Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 545 - 546

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Paul Roger-Bloche
Date
1906-08-01
Page
Seite 545 - 546 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583951-2593783--06355-2593856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

545 G. Kutna: Paul Roger-Bloche. 546 diesem Kuss. Alles Erlebnis senkt sich darein, und da sie ihr Kind fasst und presst, sind Liebe, Not und Aufopferung eins geworden; das Organische hat nur eine Mission, des Lehens Wehmutsstimmung auszudrücken. Nun fragt man nicht mehr nach Sinn und Beziehung. Doch eine Sehnsucht beschleicht uns in Reichtum und Freiheit: ach, wenn du doch meine Mutter wärst; dann gäbe es wohl Not und Bande, — ach, wenn du doch meine Mutter wärst. Alle Mütter werden zu dir kommen, sicherlich in Bälde, und werden von dir lernen, Mutter sein. Denn das ist der Mutter mütterlichstes Erlebnis, das Kind auf dem Schosse halten und wissen, dass das Leben voll Einsamkeit ist. Sie aber haucht ihm Wärme ein für spätere Zeit, Trosteswärme für späteres Leid; jetzt in Sorge und Not, verschwenderisch fürsorglich nach Mutterart. Nicht ungetrübt ist die Kunstwirkung der Gruppe „der Hunger" im Petit Palais. Absichten werden fühlbar, die nicht künstlerisch sind: es ist mehr Daseinsnot als Dasein darin, es sagt mehr, als es schlechthin ist, es setzt Zuschauer voraus mit bestimmtemG-emütscharakter. Der "Wirkung ist nachgeholfen durch einen edlen, beklemm enden Schrei, durch eine todesmatte Geste, aber immerhin nachgeholfen. Daher gibt es denn auch tote Stellen in der Bronze, der rein plastische Eindruck ist gestört, und die allseitige Klarheit fehlt. Das Kind saugt in rücksichtslosem animalischen Kunger an der Mutter Leib, die PAUL ROGER-BLOCHE. Mutter gibt ihr Blut in letzter Anspannung der Ohnmacht. Der Mund ist offen, die Augen geschlossen, alle G edanken betäubt, so presst sie gewaltsam ihre welke 'Brust. Bald sinkt sie zusammen. Prächtig ist die rechte Hand, wahrhaft die kraftlose Energie, ergreifend der nahende Wahnsinn. Nur dass es als Ganzes voll, befriedige, dazu fehlt mehr Diskretion der Gefühle, mehr Reserve des Herzens. Von feiner dekorativer Wirkung innerhalb leise erzitternder Beseeltheit sind zwei kleinere Arbeiten im Atelier des Künstlers: „Der Abschied" und das „Mädchen aus Assisi". Einfach ist die Form, der Organismus stimmungsvoll in eine Distanz gesetzt, wie von Abendhülle umgeben. So berührt sie der Raum, und etwas wie Augenleuchten, Sehnsuchtshauch und Herzensschlag dringt verschleiert zu uns herüber. Eine grössere Gruppe, welche der Künstler jetzt vollendet, geht über den Rahmen dieser elegischen Pormbildung hinaus und nähert sich dem Dramatischen. Ein verunglückter Arbeiter liegt am Boden, Arbeitsmenschen stehen um ihn, berührt von den Schrecken des jähen Todes. Wie die Teilnahme, das Grauen und das flüchtige Mitleid sich in den G esten ausprägt, ist jedoch weniger Aktion und mehr verweilender, verhaltener Reflex, gleich der bedeutungsvoll zuständlichen Wesenheit in seinen anderen Werken. Und wenn Roger-Bloche innerhalb dieses engeren Kreises bleiben sollte, gibt es in dieser Enge Tiefe genug, die unerschöpflich ist. DER LEHRLING. 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.