Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Paul Roger-Bloche
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 543 - 544 (sequence 2)
- Language
- German
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543 G. Kutna: Paul Roger-Bloche. 544 von Gemeinsamkeit des Leides und von Berührungen im Leide, das die Gestalten durchströmt und die Wesen an einander kettet. Das macht das Vertraute zum Phänomen, darum ist es Kunst; und gibt den Dimensionen Geschlossenheit, darum ist es Plastik. Das Gepräge ist individuell, es hat nicht den heroischen Typus Meuniers, das Bange in der Erscheinung ist von des Lehens Willen hineingebannt, nicht Seelendämmerung von innen her, wie bei Carriere. Entfaltetes Körperdasein vom Räume umsäumt, ist wie in aller Plastik, in dieser Kunst gegeben, nur ist die Konzentration nach innen gedrängt; eine bezwingende Macht wirkt ein, und alles verdichtet sich nach einem unsichtbaren Lebenskern hin. Verhalten ist Lebensregung und Kaumwirkung, Organismus und Gebärde einem Zwange gehorsam; hineingepeitscht in die letzte Hülle des Daseins, schnürt sie der Raum ein unaufhaltsam. So bleibt die suggestive Wirkung innerhalb des Plastischen, die gebrochenen Palten, die ermatteten Linien und gequälten Formen geben dem Anblick seine trauervolle Schönheit, nicht eine sentimentale Berichterstattung. Nur dadurch hat es die Eindringlichkeit des Daseienden, das wir immer gesehen und dessen Bedeutsamkeit wir nun erst erkennen. Man sehe seine „Kälte" im Luxeinbourg. Wie sie sich aneinander schmiegen, wie sie zerknittert sind, und wie sie umrissen sind von abrupten Flächen. Abgebrochen vom Stamm. Kälte trieft herab, Obdachlosigkeit umschauerfc sie, die Silhouetten zittern starr. Und die Seelen starr. Lange stehen sie so, das Bewusstsein ist. vereist, und allenthalben ist Blindheit über sie gekommen. Nur die Kälte hat Sprache; man sieht es, wie die eisigen Stunden um sie herumkreisen, langsam, ohne Ende. Und vor ihnen muss eine Heide liegen und kahles Gestrüpp, und der Winterabend faucht umher; vor ihnen wahrhaftig. Alles innerhalb der Plastik. „Das Kind", ebenfalls im Luxembourg, wirkt nicht so voraussetzungslos, das Gedankliche tritt um ein weniges zu früh hervor. Im Kuss ist Trauer, die G-este ist bang, und die Gestalt harmvoll. Man fragt bald, warum. Dann erst kommt's zum klaren Schauen. Man sieht den Oberkörper in zentraler Spannung, langsam, sorgenschwer — nicht so mystisch jäh wie in Carriere's „Maternite", an die man denken muss — neigt sich der Kopf zum Küssen, und das ganze Dasein erzittert in PAUL ROGER-BLOCHE. DER HUNGER.