Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Geistige Organisation des Judentums
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 6)
- Language
- German
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523 Moritz Goldslein: Geistige Organisation des Judentums. 524 setzen. Wehe ihm und uns, wenn sie sich dazu bereit fänden! Dann wäre er wirklich ein Abtrünniger gewesen. Heines Stellung zu seinem Volke jedoch ist nicht ohne üble Folgen geblieben, oder vielmehr, die guten Folgen, die seine Bedeutung hätte haben können, sind dadurch zu nichte gemacht worden. Das Individualitätsbewusstsein eines Volkes, die geistige Organisation, nach der wir streben, kann durch nichts so leicht und sicher hergestellt werden, wie durch einen grossen Dichter. So haben unzweifelhaft Goethe und Schiller um die Einigung des Deutschen Reiches ein mindestens ebenso grosses Verdienst wie Bismarck. Wenn jene nicht den Grund gelegt hätten, dieser hätte nimmer den Bau vollenden können. Und man darf getrost behaupten, dass das Bewusstsein und der Ehrgeiz, mit Goethe eines Volkes zu sein, die geistige Einheit und damit die Einheit überhaupt unter den deutschen Stämmen bewahren wird für alle Zeiten und über allen Wechsel der politischen Verhältnisse hinweg. Diese einigende Wirkung nun, die Heine seiner künstlerischen Bedeutung nach für die deutschen Juden hätte üben können, ist ausgeblieben wegen seines zwiespältigen Menschentumes und der daraus folgenden schwankenden Stellung zu seinem Volke. Einem anderen ist diese Mission vorbehalten. Wir erwarten diesen Einen, und die Erkenntnis, dass wir ihn brauchen, ist augenblicklich unsere tiefste Weisheit. Die Zeit und die Lage, so sahen wir, fordern die Individualisierung der deutschen Juden; die Grundlage ist der geistige Zusammenschluss; von allen geistigen Gebieten hat die grösste einigende Kraft die Kunst, und unter allen Künsten wieder die Dichtung. Vielleicht darf man den Kreis noch enger ziehen und die Erlösung letzten Endes vom Drama erwarten. Ein Goethe der Juden in Deutschland — so möchte ich die Persönlichkeit bezeichnen, die uns not tut. Hätten wir sie, so hätten wir die geistige Organisation, so wären wir deutschen Juden eine Individualität, so würden wir uns als solche fühlen und als solche geachtet werden. Ich weiss, dass die klarste Erkenntnis von der Notwendigkeit dieser Erscheinung nicht im Stande ist, sie hervorzubringen; aber diese Einsicht kann uns den Boden bereiten helfen. Das Genie wird erst hervorgehen aus einer Generation von Gleichstrebenden. Es muss schon eine jüdische Literatur in Deutschland geben, damit ein grosser Dichter die günstigen Entwickelungsbedingungen findet. An die Produktiven unter den deutschen Juden ergeht daher der Ruf. Ob sie etwas leisten, und ob sie dieses als Juden leisten und als Juden einen Ruf erwerben, davon allein hängt es ab, ob die Bestrebungen nach Wiedererweckung des jüdischen Volksbewusstseins in Deutschland Erfolg haben oder nicht. Und ich prophezeie: Gelingt es der jetzt lebenden und strebenden Generation nicht, zugleich als Juden und als Künstler, nicht nur unter den deutschen Juden, sondern unter den Deutschen überhaupt, sich durchzusetzen und einen Platz im modernen Geistesleben zu erobern, so verläuft die ganze sogenannte jüdische Renaissance spurlos in\ Sande. Gelingt es ihr aber, so hat das Nationaljudentum gesiegt, und die traurige Zeit der Assimilation ist vorüber. III. Indem ich nun dazu übergehe, aus den theoretischen Prämissen die praktischen Folgerungen zu ziehen, so bin ich auf den Vorwurf gefasst, dass das, was ich denn nun tatsächlich an realen Vorschlägen zu machen weiss, zu den langen Erörterungen in keinem rechten Verhältnisse stehe. Indessen hier handelt es sich nicht darum, dem staunenden Auge des entzückten Lesers schimmernde Luftschlösser einer schmeichelhaften Zukunft vorzugaukeln, sondern nüchtern Dinge anzuraten, welche Aussicht auf Verwirklichung haben. Wir wollen uns aber erinnern, dass wir erst am Anfang einer Entwickelung stehen und wollen den Bau nicht mit dem Dache beginnen. Ich schlage also vor, ein Jahrbuch zu begründen, welches etwa den Titel tragen könnte: „Jahrbuch für jüdische Kultur in Deutschland," oder ähnlich. Dieses Jahrbuch hätte die Aufgabe, ein Compendium zu sein der gesamten geistigen Produktion der deutschen Juden. Es zerfiele in drei Teile. Der erste enthielte eine vollständige Bibliographie alles dessen, was von deutschen Juden1 in dem vorangehenden Jahre veröffentlicht worden ist. Wissenschaftliche und kritische Schriften müssten hier ebenso verzeichnet sein wie Werke der schönen Literatur; Leistungen in der Musik, in den bildenden Künsten, in der Architektur ebenso wie Erfolge der Technik, Entdeckungen, Erfindungen. Ob die Arbeiten jüdische Interessen zum Gegenstand haben, ist in dieser Bibliographie natürlich ganz gleichgiltig. In einem Anhang aber könnte man Veröffentlichungen über Juden und Judentum, von wem auch immer sie stammen, zusammenstellen. Der zweite Teil soll kritischer Art sein. Ihm fällt die Aufgabe zu, die wichtigeren Erscheinungen zu rezensieren, von ihnen in grösserem Zusammenhange Bericht zu geben — da der Einzelne, der sich unterrichten will, unmöglich alles selbst lesen kann — und endlich das Geleistete von einer höheren Warte und in Verbindung mit dem gesamten deutschen und europäischen Kulturleben zu betrachten und zu würdigen. Kein Fehler liegt hier so nahe und wäre zugleich so verhängnisvoll wie die Ueberschätzung der jüdischen Leistungen im Vergleich mit denen unserer Mitbürger. Er würde uns unweigerlich der Lächerlichkeit preisgeben und gerade die besten Kräfte fernhalten, statt sie heranzuziehen. Im Uebrigen dürfte die Abfassung dieses Teils an Arbeit, Wissen und Können die grössten Anforderungen stellen; der Wert einer solchen fortlaufenden Geistesgeschichte aber kann unermesslich sein. Endlich der dritte Teil; er liegt mir vor allem am Herzen und von ihm zumeist erwarte ich eine Wirkung nach aussen. Was der erste tabellarisch trocken zusammenstellte, was der zweite kritisch behandelte, das soll der dritte unmittelbar zeigen. Die bedeutendsten Kunstschöpfungen der deutschen Juden, welche im vergangenen Jahre entstanden sind, sollen hier dargeboten werden. Er soll mit Kunstblättern aucgestattet sein; den Hauptraum aber werden hier