Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 529 - 530 (sequence 2)
- Language
- German
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529 Dr. B. Münz: Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen. 530 konnte, dass er auf St. Helena mit „gaunerhaften" Ränken seine eigene Geschichte gefälscht, trägt sonderbare Massstäbe der Menschlichkeit in seinem Gleist". Inzwischen erschien „Was heisst national?" von Lazarus, und Heyse macht seiner „stolzen Freude" über diese Tat in folgendem Schreiben Luft: „Wenn ich preussischer Kultusminister wäre, würde ich 500 000 Exemplare dieser Kede drucken lassen und durch das ganze Land verbreiten. Vornehmer, tiefer, heller und siegreicher konnte nicht gesprochen werden, und eine Wonne ist es mir gewesen, dass auf dieser Höhe der Betrachtung nicht die kühle Luft der Objektivität weht, sondern ein warmer Mannesodem. "Wie versinkt daneben alles Gutgemeinte, was von anderer Seite vorgebracht worden ist! Ich habe mir vorgestellt, wie die Wirkung hätte sein müssen, wenn dies Manifest hoher Menschenwürde in einer weiten Halle vor Gläubigen aller Bekenntnisse proklamiert worden wäre. Es hätte am Schluss nicht ohne ein solennes Verbrüderungsfest der feindlichsten Brüder abgehen können. Mit welcher Schamröte mag der grosse Deklamator (Treitschke) dieses Zeugnis des Geistes vom Geiste vernommen haben!" Unwillkürlich drängt sich uns dabei die hYage auf, warum der Dichter seinen Gefühlen nicht öffentlich Hammenden Ausdruck gegeben, nicht in die Welt hinausgeschrien: ,,An die Berliner Dinge kann ich nicht ohne ein Gefühl fast körperlichen Abscheus denken, und wenn ich erwäge, wie viel von hoch oben heigesündigt wird, durch ein stummes Zusehen, das die blöde Niedertracht ermutigt, verhülle ich mein Haupt und versinke in trauriges Brüten über dem Rätsel dieser rückstauenden Evolution des Kulturstromes". Er schreibt wohl zur Entschuldigung: ,,Meine Federkraft ist einmal wieder traurig gelähmt. Da ist es immer ein Trost, wenn man das, was der Zeit not tut, von anderen leisten sieht, doppelt, wenn man diesen anderen lieb hat, da man sich dann fast einbildet, ein wenig mitzutun." Allein ein ganzer Mann muss sich in Zeiten der Not aufraffen, er muss seinen persönlichen »Schmerz im Namen des Idealismus überwinden und zum Schweigen bringen, wo ein grösseres himmelschreiendes Weh ihm gegenübersteht. Lazarus war bei dem deutschen Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich persona grata. Die näheren Beziehungen zwischen dem hochgesinnten Fürsten und dem Philosophen datierten seit seiner Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. Der an ihrer Spitze stehende General, von Etzel, der der freien geistigen Richtung huldigte, setzte sich aufs wärmste dafür ein, dass Lazarus als Nachfolger Jürgen Bona Meyers an die Anstalt berufen werde. Die Vorbereitung der Berufung lag in den Händen einer aus fünf Mitgliedern, drei Generalen und zwei Zivilisten, bestehenden Kommission. Alle drei Militärs waren unbedingt für ihn, nämlich General von Etzel, General von Peucker, der hochverdiente General-Inspektor des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens, und noch ein General. Der eine Zivilist fand in ihm alle wissenschaftlichen und pädagogischen Eigenschaften vertreten, zweifelte aber, ob es angemessen sein werde, an diese hervorragende und einflussreiche Stelle einen-Juden zu berufen. Auch der zweite erging sich in lobendster Anerkennung, erklärte es aber gleichfalls für „unmöglich", dem Juden den philosophischen Unterricht anzuvertrauen und ihm Offiziere als Schüler gewissermassen unterzuordnen. Es war dies der bekannte Pädagog Geheimrat Wiese. General