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Ost und West · 1906-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1906) · p. Seite 515 - 516

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1906)
Article
Geistige Organisation des Judentums
Date
1906-08-01
Page
Seite 515 - 516 (sequence 2)
Language
German
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515 Moritz Goldstein: Geistige Organisation des Judentums. 516 er — hässlich, schmutzig, wiedrig und zu allem Schlechten fähig, sie sind all dieses nicht ihrem Wesen nach, sondern sie sind so geworden durch die Ungunst ihrer Lage; gebt ihnen dieselben Entwickelungsbedingungen, wie wir sie haben, und sie werden wie wir, sie sind nicht mehr zu unterscheiden, und ihr seid überrascht, wenn ihr erfahrt, dass es Juden sind." Das ist die Botschaft Lessings, die von der einen Seite als trostreiche Verheissung mit Freuden, von der anderen als überkühne Hypothese mit Zweifel und Spott aufgenommen wird. Aber Lessing scheint Recht zu behalten: Er selbst schliesst Freundschaft mit einem Juden, der zwar in seinem Aeusseren das Semitische nicht verwischen kann, dafür sich aber geistig mit bewunderungswürdiger Energie aus der Enge des Ghetto herausarbeitet, sich Sprache, Bildung und Form seiner bevorzugten Umgebung zu eigen macht und endlich selbst als ein Vorkämpfer des Humanitätsideals in die Reihen tritt: Moses Mendelssohn. Ein Jude zu sein, dem man es nicht anmerkt, und der dennoch ein guter Jude ist: Das war der Traum, der Juden und Christen entzückte; ihn verwirklicht zu haben, war Mendelssohns grösster Ruhm zu sedner Zeit, und wird, soviel ich sehe, auch heute noch für seine ruhmeswürdigste Leistung gehalten. "Wie sollte es anders sein, da doch das Humanitätsideal, wenn auch als ein Ideal längst entwertet, dennoch als praktische Lebensregel bis zum heutigen Tage fortklingt. Denn die Assimilationsbestrebungen und das Assimilantentum sind nichts weiter, als die in die Breite gezogenen, popularisierten und trivialisierten Reste jener vergangenen Weltanschauung. Und dass diese Reste so munter fortleben, und die Anhänger dieser Moral sich nicht verringern wollen, dies ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass in ihrem Namen die Emancipation der Juden sich vollzogen hat und alles das erreicht worden ist, was wir heute mit Stolz unser eigen nennen: Die Gleichheit vor dem Gesetz und stehe sie auch nur auf dem Papiere. Die Anhänger des Assimilationsgedankens aber, auch wenn sie in der Mehrzahl sind, haben heute die Führung verloren und hinken hinter der Entwickelung drein. Sie haben den Geist ihrer neuen Zeit nicht verstanden, sie haben nichts davon gemerkt, dass das Humanitätsideal verblasst ist, dass die Weltlage sich geändert hat, und dass ein neues Lebensprinzip das Scepter führt: Der Individualismus. Das Humanitätsideal setzte die natürliche Gleichheit aller Menschen voraus; der Individualismus glaubt an ihre natürliche Verschiedenheit. Jenes hielt die Verschiedenheiten für einen schädlichen Einfluss der Kultur; dieser macht im Gegenteil der Kultur die Gleichmacherei zum Vorwurf. Jenes erwartete von einer ungehemmten Entwickelung das Aufsteigen aller einzelnen zu einem gemeinsamen gleichen Menschentume; dieser fordert dieselbe ungehemmte Entwickelung, um scharf differenzierte Individualitäten zu erhalten. Jenes strebte aus den realen Verschiedenheiten zu einer erhabenen Gleichheit; dieser ringt aus einer trivialen Gleichheit nach erhabener Verschiedenheit. Aber auch der Individualismus hat einen höchsten Vereinigungspunkt: Worin nämlich die differenzierten, ja die entgegergesetzten Individualitäten einander dennoch treffen, das ist ihr Wert. Das Humanitätsideal sah den Wert des Einzelnen in einem höheren Menschentume, das allen gemeinsam ist; der Individualismus sieht ihn in der ausgeprägten Persönlichkeit, die jedem besonders und eigentümlich ist. Das, was den Menschen von allen anderen unterscheidet, was er für sich allein hat, was nur in ihm existiert und mit ihm überhaupt verloren gehen würde, das gibt ihm nach dem individualistischen Lebensprinzip das Recht auf Existenz. Je eigenartiger, unvergleichbarer, ausgeprägter einer ist, desto höher sein Wert als Mensch. Dass dieses individualistische Prinzip in der Tat das Leben der Gegenwart beherrscht, wird nirgends deutlicher als in den Erscheinungen der Europäischen Politik, indem der Individualismus mit demselben Rechte, mit dem er von den Einzelnen gilt, auf die Gesamtheit der Nation übertragen wird, nun aber in dieser Vergrösserung sich umso überraschender offenbart.*) Das 18. und das beginnende 19. Jahrhundert schuf seine Staaten ohne Rücksicht auf die Nationalitäten, indem bald eine Nation in zwei oder mehr Staaten zerrissen wurde, bald ein Staat mehrere Nationen umschloss. Heute aber ist es die entschiedene Tendenz aller Völker, sich als selbständige Körper zu konstituieren. So hat sich Norwegen von Schweden losgerissen, so erheben in Oesterreich die Ungarn und Czechen lauten Anspruch auf politische Selbständigkeit, die Polen drängen ungestümer denn je zur Wiederaufrichtung ihrer Herrschaft — und der Antisemitismus steht in voller Blüte. Mir scheint, dass für uns Juden keine Erkenntnis wichtiger und segensreicher sein kann, als die, dass mit derselben Notwendigkeit, mit der das Humanitätsideal den Philosemitismus und die Emanzipation den Juden hervorbrachte, jetzt der Individualismus die antisemitische Bewegung erzeugt. Diese Einsicht halte ich deshalb für so wichtig und segensreich, weil aus ihr und nur aus ihr die Taktik erkannt werden kann, mit der wir unseren Widersachern zu begegnen haben. Man sieht, dass der Antisemitismus als Aeusserung des wachsenden Individualismus nicht auf einer Stufe steht mit den übrigen Beispielen, die ich als politische Folgen dieses Prinzips genannt habe. Bei jenen wurde der schwächere Teil sich seiner Unterlegenheit als einer Schmach bewusst und strebte daher, sich loszureissen und selbständig weiterzuentwickeln. Der Judenhass dagegen geht von der stärkeren Seite aus und drängt zur Ausschliessung des Schwächeren. Nun fehlt es Gott sei Dank nicht an der entsprechenden *) Anm. Die allgemeine Geltung des individualistischen Lebensprinzips scheint durch die grosse Ausbreitung der Sozialdemokratie widerlegt zu werden. Aber wenn sie auch theoretisch von der natürlichen Gleichheit ausgeht, so stellt sie doch praktisch, nach dem, was sie als Partei wirklich ist, eine so scharf ausgeprägte, wohl organisierte und differenzierte Einheit dar, dass sie im Gegenteil unter die Beispiele für die Herrschaft des Individualismus gerechnet werden kann: nämlich als die Anwendung dieses Prinzips auf die Arbeiterklasse.

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