Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 533 - 534 (sequence 2)
- Language
- German
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533 Dr. Freund, Ostrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. 534 kennen ja in Deutschland kein spezifisch jüdisches Proletariat: unsere Arbeiter gehen, soweit sie sozialistisch sind, in den allgemeinen Organisationen auf. Aber in Russland, wo sie in den Arbeiterzentren Kaiisch, Lodz, Warschau, Wilna, Bialystok usw., zu hunderten und tausenden organisiert, kompakte Massen bilden, sollen sie da so ganz anders fühlen als die Proletarier der ganzen Welt? Sie, die zu dem allgemeinen Elend der Enterbten noch das besondere tragen, das ihnen als Juden das Leben in seinen elementarsten Bedingungen erschwert? So greift die Masse verzweifelt nach jedem Strohhalm, der ihnen irgend einen Halt verspricht, und horcht beglückt auf jeden Lockruf, der ein menschenwürdiges Dasein ihr in Aussicht stellt. Es ist nicht das Programm, was die jüdischen Arbeiter der Sozialdemokratie in die Arme treibt; in ihrem grenzenlosen Elend ist ihnen jede Hand willkommen, die sich ihnen entgegenstreckt, sie vergöttern jeden, der aus einer höheren Sphäre zu ihnen herniedersteigt, an ihren Leiden teil nimmt, die schwere Anklage in Worte zu fassen vermag, die sie gegen die Gesellschaft erheben. Doch gar häufig verraten diese Agitationschriften ein ganz bedeutendes Mass politischer Einsicht und Reife, und nicht nur in allgemeinen Wendungen wird an die Instinkte der Massen appelliert, sondern die einzelnen Punkte der sozialistischen Lehre werden eingehend, in wissenschaftlichem Gewände auseinandergesetzt, und die Grenzlinien nach links ebenso schart wie die nach rechts klar und fest gezeichnet. Für viele unter uns ist Revolution eben Revolution, und die Propaganda des Wortes wird mit der „Propaganda der Tat" auf eine Stufe gestellt. In jener Literatur weist aber der Sozialismus sehr scharf den Anarchismus zurück, und deckt die unüberbrückbare Kluft auf, die beide von einander scheidet. So werden in einem Artikel folgende Gegensätzte statuiert: Der Anarchismus will absolute Freiheit des Individuums; der Sozialismus will die persönliche Freiheit beschränken durch die Rücksicht auf die Allgemeinheit. Der Anarchismus will Abschaffung der Gesetze; der Sozialismus will, dass sie von allen in gleicher Weise befolgt werden. Der Anarchismus will alle Regierungen abschaffen; der Sozialismus will, dass sie der Allgemeinheit dienen. Der Anarchismus will nicht paktieren, er sagt: „Alles oder nichtsI" — der Sozialismus will allmähliche Reformen. Der Anarchismus will Propaganda der Tat; der Sozialismus verabscheut diese, weil nicht der einzelne für die falsche Entwicklung der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden kann. Der Anarchismus hält Diebstahl und Verbrechen für erlaubt; der Sozialismus will in Sittlichkeit und höchster Ehrlichkeit sein Ziel erreichen. — — III. Soweit deckt sich wohl der Inhalt der Agitationsschriften, durch die unter dem jüdischen Proletariat die sozialistischen Ideen propagiert werden sollen, mit den in anderen Kreisen üblichen: eine besondere Färbung aber erhalten sie, sobald sie die spezifisch jüdischen Anschauungen bekämpfen sollen. Der Jude ist von Haus aus alles eher denn ein Revolutionär: zähe hält er am Hergebrachten fest, und auch der Gehorsam gegen seine Regierung ist ihm eine heilige Pflicht. Die Mahnung des Propheten; „Strebet nach dem Wohle des Staates, in dem ihr lebt, und betet für sein Heil" — ist ihm ein göttliches Gebot, und die Mahnung des Spruchdichters: ,,Fürchte Gott, mein Sohn, und den König, und mit Aufrührern lasse dich nicht ein!" fand allezeit einen lebendigen Widerhall in seinem Herzen. So wie die vor hunderten von Jahren aus Deutschland nach dem Osten geflüchteten Juden der deutschen Heimat, die sie vertrieb, die Anhänglichkeit bewahrten, indem sie ihre Sprache sich erhielten und sie von Generation zu Generation vererbten; wie die spanischen Flüchtlinge bis heut den sephardischen Ritus und spaniolische Sprache gewahrt: so war der polnische Jude, und auch der jüdische Proletarier trotz allen Druckes, der auf ihm lastete, seinem Stiefvaterlande treu ergeben und ein gehorsamer Untertan seiner grausamen Regierung. Und so muss ein grosser Teil der Schriften, die die jüdischen Proletarier zum Sozialismus bekehren wollen, sich mit diesem religiösen Gefühl, das die Massen beherrscht, auseinandersetzen, muss diesen Anker der auch ihrem politischen Konservatismus, ihrer Bürgertreue Halt gewährt, erst aus ihrem Herzen reissen. Darum wird in einer Anzahl von Schriften der Nachweis versucht, dass der Sozialismus der jüdischen Religion nicht widerstreite, ja dass das Gesetz der Thora direkt zum Sozialismus führe. So wird die Frage, ob ein Jude Sozialist sein dürfe, in einer Broschüre mit folgenden Argumenten bejaht: „Der Sozialismus will das Gute und Rechte, Gerechtigkeit für alle. Das müssen alle guten Menschen erstreben, also können die Juden nicht davon ausgeschlossen sein. Da aber die vorliegende Frage oft verneint wird, so soll ein Blick in die Thora die Berechtigung der erteilten Antwort erhärten. Die ganze Thora handelt von den Verhältnissen „dieser Welt" und will Einrichtungen treffen, dass jeder Mensch seine Nahrung hat. Darum hat Moses, als Palästina erobert wurde, nicht an einige wenige Familien, sondern an das ganze Volk gleichmässig das Land verteilt; nach je 50 Jahren durch das Jobeljahr einen Ausgleich herbeigeführt, Zinsverbote gegeben und durch das Erlassjahr und andere Institutionen dem Pauperismus vorzubeugen gesucht. Die Ansammlung grosser Reichtümer ist also nach dem Gesetze des Judentums ein Unrecht; die Gleichheit, die die Bibel als ihr Ideal betrachtet und anordnet, will der Sozialismus in die Wirklichkeit umsetzen. Freilich nicht auf dieselbe Weise wie vor 3000 Jahren, dass das Land in gleichen Losen den einzelnen verteilt werde, sondern dadurch, dass das Privateigentum aufhöre, und alles Eigentum gleichmässig der Gesamtheit gehöre. Der Geist und Inhalt ist derselbe, nur die Form müsse sich den völlig veränderten Verhältnissen anpassen.