Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Josef, das Kind
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 495 - 496 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583950-2593707--06321-2593755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
495 Emil Cohn: Josef, das Kind. 496 wandern den Kreislauf seiner Tage. Warum -will er das? Vor wem will er fliehen? Josef: Von wem sprichst du, Vater? Jakob: Von Jakob, mein Kind. J o s e f: Von Jakob? — Das bist du. Jakob: Ich bin es. Josef (laut lachend): Das ist lustig. R üben: Lachst du den Vater aus? Jakob: Josef, mein Kind! (er küßt ihn). Simon: Nicht ich habe gelacht. Gad: Nicht ich, da du sprachest. A s s e r: Ilm aber küßt er, und ihn wird er immer küssen. Simon: "Warum küssest du ihn, da er deiner spottet? Jakob: Er spottet nicht. Und ist er mein Jüngster nicht? Und meiner Rahel Kind? Simon: Gestehe es nur! Er ist dir mehr als wir allesamt. Jakob: Ich lieV euch alle. Gad (unter Zustimmung' seiner Brüder): Du liebst uns nicht. Simon: Gedrückt hast du uns von Jugend an und ihn erhoben aus seinen Windeln. A s s c r: Wo sind die seidenen Röcklein, die wir trugen? Simon: Kurz geschoren gingen wir wie Knechte, seine Locken sind lang und gescheitelt. Gad: Weis' her die Liebe, die du ausgestreut über uns! Deine Finger sind zu zahlreich, um abzuzählen an ihnen die Taten deiner Liebe an uns. Jakob: Gerungen habe ich um euch! So wahr mein Gott lebt, um jeden von euch habe ich gerungen! Ihr aber seid entronnen meinen Händen gleich wilden Kälbern, die die Hürde durchbrachen. Kuben (heiss): Mein Vater, ich liebe dich! Jakob: Rüben, mein Erstgeborener, ich habe dich halten wollen. R u b e n: Halte.mich, Vater, du bist gerecht! Jakob: Wo bist du, mein Sohn? Dein Vater sieht dich und sieht dich doch nicht; er fasst dich an, und doch bist du von dannen. Er tastet nach dir mit erkaltenden Händen. mit brechendem Auge sucht er dich: Du aber, — wo bist du? Rüben: Bei dir, mein Vater, bei dir! Sei gerecht! Jakob: Nicht bei mir, nicht bei mir! Bei deinem Weibe bist du! Ueber dem Schoosse der Fremden knieest du und nicht an meinem Lager; nach den Händen der Götzendienerin greifst du, und dein Vater stirbt. Rüben (stürzt in die Kniee): Segne mich, Vater! S i m o n: Ja, segne ihn! Gad: Segne ihn. ehe du stirbst! Hier segne ihn und sogleichl A s s e r: Er sei von nun an unser Herr und Haupt! Tu' ab deinen Mantel, Vater, schon jetzt und lege ihn um seino Schulter, dass er uns künftig Vater sei in deinen Zelten Alle: Segne ihn! Segne ihn! R üben: Nicht darum, weil sie es wollen, Vater. — weil du mich liebst und Gerechtigkeit üben willst in deinem Hause,, segne mich! Segne deinen Aeltesten! Treu will ich erwerben, was immer dein Segen mir verheisst, will pflegen die Pflichten deines Erbes! Alle: Segne ihn! Segne ihn! Josef (fängt an zu weinen). Jakob (ihn an sich ziehend): Sei ruhig, Liebling! Simon: Wen wirst du segnen, Vater? Jakob: Schweigt! Simon (wild): Gestohlen hast du deinem Bruder den Segen! Wirst du deinem Erstgeborenen rauben, was ihm gebührt? Jakob: Entartete — Gad: Hüte dich, Vater: Dass wir nicht bestehlen den Stehler,, den Räuber nicht berauben! Der Dieb im Hause des Diebes ist schuldlos. Simon (rasend): Blind sollst du werden wie dein Vater und taub dazu!: Deinen Segen werden dir stehlen die, denen du fluchen möchtest, und, wen du segnen möchtest, du wirst ihm fluchen! Jakob: Was? Wie? Was sagt ihr? Ihr -! Ihr —! — Gestohlen, sagt ihr? Gestohlen? Einen Segen stehlen? Das meint ihr? Hier — hier —: meine Hände! Seht meine Hände, meine greisen, runzligen Hände! In ihnen ruht euer Segen? Nach diesen Händen geht euer Schreien? Ich reiche sie euch hin. Da, Ruhen! Da, Simon! Da, Asser! Stehlt euch euren Segen! Warum stehlt ihr ihn nicht? Ich will euch die Hände aufs Haupt legen; will Worte der Verheissung sprechen zu euch! Und doch — ihr werdet nicht gesegnet sein. Ein Bund muss sein