Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Schuld und Sühne
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 553 - 554 (sequence 2)
- Language
- German
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553 Benjamin Segel: Schuld und Sühne. 554 war, als sei jemand hinter ihm her, und er verdoppelte seine Schritte. Draussen in der abgelegenen Stille, hoffte er, werde das zentnerschwere Missbehagen, dass ihm brennend auf der Seele lag, zerfliessen, und er begann aus allen Kräften zu laufen, um dem peinigenden Geräusch zu entgehen, dass hinter ihm her tönte. Weit draussen hielt er inne und holte Atem; dann spitzte er die Ohren wie ein gehetztes Wild, dem die Jäger auf der Spur sind. Kein Ton war zu vernehmen. Das Rauschen der Stadt erstarb hier auf der weiten Ebene, die sich ringsum unabsehbar dehnte, unter dem azurreinen Himmel, in dessen einsamen, dunkelnden Tiefen kein "Wölkchen zu sehen war. Der Eilende fühlte sich wie einer Schlinge entronnen, lichtete seine Gestalt hoch auf und reckte die Glieder. Sein Blick verlor sich in den unermässlichen Fernen. Auch die Nebel, die seine Seele umhüllten, schmolzen langsam und ihm war's, als lösten sich eiserne Bande, die seine Brust umklammerten. Er begann, seine Gedanken zn sammeln. Das war der Weg, den er so oft frohen Mutes gewandelt, mit schwellendem Herzen, den Kopf voll von neuen Gedanken. Nach angestrengter Tagesarbeit pflegte er sich hinauszuflüchten ins Freie, Erfrischung und neue Kräfte zu finden, da unter dem blauen Himmelsgewölbe, wo sein Geist sich verjüngte und wie aus einem unversiegbaren Quell frische Säfte sog, um dann in stiller Nacht die heisse Gedankenarbeit von Neuem zu beginnen. Hier war er zu Hause, hier kannte er jedes Steinchen am Wege, jeden Busch, jeden Grashalm! Alle waren seine Vertrauten, Zeugen seiner Lust und seiner Qualen. Jetzt wollte er hier, in dieser Umgebung Trost und Ruhe finden, wie in den Armen eines alten Freundes. Sein Blick schweifte in die Runde und suchte die einzelnen Plätzchen und Gegenstände, um grüssend daran haften zu bleiben. Aber es hatte sieb etwas wie ein Schleier über die Gegend gebreitet, der seinem Auge alles in veränderter Gestalt zeigte. Ein Gefühl der Entfremdung hatte sich eingeschlichen. Was war geschehen? Die vertrauten Stätten waren ihm bekannt und doch so eigen fremd. Hatte sich etwas verändert? Da stand es plötzlich wie in blitzartiger Beleuchtung vor seiner Seele: Er befand sich unter dem hohen, säulengetragenen Gewölbe der Kirche, Fluten dämmerigen Lichtes erfüllten den Raum, von oben hallte ein donnerartiges Dröhnen hernieder, gemischt mit weichen, schmelzenden Flötentönen, die mit dem Gesänge menschlicher Stimmen sich verwoben. Sie sangen wohl irgend ein Lied. Vor ihm stand der G eistliche. Er sprach offenbar etwas, denn seine Lippen bewegten sich; er aber verstand nichts, sein Hirn war wie ausgetrocknet und die Augen stierten auf einen funkelnden Stein in der Tiara des Priesters. Dann hiess man ihn niederknieen, und er fühlte plötzlich eine Traufe über sich herniederrieseln. Wiederum donnerte die Orgel und vielstimmige]- Gesang erbrauste. Der Geistliche neigte sich zu ihm nieder und sagte eine Formel her, die er mechanisch Wort für Wort nachsprach, ohne ihre Bedeutung zu begreifen. Dann fühlte er sich an beiden Armen erfasst und fortgeführt, während tausend Blicke auf ihn gerichtet waren .. Das also war es! So war er ein anderer geworden. Ein Abgrund gähnte zwischen ihm und seiner Vergangenheit. Noch war keine Stunde verstrichen, und doch schien es ihm, als läge eine Ewigkeit dazwischen. Die letzten beiden Wochen hatte er in unaufhörlicher, fieberhafter Aufregung durchlebt. Er kam ans dein Taumel gar nicht heraus. Von allen Seiten stürmte es auf ihn ein. Die besten Freunde, alle, mit denen ihn langjähriges, vereintes Leben und Schallen verband, ja, die eigene Frau — alle hatten sich verschworen, seinen Widerstand zu brechen. Und es gab ein unaufhörliches Flüstern und Raunen, damit die alte blinde Mutter in ihrem Lehnstuhl an der Ecke ja nichts gewahr werde. Stück für Stück fühlte er seine Kräfte dahinschwinden unter dem allseitigen Drängen, bis seine Spannkraft gebrochen war und er alles mit sich geschehen Hess. Und nun war alles vorüber und ihn überkam die Empfindung, als hätte sich jählings hinter ihm ein Tor geschlossen oder ein unübersteigbares Gebirge aufgetürmt. Zuweilen erfasste ihn eine Art Schwindel, wie einen, der plötzlich von einer Höhe herabstürzt und unwiderstehlich niedergerissen wird, unrettbar, von einer unsichtbaren Macht. Es gab keine Rückkehr. Ein heisser Schmerz wogte in ihm auf, und überflutete wie eine Welle sein Herz, stieg ihm sengend zu Kopfe und ergoss sich dann in glühender Röte über sein Antlitz. Die Sohlen brannten unter seinen Füssen, und er fühlte wieder seine Brust wie mit eisernen Klammern gepresst. Jetzt peinigte ihn die tiefe Stille, in der er das Hämmern seines Herzens und seiner Schläfen vernahm. Lärm, Getöse, das Getümmel des Lebens, das war es, wonach er in diesem Augenblicke heftiges Verlangen trug. Er begann im Gehern mit schweren Schritten den Boden zu stampfen, seine Brust rang nach Atem, und die Hände streckten sich ins Leere, gleichsam nach einer Stütze suchend. Aber lautlos still blieb alles ringsum, nur im Westen verglühte die Sonne in einem Feuermeer, und vom Himmel herab senkten sich dunkle Schatten auf die Erde. Die Natur schien einzuschlummern, zu versinken, und er blieb allein zurück mit seiner Pein. Wie von Furien gehetzt, bog er in einen Seitenweg und stürmte querfeldein. An einer Quelle hockte er nieder, schöpfte eine Hand voll Wassers und benetzte Stirn und Schläfen. Das kühlende Nass tat ihm wohl, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust. Dann richtete er sich mühsam auf. Etwas wie Besänftigung überkam ihn. Er hob den Kopf und blickte sich um. Die Abendschatten waren über die ganze Erde gelagert. Im Westen, abseits von der untergehenden Sonne, zeigte sich eine emporziehende Wolke, deren oberer Saum wie flüssiges Gold erglänzte; im Innern war sie violett, mit einem düsteren Schimmer umwoben und schien ein Ungewitter zu verkünden. Die Wolke stieg zusehends höher, und bald umlagerte sie dräuend den ganzen südlichen Horizont.