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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 525 - 526

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Geistige Organisation des Judentums
Date
1906-08-01
Page
Seite 525 - 526 (sequence 7)
Language
German
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525 Moritz Goldstein: Geistige Organisation des Judentums. 526 dichterische Werke einnehmen. Und zwar sollen nicht etwa Proben aus der literarischen Ernte aufgetischt werden, sondern die betreffenden Dichtungen sollen hier vollständig und zum ersten Male ans Licht treten. Dabei wird es sich leicht ereignen, dass der Raum eines Jahrbuches überschritten werden müsste. Es wird sich also empfehlen, Werke grösseren Umfanges für sich erscheinen zu lassen unter der Bezeichnung: „Herausgegeben vom Jahrbuch für jüdische Kultur." Verfügt der zu gründende Verlag über genügende Mittel, um diese Ausgaben besonders wohlfeil abgeben zu können, so wird der Sache selbst wie den Autoren damit nur gedient sein. Dass bei der Entscheidung über die Aufnahme eines Werkes der höchste künstlerische Massstab angelegt werde, ist die erste Bedingung für den Erfolg, für jenen Erfolg nämlich, der nicht dem Geldbeutel des Verlegers, sondern der Idee der geistigen Organisation des Judentums zu gute kommt. Es handelt sich nicht darum, jedem dichtenden Nationaljuden zum Worte zu verhelfen sondern; die Aufgabe ist gerade, die begabten Indifferenten zu gewinnen. Das ist aber nur dann möglich, wenn die Auswahl so getroffen wird, dass es eine Ehre ist, und zwar eine künstlerische Ehre, in dem jüdischen Jahrbuche zu erscheinen. Es geht also keineswegs an, dass die brave nationaljüdische Gesinnung einer Arbeit ihren ästhetischen Dilettantismus vergessen mache. Es liegt überhaupt nichts daran, ob jüdische oder nichtjüdische Stoße behandelt werden. Die Beschränkung auf jene scheint mir der Fehler aller bisherigen ähnlichen Versuche zu sein. Es gilt, sich einen Platz in der Literatur zu erobern, und da kommt es lediglich auf die künstlerische Bedeutung und nicht auf den Partei- oder Tendenzwert an. Nur wenn sich wirklich die besten Produktiven der deutschen Juden in diesem Jahrbuch vereinigen, kann ein Zusammenschluss der Geister erfolgen, kann sich — wenn man den Ausdruck nicht missverstehen will, — eine Art jüdischer Dichterschule in Deutschland bilden. Man denke an die Sturm- und Drangzeit, an die Romantik, an das junge Deutschland, um sich zu vergegenwärtigen, was hier unter „Schule" gemeint ist. Ich glaube, dass sich überall junge Kräfte regen, die zu dieser Partei der Geister hinstreben. Sollte dennoch der Ertrag an Gutem im Anfange spärlich sein, so veröffentliche man wenig, fehlt er ganz, so gebe man garnichts heraus. Was dieses Jahr nicht bringt, kann im nächsten oder übernächsten Jahre vorhanden sein. Bleiben die grossen Leistungen ganz aus, so wird man den Mangel nicht dadurch beseitigen, dass man Mittelmässiges für gut erklärt. Sollte die schöpferische Kraft unter den deutschen Juden nicht hinreichen, Kunst werte hervorzubringen, nun, so müssen wir schweigen; so haben wir uns in unserem Volke getäuscht. Mir ist aber nicht bange, dass es so kommen könnte. Die Konstitution des Jahrbuches erfordert einen erfahrenen Leiter und einen Stab begabter, kenntnisreicher und arbeitswilliger Mitarbeiter. Sie fordert Opferwilligkeit; denn es wird nötig sein, sich gegen Gleichgültigkeit, Spott und alle Arten von Feindseligkeiten in geduldiger Kleinarbeit durchzusetzen. Sie erfordert aber vor allen Dingen Geld. Ohne eine finanzielle Fundierung, welche das Unternehmen aller Rücksichten auf den buchhändlerischen Erfolg überhebt, ist das Jahrbuch ein totgeborenes Kind. Ich vertraue aber auf die Grossherzigkeit, den Gemeinsinn und — die Geldkraft der deutschen Juden, sodass die Gründung, wenn sich nur sonst die rechten Männer finden, an dieser Klippe nicht scheitern wird. Das Jahrbuch ist nur ein Anfang. Es ist leicht, eine Reihe weiterer Gründungen und Institutionen sich vorzustellen und sich die Zukunft in lockenden Farben auszumalen. Ich überlasse es der Phantasie des Lesers; ich stelle es auch dem Belieben eines jeden anheim, wie er sich das politische Resultat denken will, nachdem die geistige Organisation erreicht sein wird. Ob es zu einer Staatenbildung kommt, wie der Zionismus hofft, ob eine organisierte Partei entsteht, wie die Sozialdemokratie es ist, ob sich eine gesellschaftliche Kaste bildet, wie sie heute der Offizierstand darstellt — möge jeder das erwarten, was ihm das liebste wäre. Es wird die Sorge der Enkel sein. Unsere Sorge aber ist es, den Anfang zu machen und den Grund zu legen. Die Zeit des Individualismus wird vorbeigehen, wie bisher alle solche allgemeinen Lebensideale überwunden worden sind. Aber was in dieser Weltanschauung und aus ihr geleistet worden ist, das wird bleiben oder fortwirken auf die, die danach kommen, und wird ihnen helfen, die Aufgaben zu erfüllen, die ihnen der Geist ihrer Zeit stellt. Was aber versäumt worden, trotzdem es in der Zeit lag, das ist ein für allemal versäumt und bleibt eine Schuld, die sich nicht mehr tilgen lässt. Hüten wir uns, diese Schuld auf uns zu nehmen! Hüten wir uns, den Ruf nach Individualisierung, den unser Jahrhundert erschallen lässt, und den die Nationen um uns her vernehmen, für uns selbst zu überhören oder nfcht zu verstehen! Und greifen wir dort zu, wo wir deutschen Juden das Zeitideal verwirklichen können: In der geistigen Organisation.

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