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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 517 - 518

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Geistige Organisation des Judentums
Date
1906-08-01
Page
Seite 517 - 518 (sequence 3)
Language
German
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517 Moritz Goldstein: Geistige Organisation des Judentums. 518 positiven Bewegung unter den Juden selbst. Der Zionismus ist die entschiedenste. Er ist aber nur eine neben anderen, und ich will als gemeinsamen Namen lieber die Bezeichnung Nationaljudentum anwenden, worunter ich also alle Bestrebungen begreife, die eine Stärkung des Nationalitätsbewusstseins unter den Juden zur Voraussetzung haben. Wir konstatieren: dass ein Nationaljudentum entstehen konnte, zeigt uns, dass der Individualismus auch auf die Juden seine Wirkung übt. Dasselbe Lebensgefühl, das uns zu Nationaljuden macht, macht die Gegenseite zu Antisemiten. Wir müssten beide nicht Kinder unserer Zeit sein, wenn wir nicht Nationaljuden und jene nicht Antisemiten sein sollten. Dieses Verhältnis aber ist bis jetzt durchaus nicht begriffen worden. Man fasste vielmehr den Antisemitismus als das Primäre auf, alle Gegenbestrebungen der Juden aber als sekundäre, nur mittelbar hervorgerufene Abwehrbewegungen. Schmach für uns, wenn dem so wäre! Denn dies würde beweisen, dass wir von dem Lebensatem unseres Jahrhunderts, der die Nationen Europas um uns her zu höchster Anspannung ihrer Volkskräfte hinreisst, nicht den leisesten Hauch verspürt hätten. Es würde beweisen, dass wir Juden gänzlich hinter unserer Zeit zurückgeblieben sind. Ich leugne freilich nicht, dass es eine Abwehrbewegung giebt, und noch weniger, dass sie berechtigt ist. Wogegen wir uns nämlich verteidigen müssen, dass sind die Folgerungen, welche die Gegenseite aus ihrem Judenhass zieht. Die Ausschliessung des Schwächeren durch den Stärkeren ist eine Ungerechtigkeit und Vergewaltigung, gegen die uns zu wehren nicht unser Recht, sondern unsere Pflicht ist. Kein Zweifel zwar: Nationaljudentum hüben, Antisemitismus drüben drängen zur Separation. Aber die Lösung muss auf legalem Wege erfolgen; alles was darüber hinaus von der Gegenseite geschieht, ist ein Angriff und ruft uns zur Verteidigung auf. Hier also giebt es, und zwar mit Recht, eine Bewegung unter den Juden, welche lediglich als Folge des Judenhasses auftiitt. Indessen nicht ohne Grund habe ich oben den Antisemitismus vor dem Nationaljudentum genannt; denn als Aeusserung des Individualismus hat jener allerdings vor diesem einen Vorsprung. Man vergleiche einmal in unserem Vaterlande die Zahl der Nationaljuden mit der Zahl der antisemitisch Gesinnten; auch prozentualiter wird das Verhältnis für uns ganz ungünstig liegen. Man frage sich ferner, welches denn die allgemeinste und verbreitetste Art ist, den Antisemitismus zu bekämpfen. Sie besteht in dem Versuch, den Gegner mittelst Tatsachen und Schlüssen zu beweisen, dass er uns Unrecht tue, wenn er uns für etwas von ihm Verschiedenes halte. Dieser Versuch ist erstens vergeblich; denn wir können höchstens beweisen, dass wir in unseren christlichen Mitbürgern Menschen sehen, die mit uns gleicher Art sind, nicht aber ihnen dieselbe Ansicht von uns beibringen. Es ist auch unmöglich, eine Empfindung, welche sich auf dem Grunde einer Weltanschauung oder eines Lebensgefühles entwickelt hat, mit logischen Schlüssen zu beseitigen. Der Versuch ist aber zweitens auch verwerflich, denn er verrät, dass die meisten unter uns in der Tat hinter ihrer Zeit zurückgeblieben sind. Von uns als den Unterdrückten müsste der Anstoss zu nationaler Zusammenfassung ausgehen, wir müssten die ersten sein, die den Gegensatz zu unserer nichtjüdischen Umwelt empfinden, wenn wir den Geist unseres Jahrhundeits richtig verstanden hätten. Individualismus der Nationen heisst die Parole; bei ihr unbedingt ist die Entwicklung und der Fortschritt. Dass wir sie nicht hören und für unser Judentum nicht annehmen, trotzdem wir geradezu mit der Nase darauf gestossen werden; dass wir immer noch dagegen rufen: „Ihr irrt euch, wir sind nichts Besonderes l;c das ist eine Schmach, und sie einmal tief gefühlt zu haben, ist der erste Schritt, sie zu tilgen. Das also ist die Aufgabe: Das deutsche Judentum zu einer Individualität zusammenzuschliessen; die Gesamtheit der deutschen Juden zu einer Persönlichkeit zu machen, damit wir sie als solche empfinden lernen. Ich spreche mit gutem Bedacht nur von den deutschen Juden und nicht von der internationalen Judenheit, da ich eine Zusammenfassung der letzteren bei der besonderen Art von Vereinheitlichung, die ich im Sinne habe, augenblicklich noch nicht für möglich halte. Die Juden der einzelnen Länder sind zu. sehr von den verschiedenen Kulturgehalten ihrer Heimat erfüllt, als dass sich schon jetzt die Einheit über die politischen Grenzen hinaus herstellen Hesse. Der Versuch, sich mitten in der christlichen Umwelt zu einer Individualität zusammenzuschliessen, würde unnötig erschwert werden, wenn es gälte, sich sämtlichen europäischen Kulturen gleichzeitig entgegenzustellen. Lösen wir die Aufgabe für uns Deutsche, und überlassen wir es den Juden der anderen Länder, sie für sich zu lösen. Ist dieses Ziel erreicht, dann wird es an der Zeit sein, eine Einheit über den Einheiten zu erstreben. Welcher Weg einzuschlagen sei, darüber kann in unserer Zeit der Sozialpolitik ein Zweifel nicht bestehen: Er heisst Organisation. Man hat die Bedeutung dieses Mittels auch bei uns längst erkannt und wendet es immer bewusster auf das Judentum an. Dass es bisher mit grossem Erfolge geschehen sei, dürfte bestritten werden. Gerade die sogenannte Intelligenz, deren Gleichgiltigkeit noch nicht um eines Haares Breite erschüttert worden, die vielmehr, mit dem Ueberlegenheitsbewusstsein des behaglichen Assimilanten begabt, von dem, was vorgeht, zum grössten Teil nicht einmal eine Ahnung hat, beweist schlagend, wie wenig bisher erreicht worden ist. Ob Organisation für sich überhaupt Erfolg haben kann, erscheint mir sehr zweifelhaft, solange nicht vorher die Grundlage geschaffen wird, auf der allein eine politische Zusammenfassung aller Bildungskreise möglich ist: Die geistige Organisation. II. Als im Jahre 1806 Kaiser Franz von Oesterreich die Deutsche Krone niederlegte und es mit dem heiligen römischen Reiche Deutscher Nation ein für

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