von Etzel beharrte indessen auf dem einmal gefassten Entschluss. Er hatte den Vortrag beim König und legte auf Grund des Majoritätsbeschlusses das eventuelle Patent zur Unterzeichnung vor. König Wilhelm Hess sich in seiner Gewissenhaftigkeit alle Arota wiederholen und fragte, nachdem er das überaus anerkennende Urteil Wieses aufmerksam angehört hatte, was er denn gegen den Philosophen nach alledem einzuwenden habe. Auf Etzels Bemerkung: „Dass er ein Jude ist, Majestät!" antwortete der König trocken: „Wenn es sonst nichts ist", nahm die Feder und unterschrieb. Etzel, der Lazarus mit Genugtuung diese kleine Szene erzählte, war selbst ein aufmerksamer Zuhörer seiner Vorlesungen. Auch General von Peucker kam öfter und veranlasste den Kronprinzen, die Vorlesungen zu besuchen. Lazarus erzählt, der Kronprinz sei von einer so bezaubernden Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit gewesen, dass man sich in acht nehmen niusste, sie nicht zu missbrauchen. Einmal wurde er zu einer Extravorlesung in das kronprinzliche Palais geladen, wo er auf Wunsch der Kronprinzessin über ästhetisches Gesetz und ästhetisches Gefühl sprach. Nach der Vorlesung gab es Tee. Während des munteren Geplauders der Herrschaften zog sich der Kronprinz mit Lazarus in eine stille Ecke zurück und begann mit gedämpfter Stimme eine wissenschaftliche Unterhaltung. Er knüpfte an die erst, kurz vorher gelesenen „Synthetischen Gedanken zur Völkerpsychologie", speziell an den Paragraphen über „Maschine und Werkzeug" an und daraus entspann sich ein eifriges Gespräch über das dem künftigen Herrscher wohl auch aus praktischen Gesichtspunkten am Herzen liegende Thema der Organisation der geistigen Kräfte in der Gesellschaft und im Staate. Gelegentlich sagte er, dass er hoffe, deutsche Kunst und Wissenschaft in höherem Masse, als es bisher geschehen, zur Entfaltung zu bringen, die fast unbezähmbare Wissbegierde seiner Frau habe ihm nahegelegt, auch den Frauen weiteren Spielraum für ihre Ausbildung zu schaffen. Durch das fortschreitende Wissen horte er auch den Dämon der Intoleranz zu bannen und den Geist des Friedens zu erwecken. Er äusserte sich gegenüber unserem Philosophen: .Allen Landeskindern, welcher Keligions-Gemeinschaft sie auch angehören, soll dieser Geist zugute kommen, und alle ohne Unterschied des Bekenntnisses soll er zur gemeinsamen, freudigen und tatkräftigen Mitarbeit auf allen geistigen und humanitären G ebieten anspornen. Das ist mein Wunsch." Leider hat ein überaus tragisches Geschick, den hochgestimmten Fürsten gehindert, seinen Herzenswunsch in die Tat zu übersetzen. Ueberhaupt drehte sich die Unterhaltung, wenn sie zu zweien waren, um ernste Zeit- und Streitfragen. Es ist charakteristisch, dass Lazarus' Berufung an die 1872 neu gegründete Keichsuniversifät Strassburg, für die sich auch Bismarck interessierte, durch den Kronprinzen in die Brüche ging, der ihn Berlin und der Kriegsakademie erhalten wissen wollte. 1872 wurde der reaktionäre General Ollech zum Direktor der Kriegsakademie ernannt, der brevi manu die Philosophie aus dem Lehrplane strich, weil dies das einzige Mittel war, sich des jüdischen Professors zu entledigen. Kaiser Wilhelm weilte damals in Ems, der Kronprinz in England. „Ich habe mich", sagte letzterer dem zu einer Soiree geladenen Philosophen mit Bezug auf diesen Gewaltstreich, „inzwischen Ihretwegen viel geärgert, nicht über Sie, aber für Sie". Er kam wiederholt darauf zu sprechen und bemerkte einmal: ..Mein Arater und ich waren sehr überrascht." Auch nachdem mit Lazarus die Philosophie von der Akademie verschwunden war, sah der Kronprinz ihn oft und verfehlte niemals, ihn mit Auszeichnung