Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 527 - 528 (sequence 1)
- Language
- German
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527 528 MORITZ LAZARUS' LEBENSERINNERUNOEN. Von Dr. B Münz. Nachdruck verboten. Dem Begründer der Völkerpsychologie war es Bedürfnis, nicht nur mit allen Wissensgebieten sich vertraut zu machen, sondern auch im Leben selbst Umschau zu halten. Er bezeichnete es einmal als den grössten Vorzug seiner Entwicklung, dass er so viele und vielseitige Beziehungen zu den verschiedensten Menschen und Kreisen gehabt habe. In der Tat wird sich kaum ein Gelehrtenleben in dieser Hinsicht mit dem seinigen vergleichen lassen. Wir haben daher allen Grund, Lazarus' Gattin Nahida und seinem Schüler Alfred Leicht für die kürzlich erschienene Bearbeitung seiner „Lebenserinnerungen" (Berlin, Reimer, 190(5) dankbar zu sein, zumal sie, seiner vornehmen Gesinnung Rechnung tragend, ihn nicht in den Vordergrund treten lassen, soweit dies eben bei einer so überragenden und faszinierenden Persönlichkeit möglich ist, welche Berthold Auerbach den Ausruf entlocket: „Es ist eine Ehrenerfüllung, eine Segnung des Daseins, vor aller AVeit Dich Freund zu nennen und von Dir so genannt und gehalten zu werden." Aus der schier erdrückenden Fülle des hier Gebotenen wollen wir auf gut Glück einiges herausgreifen. Herzerquickend war Lazarus' Verhältnis zu Auerbach. Er war sein Leibkritiker. Der Verfasser der „Dorfgeschichten" pflegte ihm seine Schöpfungen im Manuskript zu senden, und er war förmlich heissliungrig auf seinen Bescheid. Lazarus förderte ihn nicht nur durch seine kritischen, auf den Grund bohrenden Bemerkungen, sondern er erweiterte auch die rein individuelle Denkfähigkeit des Freundes. Er besass nämlich durch seine innige, treu eingehende Weise die Gabe, anzuspornen und schöpferisch zu machen. „Mit Lazarus", schreibt der Dichter an seinen Vetter Jakob, „hatte ich die tiefste Seelenquelle speisende Stunden. Wir sind immer gleich über alles Persönliche hinaus und mitten in allem Persönlichen in der reinen Idee; wir kommen von verschiedenen Seiten, aber es ist so: alle Wege führen nach Pom, nach dem Pom der Idee; nur muss man ein solches Zentrum und Ziel haben". Es ist ein erhebendes-, seltenes SohauspiBl, wie Kritiker und Dichter miteinander gehen. Der Segen, der aus einem solchen Verhältnisse für den Schaffenden erspriesst, wird von Auerbach in folgender charakteristischer Stelle aus einem Briefe vom Jänner 1887 gewürdigt: „Ihre Rezension, lieber Lazarus, ist ein wohltuendes Ruhekissen, und ich lasse meinen brennenden Kopf behaglich darauf ruhen und lasse mir's ganz wohl sein. Ich wüsste nichts, was mich je mehr tief innerlich erquickt und gespeist hätte als dieses treue, reine Nachgehen und Deuten dessen, was ich gewollt. Es ist eine hohe Tugend, nlles Tun zum Guten zu deuten, wie unsere Alt vorderen, so oft ermahnten; sie hatten aber nicht geahnt, dass einst einer kommen werde, der das nicht nur auf soziale Handlungen, sondern auch auf das Gebiet geistigen Schaffens so treu und machtvoll ausdehnen werde .... Ich spüre Ihren Blick, der auf mir und meinein Tun ruht, und er ist mir zum Segen". Eines Tages trug er dem „geliebten Patsreber und Wegweiser" den Plan zu einem neuen Roman vor, dessen Held ein „Heimatloser", wie er sie in der Schweiz kennen gelernt, sein sollte. Die Debatte über das neu konzipierte Werk zog sich bis tief in die Nacht hinein, denn die Freunde