Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 535 - 536 (sequence 3)
- Language
- German
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535 Dr. Freund, Östrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. 536 Nun verbiete zwar Bibel und Talmud, sich den Revolutionären anzuschliessen, aber immer und immer gebietet sie, und mit eindringlichen Woiten schärft sie immer wieder ein, nach Gerechtigkeit zu streben; und Gerechtigkeit und Völkerglück ist es ja, was der Sozialismus als das Ziel seines Strebens betrachtet. Und der Jude ist zu dem Anschluss an die Freiheitsbewegung noch ganz besonders verpflichtet, weil er zu allen Zeiten seine eigenen materiellen Interessen hinter den idealen zurücktreten liess und schon seit Jahrtausenden Ruhe und Bequemlichkeit seiner Ueberzeugung zum Opfer bringt. Aber auch deshalb, weil er durch die Jahrhunderte währenden Verfolgungen die Gefühle, der Verfolgten verstehen und Mitgefühl mit jedem Unterdrückten zu empfinden gelernt hat."--— Durch solche Darstellungen wird der Weg gebahnt, auf dem die Lehre des Sozialismus Eingang finden soll, der Boden vorbereitet, auf dem die revolutionäre Saat sich entwickeln und üppig gedeihen soll. Und wenn so der Boden urbar gemacht ist, dann hilft eine ausserordentlich geschickte Klein- Agitation von Haus zu Haus, von Mund zu Mund, nach, um die Dämme niederzureissen, die religiöses Denken und Fühlen als Bollwerke gegen diese revolutionären Gedanken errichtet. Ich kann mir es nicht versagen, eine Probe dieser Kleinarbeit vorzuführen, wie sie in einer Novelle als Episode uns entgegen tritt.*) „Sagt nur, Herschel, glaubt ihr nicht, dass jede Regierung von Gott ist?" — Weiss ich? — „Sagt's doch, ich bitt' euch!" — Nun, wenn ihr's durchaus wollt, will ich's euch sagen. Erstens: Im Himmel ist niemand von uns gewesen. Emen geschriebenen Kontrakt zwischen Gott und dem russischen Zar habt ihr und ich nicht gesehn, und ich kann euch versichern, dass niemand ihn gesehn hat. Ihr habt schon oft gehört: Von ,Jener Welt" ist noch niemand zurückgekehrt, und doch redet man von ihr so viel, als wäre jeder dort gewesen. Alles, was man in dieser Welt" nicht ausgleichen und beweisen kann, legt man auf die andere — weil man weiss, dass man diese Sachen nicht aufdecken kann. — ,,Bitte weiter 1" Zweitens: Ist denn alles, was von Gott kommt, ein ,,Rührmichnichtan?" Schlangen, wilde Tiere, Dornen, wildes Gras zwischen dem Getreide, stammen auch von Gott, und doch wird niemand sagen: Man darf sich von den Schlangen beissen lassen, weil Gott sie geschaffen hat; man darf sich von keiner Krankheit heilen, weil Gott sie gesandt hat. Der Bauer rodet das wilde Gras zwischen dem Getreide aus, weil er weiss, dass das Getreide dadurch leidet. Er denkt sich: Es ist wahr, Dornen, wildes Gras usw. kommen von Gott, aber meine Hände, die es *) Der leichteren Verständlichkeit wegen habe ich diese, sowie die noch folgenden Proben ins Hochdeutsche übertragen. ausroden können, hat doch auch nicht der Teufel geschaffen 1 — — — „Weiter, weiter!" Drittens: Wenn jede Regierung von Gott ist, wie wollt ihr die Verschiedenheit zwischen ihnen erklären? Ich will euch etliche vorrechnen. In einem Lande herrscht ein Despot. Nach kurzer Zeit vergiftet man ihn, und sein Sohn herrscht weiter — von Gottes Gnaden. Nach einiger Zeit erinnert sich das Volk seiner Rechte, demonstriert, erhebt sich; der Kaiser oder König muss nachgeben und zulassen, dass die Erwählten des Volkes an der Regierung teil haben sollen, und die Regierung nennt sich weiter ,,von Gott". Die jüdische Regierung, die die umwohnenden Völkerschaften vernichtet hat, war von Gott; die römische, die die Christen verbrannt und dem jüdischen Reiche den Untergang bereitet hat, war wieder — von Gott; die christliche, die die Juden auf Scheiterhaufen verbrannt hat, war auch von Gott. Das erinnert mich an die zwei Menschen, die am selben Ort und zur selben Zeit zu Gott beten: der eine, dass es regnen solle und der andere, dass es nicht regne. — „Seid ihr fertig?" Nein! Zugegeben: „die Regierung ist von Gott d. h. zugegeben, dass Gott seit den Tagen der Schöpfung bestimmt hat, wo Menschen sind, soll auch eine Regierung sein. Gut! Aber was für eine Regierung? Eine solche, die die Menschen bedrückt; die dem grössten Teil des Volkes ein Joch auferlegt und mit ihm ackert, und von dem Ertrage einer kleinen Anzahl von Müssiggängern Vergnügungen zu schaffen? Kurz: eine Regierung, wie unsere heutige, die da meint, das ganze Volk existiere nur zu dem Zwecke, um sie (die Regierung) auszuhalten, oder eine solche Regierung, die für alle Untertanen ohne Unterschied sorgen, die jedem einzigen seine Existenz sichern will, die die Ausbeutung der einen durch den anderen unmöglich macht! Die sich bemüht, jedem einzelnen bessere Daseinsbedingungen zu schaffen, die sich in die privaten Verhältnisse der Bürger nicht einmischt; die jeden nach seinen natürlichen Anlagen und Fähigkeiten sich entwickeln lässt, kurz eine Regierung, die für der Untertanen Wohlfahrt sorgt! — IV. Es ist natürlich, dass diese sozialistische Strömung, die in Zeitungen, Broschüren, Flugschriften den mannigfachsten Ausdruck und die weiteste Verbreitung findet, auch in der Dichtung zu Worte kommt, und man kann über die Regnungen und Empfindungen der Volksseele nicht besser Aufschluss erhalten, als wenn man den Tönen lauscht, in denen das zum Springen volle Herz Ausdruck sucht; und deutlicher als Abhandlungen und Bücher können diese ergreifenden Gedichte uns Aufschluss geben über die Tiefe des eigenen Wehs, aber auch über das Mitgefühl mit fremdem Leid und über die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die trotz alle- und alledem in den Herzen dieser duldenden Helden glüht. Die Gedichte eines Morris Rosenfeld haben sich ja ihr Bürgerrecht in der Weltliteratur erworben;