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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 531 - 532

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Moritz Lazarus' Lebenserinnerungen
Date
1906-08-01
Page
Seite 531 - 532 (sequence 3)
Language
German
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531 Dr. B. Münz: Moritz Lazarus' Lebenserinneningen. 532 zu behandeln. Eines Abends sprach er ihn bei einein Konzerte wiederholt an. Bei dein allgemeinen Aufbruche Avendete sich der Oberzeremoniemneister von Köder zwar diskret, aber mit olfenbarer Erregung im Ton und Miene an ihn: „Er hat Sie heute Abend viermal angesprochen!" Die Offiziere konnten wohl nicht gegen die Entlassung des geliebten Lehrers, dem sie soviel Anregung verdankten, reagieren. Sie schickten jedoch eine Deputation zu ihm, in der die glänzendsten Namen vertreten waren: Fürst Pless, Graf Schulenburg, Graf Stolberg, Prinz Hohenlohe und Prinz Kadziwill. Sie blieben ihrem ehemaligem Lehrer treu und lieferten ihm die wohltuendsten Beweise ihrer Anhänglichkeit. Mit Etzel blieb er bis zu dessen Lebensende nahe befreundet. Die antisemitische Rewegung erfüllte den Avackern General, der nach den ruhmreichen Kriegen und äusseren politischen Errungenschaften Deutschlands ein inneres ideales Emporstreben herbeisehnte, mit Grimm. Inmitten des Studiums des dritten Bandes vom „Leben der Seele" schrieb er an Lazarus: „Es wird nicht leicht sein, des Segens teilhaftig zu werden, den Ihnen die Arbeit daran gebracht hat; denn ich weide hier täglich, ja stündlich durch neue Beweise der alten Niederträchtigkeit an den Jammer erinnert. Es ist schmachvoll. Die jetzige Generation muss sich den nicht zweifelhaften Fortschritt, wenn auch nur wieder eine Phase, durch die ernstesten Kämpfe verdienen; sie werden barbarisch werden, und das war nicht notwendig. Das wird die Menschheit dem Zersetzungsgeist des grossen Kanzlers verdanken. Doch klagen hilft nichts. Wir tun weiter unsere Pflicht, jeder an seiner Stelle." Es ist ein grosses, bedeutendes Stück Kulturgeschichte, das sich in den „Lebenserinnerungen" vor uns entfaltet. Als Alfred Leicht im Sommer 1901 in Interlaken von dem Meister Abschied nahm, teilte dieser ihm mit, dass später seine Biographie auch vom jüdischen Standpunkte aus zu veröffentlichen sei. Wir sehen dieser Publikation, die uns vieles bringen wird, Avas Avir hier vermissen, mit grösster Spannung entgegen. Möge sie nicht allzulange auf sich warten lassen! DIE SOZIALISTISCHE STROEMUNO IN DER VOLKSLITERATUR DER RUSSISCHEN JUDEN. Von Rabbiner Dr. Freund in Ostrowo. Nachdruck verboten. Wer in der deutschen einschlägigen Literatur ein wenig bewandert ist, der wird in dieser Jargonliteratur viele alte Bekannte wiederfinden. Agitationsschriften, die zum eisernen Bestände der sozialistischen Propaganda gehören: Lassalle, Marx, Kautzky, Bebel, Liebknecht usw., sind inhaltlich getreu wiedergegeben, aber natürlich in das Habit des polnischen Juden gehüllt. Wenn es auch nichts spezifisch jüdisches ist und hier für Deutschland wohl nichts Neues bietet, sei der Inhalt, wie er als Extrakt einer Anzahl dieser Schriften sich darbietet, hier wiedergegeben : „Die Arbeiter schaffen alle Bequemlichkeiten des Lebens, sie haben also auch ein Recht, sie zu gemessen. „Woher aber kommt die Not der arbeitenden Klassen? Nicht daher, dass zu Avenig Lebens- und Genussmittel in der Welt existieren, auch nicht daher, dass zu wenig Geld oder zu viele Menschen vorhanden sind, sondern daher, dass die Arbeitskraft der Arbeiter durch die Unternehmer ausgebeutet und im eigenem Interesse verwandt wird. „Es liegt im Interesse des Unternehmers, dass der Lohn möglichst niedrig und die Arbeitszeit möglichst lang sei. „Durch eine Erhöhung des Lohnes und eine "Verkürzung des Arbeitstages würden weder die Fabrikanten Bankerott, noch die Existenzmittel Avesentlich teurer werden. Auf der anderen Seite aber führen die lange Arbeitszeit (durch Ueberproduktion) und der geringe Lohn (durch Verminderung der Kaufkraft, wirtschaftliche Krisen herbei. „Von aussen her wird eine Besserung dieser Lage nicht herbeigeführt werden: die Arbeiter dürfen nur II. auf sich allein rechnen. Die Mittel, das Ziel zu erreichen, sind Verbrüderung und Eintracht; praktische Organisation in Gewerkschaften und Streik. „Vor allem muss die Fabrikgesetzgebung eine Aenderung erfahren. Schon jetzt bestehen in Deutschland, Oesterreich, England, Amerika usw. bessere Fabrikgesetze, die diese Staaten auch nicht freiwillig den Arbeitern gewährt haben, sondern unter dem Druck der Verhältnisse sich haben abringen lassen. Deshalb muss man auch in Russland diese Forderungen immer wiederholen. „Zur Erreichung dieses Zieles sind aber unbedingt politische Rechte nötig (Stimmrecht, konstitutionelle Regierung) wie sie in anderen Ländern Europas bestehen. Da aber diese Rechte von der zarischen Regierung nicht gutwillig zu erreichen sind, müssen sie durch die mündig gewordenen Arbeitermassen erkämpft Averden. „Deshalb muss jeder Arbeiter unaufhörlich in seinem Kreise aufklärend wirken, dass der Fabrikant und der zarische Despotismus die Feinde aller Arbeiter sind; er muss aber auch im Leben sich grösster Rechtschaffenheit und peinlichster Redlichkeit befleissigen, weil jede Unehrlichkeit auch eine Schande für seine heilige Sache ist. — — — Dieser Gedankengang Avird in zahlreichen Schriften in mannigfacher Form variiert, und durch alle möglichen Beispiele, die aus dem Leben, und speziell aus dem jüdischen Leben gegriffen sind, belegt und erläutert. Will es da jemanden wundernehmen, dass diese lockenden Töne einen begeisterten Widerhall finden in den Herzen der Leser, deren Inneres einer Saite gleicht, die von vornherein auf denselben Ton gestimmt ist und daher von selbst mittönt: Wir

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