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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 521 - 522

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Geistige Organisation des Judentums
Date
1906-08-01
Page
Seite 521 - 522 (sequence 5)
Language
German
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521 Moritz Goldstein: Geistige Organisation des Judentums. 522 Wir reihen hieran, bevor wir zur Betrachtung der Kunst tibergehen, die Kritik. Hier giebt es schon fast so etwas wie ein jüdisches Sondergebiet. Oder besser: Die Kritik überhaupt ist beinahe zum jüdischen Sondergebiet geworden. Es wird diese Tatsache bis jetzt freilich als ein Vorwurf von der Gegenseite behauptet. Jedoch mag das Judentum in der Kritik sich in sympathischer oder unsympathischer Weise äussern: daran lässt sich nicht zweifeln, dass, wo überhaupt Eigentümlichkeiten zu bemerken sind, sie zu einem Vorzug entwickelt werden können. Haben wir also eine besondere Art jüdischer Kritik, so lässt sich daraus Nutzen ziehen. Nur ist notwendig, dass der jüdische Kritiker sich auch als Juden giebt und als solcher erkannt wird. Auch hier wieder handelt es sich darum, eine Institution zu schaffen, mit deren Hilfe das Wirken der jüdischen Kritiker zu übersehen ist. Auf diese Weise kann sich eine jüdische Publizistenschule entwickeln, deren unterscheidende Kennzeichen sicher auch ihr besonderer Ruhm sein werden. Alsdann wird man es sich zur Ehre anrechnen, jüdischer Kritiker zu sein, während heute gerade diese Kreise zu den fanatischsten Assimilanten gehören. Oder ist es nicht bezeichnend, dass just aus ihrer Mitte ein Protestruf gegen die jungjüdische Literatur erschollen ist? Aber die Herren sind wahrlich in einer peinlichen Lage. Sie waren so stolz darauf, dass sie, die Enkel von Ghettojuden, heute, ohne eine Spur der urväterlichen Beengtheit an sich zu tragen, ihrer Zeit mit der modernsten Kultur vorangingen; wie muss ihnen zu Mute sein, wenn plötzlich die allermodernste Kultur eben im Ghetto erblüht? Das haben sie freilich nicht erwartet. Jedoch wenden wir uns zur Kunst und damit zu demjenigen Teil geistigen Schaffens, von welchem zu guter Letzt das Heil zu erwarten ist. Bereits Richard Wagner schrieb einen hasserfüllten Aufsatz gegen das Judentum in der Musik. Daraus können wir zum Mindesten die eine wichtige Tatsache entnehmen, dass er aus der Musik der Juden das Nationale herausgehört hat. Es giebt also jüdische Musik, und das ist kein Wunder, da wir doch französische, russische, italienische deutlich unterscheiden. Die jüdischen Eigentümlichkeiten der tönenden Kunst zu Werten zu steigern, das freilich ist die Aufgabe; wenn sie aber erfüllt worden, so ist kein Zweifel, dass man sie auch als Werte empfinden und anerkennen wird; denn in der Kunst ist das Suchen und Finden von Ausdrucksformen für eine Individualität stets das letzte Ziel und der höchste Gewinn allen Strebens. Vielleicht ist bei der Musik, als der am wenigsten stofflichen Kunst, der Hinweis auf ein jüdisches Stoffgebiet nicht unwillkommen. Ich meine nämlich, dass die jüdische Musik einen starken Aufschwung nehmen würde, wenn sich jüdische Komponisten entschlössen, für alte gottesdienstliche Zeremonien neue Melodien zu erfinden. Man könnte dieses im grössten Stile betreiben und z. B. die Liturgie des Versöhnungstages einheitlich durchkomponieren. Erinnern wir uns, wie Bach mit seinen Passionen eine protestantische Mtibik geschaffen hat. Das Ideal einer jüdischen Messe, wenn der Ausdruck gestattet ist, schwebt mir vor. Freilich weiss ich, däss es nicht von heute zu morgen erreicht werden kann, und dass die Erfüllung überhaupt nicht von Zeitungsartikeln, sondern von dem musikalischen Genie zu erwarten ist. Möge es unserem Volke beschert werden 1 Was soll ich von den übrigen Künsten sagen, das sich nicht jeder Nachdenkende aus dem Vorstehenden selbst ableiten könnte? Nur bei der Dichtung will ich verweilen; denn sie ist für unsere Zwecke das wichtigste Kampfmittel, nämlich dasjenige, welches am meisten propagierende Kraft hat. Wir können über die Möglichkeit einer jüdischen Kunst nirgends gewisser sein als im Gebiete der Literatur; denn wir Deutsche haben einen grossen jüdischen Dichter bereits gehabt; ich spreche von Heinrich Heine. Es würde schwer halten, die Frage treffend zu beantworten, was an Heines Kunst denn jüdisch sei. Dass jüdische Kunst nicht identisch ist mit jüdischen Stoffen, das wird jedem geläufig sein, der sich je mit ästhetischen Dingen beschäftigt hat. Goethes „Iphigenie" und Schillers „Jungfrau von Orleans" sind darum nicht weniger deutsche Werke, weil jenes in Griechenland und dieses in Frankreich spielt. Es sind also der „Rabbi von Bacharach" oder der „Jehuda ben Halewi" ebensowenig für das Jüdische in Heines Kunst heranzuziehen, wie die „Disputation", die „Bäder von Lucca" oder dergleichen etwas dagegen beweisen. Die Aufgabe, Heines Werke auf ihre jüdischen Elemente hin zu untersuchen, so verlockend sie ist, liegt hier nicht auf unserem Wege. Wir brauchen das auch nicht, denn wir haben für die Existenz dieser Elemente einen bequemen und schlagenden Beweis: Den Hass der Gegner. Nehmen wir nicht Teil an der fruchtlosen Uebertreibung, aus dem, was sich zum Schaden Heines des Juden regt, schlechtweg auf den Tiefstand der deutschen Kultur zu schliessen. Halten wir uns an die ehrlichen unter seinen Widersachern, und glauben wir ihnen aufs Wort, dass Heine ihnen unsympathisch sei wegen seiner undeutschen, nationaljüdischen Eigenschaften. Wir dürfen es ihnen gerne glauben, denn es ist sein Ruhm. Dass er die Religion gewechselt hat, wer wollte es wagen, mit ihm darüber zu rechten? Jeder Künstler braucht, mehr als jeder andere Mensch, für seine individuellen Kämpfe den Grund eines unerschütterten Nationalstolzes. Darf man sich wundern, dass er diesen Stolz in seinem Judentum nicht fand? Wieviele giebt es denn, die heute in diesem Gefühle fest sind? Darf man sich wundern, dass er ihn zu finden hoffte, indem er auf die Seite der Bevorzugten übertrat? Er ist dennoch Jude geblieben; die Zahl seiner Feinde bezeugt es. Wir aber sollen ihn endlich als den Unsrigen anerkennen! Wir sollen uns seiner freuen als des ersten grossen jüdischen Dichters in Deutschland. Beklagen wir es, dass es ihm nicht vergönnt war, auch in seinem Bewusstsein ungeteilt Jude zu sein. Aber hören wir endlich auf, von den Deutschen zu verlangen, sie sollen ihm ein Denkmal

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