konnten sich nicht einigen. Während Lazarus, in der Sota-Ecke sitzend, nicht müde wurde, die Mängel und Schwächen des Helden zu entblössen, ging Auerbach im Zimmer auf und ab, in beiden Händen einen elastischen Stock des Freundes in seiner Aufregung immer heftiger biegend und schwingend, bis er endlich brach. Damit war aber auch sein Widerstand gebrochen. Er gab den Plan auf und dankte es dem unbestechlichen Kritiker, dass er ihn vor einem poetischen Missgriff und einer vergeblichen Arbeit bewahrte. Kaum einer stand Paul Heyse so nahe, wie unser Philosoph. Kritisch verfolgte er die Schöpfungen des Dichters ab ovo bis zu ihrer Vollendung. Sie geben sich bald da, bald dort ein Stelldichein, um Heyses Manuskripte, die Lazarus bereits gelesen hatte, gemeinsam durchzusprechen. Immer wieder bat der Dichter den Philosophen, dies und jenes zu prüfen, immer wieder ersuchte er ihn um „eine milde Blei- Stiftung seiner Hand, wo etwas noch hilfsbedürftig ist", und es bildete sich allmählich die Gewohnheit, kein neues Werk ohne das ITacet des beratenden Freundes in die Welt zu schicken. Wie gut er dabei fuhr, zeigt seine für die Modernen sehr beherzigenswerte Aeusserung in einem Briefe vom 18. Juni 187*2: „Diesmal (es handelt sich um den Roman: „Die Kinder der Welt") war wirklich ein theoretischer Eigensinn im Spiele, dass ich Dir nicht schon mündlich nachgab! Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, auch das Hässlichste in seiner bösesten Gestalt, der reine Sieg des Tierischen über das Menschliche, müsse wenigstens einmal sich geltend machen, um das Weltbild zu komplettieren. Nun bin ich aber zu der Ueberzeugung zurückgekehrt, die immer meiner Natur gemäss war, dass es genug sei, daran zu erinnern, ohne es zu zeigen". Sein „Geheimrat und getreuer Eckart" bekam mit den Jahren immer mehr und mannigfaltigeres zu beraten, sogar Erbschaftskonflikte, Nachlass-Angelegenheiten u. dgl., und stets betätigte er sich als sein edler, hilfreicher und guter Genius. Es gibt nichts im Leben Heyses, wobei Lazarus nicht Gevatter stand. Heyse bedurfte seiner mit den zunehmenden Jahren urnsomebr, als der Hang zur Selbstzergliederung und „Verunkrautung" seines lieben Ich Dimensionen annahm, die au dem sonnigen Dichter irre werden Hessen. Von des Philosophen Selbstlosigkeit legt ein langer tiefernster Brief des Dichters vom 2. November 1879 glänzendes Zeugnis ab, der mit den Worten schliesst: „Ein Glück, dass ich weiss, wem ich einen Teil meiner Nöte aufbürden darf, ohne dass er die Schulter schüttelt und den Kopf dazu!" Heyses nächster Brief ist ein Protest gegen die antisemitischen Treibereien: „Steinthals Aufsatz in der Revue hat mir schon gezeigt, dass der nichtswürdige, schmachvolle, unser hochpreisliches Jahrhundert in seiner heuchlerischen Blosse zeigende christlich-germanische Spektakel auch in Deinem Kreise einen Widerhall geweckt hat. Sie sollen nur einmal aus unserer Gesittung abziehen, was sie dem erwählten Volke verdanken, dessen Unfug doch nur den frechen Mischlingen, den Boden- und Heimatlosen im Geiste zugeschrieben werden darf. Jene Betrachtungen in der Revue aber blieben in der subjektiven, intimen Reserve, die so manches von unserem 'Freund nur den Seinigen ganz verständlich macht. Ein fester Brustton tut not, in voller Würde und Klarheit, und ich freue mich, dass 1) u das Wort ergriffen hast. Treitschkes Diatribe habe ich nicht gelesen. Aber ich kenne den Mann. Wer von Napoleon sagen