Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 537 - 538 (sequence 4)
- Language
- German
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537 Dr. Freund, Östrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. 53S aber neben ihm steht eine ganze Schar, deren äussere Schicksale uns unbekannt sind, die alle in gleicher "Weise wie Rosenfeld der schweren Fron des Lebens Untertan, nichts von dem Berufe des Dichters spülten, bis ihnen aus dem Summen der Räder, aus dem gleichförmigen Klappern der Maschinen der Rythmus entgegentönte, in dem das Lied ihres Leides und ihrer Hoffnung zum Ausdruck kommt. Diese Gedichte traten mir in einer Sammlung von ,,Arbeiterliedern" entgegen, aber auch die verschiedenen Zeitungen enthielten sie verstreut in grösserer Zahl. Und so seien einige derselben als Proben ihrer Gattung hier dargeboten, in denen sich, wenn aucli natürlich durch die Uebersetzung der Schmelz der Ursprünglichkeit verloren geht, die Kraft des Gefühls, die Tiefe der Empfindung und auch die Schönheit der Form äussert. Bisweilen erschallt in markigen Tönen der Ruf zur Befreiung, wie in dem sehr verbreiteten, und wohl oft bei Arbeiter-Umzügen gehörten Gedicht ,An die Kämpfer".*) Entfaltet nun rasch die Fahnen, die roten! Spielt einen Marsch und die Trommeln rührt! Weckt auf die Armen, lebendig Toten: ,,Brüder! ihr werdet zur Freiheit geführt!" Kennt ihr den blutigen Feind? Hier ist die Freiheit, das Licht, die Gerechtigkeit — Dort ist das Joch und die Nacht und die Schlechtigkeit. Brüder, zieht mit uns vereint! Trocknet aus Arbeiteraugen die Zähren, Rufet: ,,Für Tränen ist jetzt keine Zeit!" Lasset die Stimmen des Weinens nicht hören Jetzt, da wir ziehn hinaus in den Streit Gegen den blutigen Feind. Wir, wir wollen die Menschheit verbrüdern — Er, er will zum Hass sie erniedern. Brüder, zieht mit uns vereint! Entfaltet nun rasch die Fahnen, die roten, Wecket, die schlummern, die zag sind und schwach, Eint die Zerstreuten, hurtig ihr Boten! Sagt ihnen: ,,Es rufet die heilige Sach' Gegen den blutigen Feind!" Hier das Volk, das bedrückte, doch "mutige, Dort die Söldner, verwilderte, blutige. Brüder, zieht mit uns vereint! Juden! Ihr seid bei allen Nationen Fremd und eingeboren zugleich. Reihet euch ein in der Freiheit Legionen, Jetzt, da man kämpft gegen sie, gegen euch, Seht ihr den blutigen Feind? Er mit den Scharen, zum Morden gedungen, Gegen die Sklaven, von Ketten umschlungen, Welche sich heute befrein. Entfaltet nun rasch die Fahnen, die roten! Spielt einen Marsch und erwählt euch ein Hauptl Haltet vor Augen die Helden, die toten, Denkt an die Opfer, die grausam geraubt So lange der blutige Feind! Rüstet mit Kraft euch, ihr Bleichen, Enteigneten, Füllt euch mit Mut, ihr vom Elend Gezeichneten! Brüder, zieht mit uns vereint! Doch diese Kampfeslieder sind selten: in der Regel ist es eine tiefe Schwermut, die uns entgegentönt, die das eigene Leid in rührendem Liede besingt, oder das allgemeine Weh zum ergreifenden Ausdruck bringt, oder endlich in unverwüstlichem Optimismus von einer besseren Zukunft träumt, und am Grabe des Glückes die Fahne der Hoffnung entfaltet. Aus der grossen Fülle will ich einige bieten, ohne jeden Zusatz und Bemerkung; mögen sie in ihrer Schlichtheit für sich selber sprechen. i. Meine letzte Hoffnung. In Sturm und Kampf ist die Jugend entschwunden, Von Liebe, von Glück hab' ich niemals gewusst. Nur blutige Tränen und blutige Wunden Haben geglüht und gebrannt in der Brust. Früh hab' ich Haus und Heimat verloren Von Kindheit schon hat mich das Schicksal gejagt; Vergiftet hat's meine blühenden Jahre, Mich immer gemartert, gequält und geplagt. Früh ist mir die Hoffnung erstorben in Trauer, Früh hab ich erkannt den wilden Kontrast: Das Arbeitervolk hinter finsterer Mauer, Und Schwindler, Betrüger im reichen Palast! Ein gewaltiger Sturm hat die Seele durchzittert, Und ich habe geschworen Rache und Tod Für alles, was unser Leben verbittert, Uns quält, uns Freiheit raubet und Brot. Für all, was der Menschheit ist heilig und teuer, Hab* ich gerufen zum Kampf und zum Streit. Im Herzen loderte heiliges Feuer, Mein Leben war nur der Menschheit geweiht. Da lachten die unwissenden Sklaven: „Wahnsinniger Dichter, spar dir die Müh! Was willst du mit Freiheit, mit Kampf und mit Waffen? Die Reichen sind mächtig, die W'elt ist für sie!" — P'insam bin ich in dem Sturme gestanden, Mein heisses Bemühn hatte keinen Erfolg. Es herrschen noch immer die wilden Tyrannen, Es blutet noch immer das arme Volk. O Schicksall Du liessest mich nicht erwerben Ein Fünkchen von Freiheit und menschlichem Recht. Knecht war ich im Leben. Lass frei mich sterben, Und sterbend befreien die leidenden Knecht' l O, raube mir nicht meinen Hoffnungsschimmer, Die letzte Hoffnung vor meinem Tod: Dass das Volk seine Ketten zerbricht für immer Und sich befreit von Hunger und Not. *) S. vor. Anm.