Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583951-2593782--06351-2593853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
539 Dr. Freund, Ostrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. 540 2. Gedanken wegen der Zukunft. In des Lebens Ungewittern, Auf dem schwarzen Meer der Not,' Kämpf ich schmerzensvoll den bittern Kampf ums Stückchen trockne Brot. Und oft fühle ich entspriessen Den Trost aus der Schmerzenssaat, Dass ich Ruhe dürft' gemessen, Könnte ich mich nur entschliessen Zur Verzweiflungstat. Und das — glaubt' ich — wäre mutig. Was ist Leben; Schaum und Rauch! Ist die Erde schon so blutig, Soll sie mein Blut trinken auch. Soll sie saugen, soll sie trinken, Soll sie — — St! Welch heller Schein 1 Zukunft, ich versteh dein Winken, Lässest mich ins Grab nicht sinken, Hauchst mir Mut zum Leben ein. Sei gesegnet, treue, freie, Liebe Zukunft, sei gegrüsst! Spendest Hoffnung mir aufs neue Und mein Leben wird versüsst. Heissest leben, heissest streiten, Bis besiegt die Tyrannei; Und du weisest mir von weitem Jene goldnen, schönen Zeiten, Da die Menschheit frei! 3. An die Schwester. (Gekürzt.) O Schwester, ende deine Sorgen! Nicht ewig wird's finster sein. Es muss doch kommen ein lichter Morgen, Der heilige Sonnenschein. Mag brausen der Sturm! Sein wilder Ton Kann nur den Schwächling erschrecken; Doch in uns, in uns, da kann er nur Hohn, Nur Lust zum Kampfe erwecken. Ja, liebe Schwester, ich weiss, es ist schwer Unsere Herzen das Weinen zu wehren. Doch sieh, wie gering ist unsere Zähr' In dem Meere der menschlichen Zähren. Sollen wir immer wie Kinder klagen Ueber das Leben, das ewig schlechte? Und bis zum Grabe die Ketten tragen, Schwache, unterwürf'ge Knechte? O nein! Ich weiss, auch in dir loht das Feuer Das mächtig durchglüht und durchlodert mein Herz, Auch dir ist die Freiheit heilig und teuer, Für sie erträgst du willig den Schmerz. — — Du wirst nicht hängen dein junges Leben An Bälle, an glänzenden Schmuck und an Geld, Du wirst dich widmen dem heiligen Streben: Befreien die leidende Welt.-- Du wirst dann gehn zu den leidenden Schwestern In die Welt voll Schwindsucht und Not, In Arbeitshäuser, in finstere Nester, Wo das Leben so hart wie der Tod. Du wirst mit der Glut der liebenden Herzen Ein neues Land ihnen entdecken, Und dort, an den Stätten verzweifelter Schmerzen Die heilige Hoffnung erwecken. — — Und dann, teure Schwester, banne die Sorgen! Du führst mit herbei die Zeit, Da strahlend ericheint der leuchtende Morgen, Wo Welt und Menschheit befreit. — Und wird der Ton der Freiheit erklingen, Dann wird das Volk dir zum Lohne Von deinen Heldentaten singen, Dir reichen die Heldenkrone. Ich hoffe, diese Ausführungen und Proben werden eine kleine Vorstellung davon geben, dass diese jüdischen Proletarier in Russland doch etwas anderes sind als eine,,Rotte von Schnorrern und Verschwörern", oder wie ein anderer Herr so schön sagt, eine ganz ,,charakter- und gewissenlose Sippe". Gewiss! manche Auswüchse sind schwer zu beklagen, und wir sind die letzten, die diese in Schutz nehmen wollen. Dass in den Chor der Freiheitskämpfer sich anarchistische und atheistische Stimmen mischen, ist ein betrübendes Bild: doch hoffen wir, dass der noch wild dahinbrausende Strom bald in ruhigeren Bahnen dahintliessen wird, dass das Streben nach Freiheit nicht in Zügellosigkeit ausarte! Der grosse Moment der Freiheit wird kommen, gebe Gott, dass er nicht ein kleines Geschlecht finde: mit tausend Opfern haben Millionen ihr Judentum in den schwersten Zeiten der Knechtschaft bewahrt: hoffen wir, dass sie es erhalten und zu Ehren bringen in den kommenden Zeiten der Freiheit!