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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 519 - 520

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Geistige Organisation des Judentums
Date
1906-08-01
Page
Seite 519 - 520 (sequence 4)
Language
German
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519 Moritz Goldstein: Geistige Organisation des Judentums. 520 alle Male vorbei war, da wurde damit keineswegs auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zerstört, sondern flammte im Gegenteil, nun die politische Einheit fehlte, nur umso heller auf und loderte fort, bis die äussere Wirklichkeit mit dem inneren Empfinden wieder übereinstimmte. Einem Volke zwar ist es leicht, diese Einheitsempfindung zu wahren, wenn es nämlich eine gemeinsame Sprache spricht. Nun ist aber die Sprache an sich nur etwas Aeusserliches und hat ihre einigende Wirkung offenbar nur dadurch, dass sie eine Gemeinsamkeit der Interessen ermöglicht und herstellt. Die gemeinsame Sprache ist nur die Grundlage und der Anstoss für eine geistige Organisation. Das aber, was beim Fehlen des äusseren Bandes dennoch die Glieder eines Volkes zu einer Gesamtheit macht oder als solche erhält, wie in dem angeführten naheliegenden Beispiel aus der Geschichte, ist eben die geistige Organisation. Den Juden in Deutschland nun fehlt die Verbindung von aussen her; denn ihre gemeinsame deutsche Sprache teilen sie gerade mit den Gegnern. Die Religion aber, obgleich sie nur ihnen eigen ist und sie von ihren Mitbürgern deutlich sondert, wirkt heute nicht mehr als einigendes Prinzip, weil unsere Zeit unreligiös ist. Da wir ferner nicht mehr im Ghetto wohnen, noch auch ein gelbes Abzeichen am Kleide tragen, so ist es für uns freilich besonders schwierig, den Anschluss aneinander zu finden. Gelänge es nun, trotzdem eine lebendige geistige Organisation unter den deutschen Juden herzustellen, so könnte der Erfolg nicht ausbleiben, und der politische Zusammenschluss zu einer eigenen Individualität müsste erfolgen. Oder besser, — um nicht missverstanden zu werden, — die geistige Organisation selbst wäre schon der politische Zusammenschluss, sie wäre die Erfüllung der individualistischen Zeittendenz, sie wäre eben das, was wir oben als unsere Aufgabe bezeichnet haben. Ob dem alsdann eine politische Aktion entsprechen werde und welche, können wir weder wissen, noch braucht es uns heute schon zu kümmern. Es handelt sich also darum, bewusst und künstlich jene Einheit der geistigen Interessen unter den deutschen Juden hervorzubringen, welche bei anderen Nationen natürlich und unbewusst durch die blosse Sprachgemeinschaft hergestellt wird. Um dies zu erreichen, ist es nötig, Mittel und Wege zu finden, um alle geistigen und kulturellen Bestrebungen und Leistungen der deutschen Juden den Glaubensgenossen als speziell jüdische Arbeit ins Bewusstsein zu rufen. Es gilt, eine Institution zu schaffen, die es ermöglicht, den jüdischen Anteil am kulturellen Fortschritt jederzeit zu übersehen und zu einem lebendigen Bewusstseinsinhalt aller deutschen Juden zu machen. Nun sind freilich unsere Kulturinteressen von denen unserer Umgebung im Grossen und Ganzen keineswegs verschieden, und es scheint, als ob mit dieser Einrichtung nicht viel geholfen wäre. Aber eben das Fehlen besonderer jüdischer Kulturinteressen ist mit dem Fehlen einer geistigen Einheit identisch. Geistige Organisation der Juden herstellen, heisst nichts anderes, als gesonderte jüdische Kulturinteressen schaffen. Oder endlich: Die Tendenz unserer Zeit zur Individualisierung der Nationen stellt uns Juden eben die Aufgabe, ein jüdisches geistiges Arbeitsgebiet zu finden, welches sich dem unserer christlichen Mitbürger deutlich unterschieden gegenüber und zur Seite stellt. Erörtern wir zunächst die Möglichkeit dieser jüdischen Kulturinteressen auf dem Gebiete der Wissenschaft, so wird man sagen, dass es eine jüdische Wissenschaft nur geben könne, insofern sie Wissenschaft vom Judentume sei. In der Tat eröffnet sich hier ein wichtiges Arbeitsfeld, das, gehörig bestellt, die reichsten Früchte zu tragen verspricht. Und zwar hat die Wissenschaft vom Judentum, wie mir scheint, die grosse Aufgabe, endlich einmal die Bedeutung der Juden für die Entwicklung der gesamten menschlichen Kultur zu erforschen und darzustellen. Eine Weltgeschichte unter dem Zeichen des Judentums muss und wird einmal geschrieben werden. Dieses Sondergebiet indessen wird für sich allein von keinerlei Bedeutung für die Individualisierung der Juden sein, wenn es nicht gelingt, eine jüdische Wissenschaft auch in anderem Sinne zu gründen. Es gibt freilich keine jüdische Wahrheit, die von derjenigen anderer Nationen verschieden wäre. Wohl aber giebt es oder kann es geben wissenschaftliche Forschungsgebiete oder Methoden, welche aus inneren oder äusseren Gründen den Juden reserviert bleiben. So ist z. B. die vergleichende Sprachwissenschaft und die Neuphilologie überhaupt eine ausgeprägt deutsche Wissenschaft, vielleicht infolge des äusseren Umstandes, dass ihre Gründer zufällig Deutsche waren und natürlich am meisten in Deutschland Schule machten. Vielleicht aber ist ein innerer Zusammenhang wiiksam, indem die besondere Methode dieser Disziplin Fähigkeiten erfordert, welche den Deutschen vor allen anderen eigen sind. In diesem Sinne also könnte auch eine jüdische Wissenschaft entstehen, und es ist unsere Aufgabe, daraufhin zu wirken. Freilich lässt sich unser Gebiet nicht mit bewusster Ueberlegung finden noch etwa nach gegenseitiger Verabredung festlegen. Alles, was wir tun können, ist, dass wir die gesamte, von Juden geleistete wissenschaftliche Arbeit in irgend einer Institution zusammenfassen und als jüdische Leistung zum Bewusstsein bringen. Wenn überhaupt eine jüdische Wissenschaft möglich ist, so wird sie sich dann von selbst entwickeln. Es wird sich nämlich auf Grund dieser Zusammenfassung herausstellen, dass gewisse Gebiete besonders oft und mit besonderem Erfolg von Juden bearbeitet sind. Es werden daraufhin die Juden auf nichtjüdischer Seite einen Ruf als Spezialisten für dieses Gebiet oder diese Methode erwerben, dagegen wird auf unserer Seite der Ehrgeiz geschürt, diesen Ruf zu rechtfertigen. Es wird alsdann ein Vorzug sein oder wenigstens einen bestimmten Sinn haben, wenn jemand als Jude in der Wissenschaft auftritt. Bei den ausgeprägten intellektuellen Fähigkeiten unseres Volkes bin ich überzeugt, dass es nirgends so leicht sich zu einer Individualität entwickeln kann, wie auf dem Gebiete der Wissenschaft.

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