
German
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555 Benjamin Segel: Schuld und Sühne. 556 Pechschwarze Finsternis ging von ihr aus und kämpfte mit dem Rest des Sonnenglanzes, der langsam, wie zögernd zurückwich. Es war schwül, ein drückender Hauch ging durch die Luft. Die Blätter im Gebüsch, die Grashalme am "Wiesenrand bückten sich wie unter einer schweren Last. Des Wanderers Atem stockte. Die gepresste Stimmung in der Natur teilte sich auch ihm mit und er fühlte von neuem jene heisse Welle in seinem Herzen aufsteigen und sein Gehirn belasten, Er bemühte sich, die chaotischen Gedanken festzuhalten und zu ordnen, aber sie flatterten auseinander, wie eine aufgescheuchte Vogelschar. Plötzlich warf er sich zu Boden, riss seine Kleider auf, drückte die entblösste Brust gegen das kühle Gras und grub sich mit den Fingern kramprhaft in das weiche Erdreich. Ein konvulsivisches Zucken ging durch seinen ganzen Körper. Er stöhnte auf; ein inneres Schluchzen, wie das Röcheln eines zu Tode G ewürgten. Dann kamen die Tränen und flosssen reichlich und lindernd aus seinen Augen .... Er wurde ruhiger, legte sich auf den Rücken und begann in den Himmel zu starren, wo die Wolken sich dicht und dichter zusammenballten. Ein Augenblick aus dem vergangenem Leben tauchte in seiner Erinnernng auf. Es war lange, sehr lange her. Damals lag er auch so gegen Abend, vielleicht an derselben Stelle, den Blick nach oben gerichtet. Tags darauf sollte er zum ersten Male das Katheder besteigen. Nach langem, hartem Kampfe war~es ihm gelungen, den so viele Jahre verkannten, fast vergessenen Nationaldichter auf's Schild zu heben und ihm gebührenden Ruhm zu erzwingen. Wie hoch schlug ihm das Herz, da er vor die Jugend hintreten sollte als Interpret des grossen Mannes, um ihr die vaterländischen Geisteshelden in einem neuen Lichte zu zeigen. Das war ein Erfolg, der die langjährige, aufreibende Arbeit reichlich lohnte. Glückliche Jahre folgten, Jahre gesegneter, fruchtbarer Tätigkeit, in denen er wissenschaftlichen Forschungen neue Pfade wies, die Literaturkenntnis mehrte und reiche Schätze zu Tage förderte. Er lebte zurückgezogen, wunschlos, einzig der Wissenschaft und der Liebe zu seiner Mutter. Bedürfnisslos wie er war, genügte ihm der spärliche Ertrag seiner Bücher vollkommen. Kein Misston trübte sein stilles Glück. Die Tage und die Jahre flössen dahin, äusserlich eintönig, aber innerlich abwechslungsreich. Bis er etwas unsanft aufgerüttelt wurde. Er hatte soeben ein neues Werk veröffentlicht, das grosses Aufsehen erregte. Namentlich von einem der Kritiker wurde es rückhaltlos mit Lob überschüttet. „Aber" — so schloss der gelehrte Professor seine Rezension — „wie schade, dass unsere eigenen Forscher es einem Juden überlassen, die wichtigsten Momente unserer Geistesgeschichte zu behandelnd Zum ersten Male drang das Wort „Jude" wie schriller Misston zu seinen Ohren. Jude also? Jude? Daran hatte er gar nicht gedacht. Seine Erziehung seit dem Knabenalter, sein ganzer Bildungsgang hatten ihn immer mehr von den Glaubensgenossen entfernt, mit denen er wenig verkehrte, Weniges gemeinsam hatte, ja, deren Sprache er nicht recht verstand. Aber jenes Wort seines Kritikers rief eine Menge von Jugenderinnerungen in ihm wach. Er sah sich wieder im „Cheder", wo ihm das hebräische Alphabet eingebläut wurde, hörte sich im Gotteshause mit anderen Kindern nach jedem Gebete mit lauter Stimme „Amen" rufen und sah sich die kleinen Hände ausstrecken, um die Thorarolle zu berühren und die Fingerspitzen zu küssen. Alle diese Bilder aus vergangenen Tagen zogen an seiner Seele vorüber, und erfüllten ihn mit einem wonnigen Wehegefühl, das uns jedesmal beschleicht, wenn wir der unwiderbringlichen Kinderjahre gedenken. Er schämte sich, so ganz seinem Stamme entfremdet zu sein, begann, seinen Glaubensgenossen sich zu nähern und die Fäden wieder anzuknüpfen, die ihn mit denselben verbanden. Er las die ihm zugänglichen Werke über die Geschichte des Judentums, und als seine Mutter erblindete, begann er von Neuem die krausen hebräischen Lettern zu lernen, um ihr in seinen Mussestunden aus frommen Büchern vorlesen zu können. Von da ab wurde ihm das Judentum teuer, er liebte es, ohne es zu kennen, wie einen Schatz, der uns von den Vätern überkommen ist und den wir nicht zu öffnen wagen, um seinen Inhalt zu sehen. Wie er so dalag, kamen ihm alle diese Erinnerungen und trugen ihn in jene Zeiten zurück, da er noch ein ganzer Mensch war voll, ungebrochener Kraft, einig mit sich selbst, seiner Ziele und Wege bewusst.' Da kam die Liebe und packte ihn mit elementaler Gewalt. Ein ungekannter Sturm wühlte sein Inneres auf, und die Ruhe war dahin. Die lange zurückgehaltene Stimme des Herzens erwachte und forderte laut und ungestüm ihre Rechte. Endlich führte er die heiss Umworbene als Gattin heim, und seine Freude kannte keine Grenzen. Aber das Glück war von kurzer Dauer. Das sanftblickende Mädchen entpuppte sich als herrschsüchtiges, ehrgeiziges Weib, in dessen Händen der Mann ein Werkzeug zur Verwirklichung ihrer hochfliegenden Pläne sein sollte. Diese braune Eva mit den stahlgrauen Augen und dem schwarzen, welligen Haar um die Schläfen sog ihm mit ihren glühenden Küssen das Blut aus den Adern. Sie unterjochte seinen Willen; ein kalter Blick von ihr konnte ihn elend machen und wie einen Sklaven zu ihren Füssen niederzwingen. Noch blieb ihm seine Wissenschaft als letzte Zufluchtsstätte, wo er Balsam für seine Wunden fand, aber sein Weib verfolgte ihn bis in diesen letzten Schlupfwinkel. Hatte sie darum einen Gelehrten geheiratet? Sollte sie ewig als die Gattin eines honorarlosen Privatdocenten ein kümmerliches Dasein führen, während Andere sich in rauschende Seide kleideten, keine Premiere verfehlten? Nein! Frau Professorin musste sie werden — koste es was es wolle. Und sie bot alle ihre Schlauheit auf, um, wie sie sich ausdrückte, ihren Mann emporzubringen; sie hatte ein ganzes Arsenal von Ränken zur Verfügung, mit welchen sie den schüchternen, unerfahrenen Forscher verstrickte, so dass er bald keinen Ausweg sah. Er musste mit dem tiefsten

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