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Ost und West · 1906-07-01 · Heft 7 (Juli 1906) · p. Seite 485 - 486

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 7 (Juli 1906)
Article
Der Dornenweg des jüdischen Wanderers
Date
1906-07-01
Page
Seite 485 - 486 (sequence 4)
Language
German
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485 Dr. Hans Mühsam: Der Dornenweg des jüdischen Wanderers. 486 nur spottende Blicke für sie haben, verraten und verlassen. „Teil werde gehen, einen Gasthof zu suchen; bleibe du mit dem Kinde hier beim Gepäck, in 10 Minuten bin ich zurück." Und 10 Minuten wartet das arme Weib und eine Stunde und verzehrt sich in Todesangst — aber der Mann kommt nicht zurück. Der war herumgelaufen, einen Gasthof zu suchen; er hatte sich verirrt in dem Strassengewirr, und als er sich zum Bahnhof zurückgefragt hatte, da war sein Weib verschwunden, das ihn suchte — und niemals sahen sie sich wieder. Das ist nicht eine konstruierte Fabel, die ich hier erzähle, das hat sich dutzende mal ereignet. Eltern und Kinder, Ehegatten und Geschwister verloren einander in dem unbekannten Getriebe der Grossstadt — auf immer! Wer aber hier ankam und glücklich einen Gasthof erreichte, der wurde meist in der unerhörtesten Weise von dem Herbergswirt ausgeplündert. Unbekannt mit den Preisen und stutzig durch die ungewohnte Umgebung lässt sich der arme Flüchtling nicht nur die infamste Brandschatzung, sondern noch dazu eine unwürdige und niederträchtige Behandlung gefallen. Es ist nicht möglich, die Tausende von Steinen und Dornen zu schildern, welche sich dem armen unkundigen wandernden Juden in den Weg legen; zu mannigfaltig ist das Unglück. Aber ich glaube, dass durch die Tätigkeit des „jüdischen Volksvereins4' der Weg bedeutend geebnet worden ist, und dass diejenigen, welche heute auf ihrer Wanderschaft Berlin passieren, nicht entfernt mehr die Gefahren und Qualen zu erdulden haben wie ihre im vorigen Jahre gewanderten Brüder. Schon an der Grenze werden von vertrauenswürdigen Personen in den Zügen Merkblätter verteilt, welche in gedrängtester Form die Antwort auf folgende Fragen enthalten: 1) Wen frage ich um Bat? 2) Was tue ich mit meinem Gepäck? 3) Wie kann ich einen Gasthof finden? 4) Wie fährt man weiter? So wird der Wanderer gewarnt vor unbekannten Wohltätern, welche sich ihm aufdrängen um ihm seine letzte Habe zu rauben. Ihm werden praktische Ratschläge für seine Person und sein Gepäck gegeben usw. Auf dem Bahnhofe patroullieren zu der Zeit, wo die Züge aus dem Osten kommen, die Mitglieder der „Bahnhofs wache" auf dem Bahnsteige, kenntlich durch grosse Schilder mit dem Mögen David und eineg Legitimation des Volksvereins. Meist sind es selbst russische Juden, welche die wohltätige Einrichtung des Empfangs am Bahnhof an sich erfahren haben und jetzt ihrer Dankbarkeit in dieser edlen Form Ausdruck geben. Da die Emigranten durch die Merkblätter auf die Patrouille hingewiesen werden, und da diese sie in ihrer heimischen Sprache begrüsst, so vertrauen sie sich meisten teils rückhaltlos und sofort ihren Führern an. Sehen wir uns einmal eine derartige Begebenheit an. Es ist nachts um 3/4l Uhr, langsam rollt de]* Zug in die Halle des Alexanderplatz-Bahnhofes und das spähende Auge der Bahnhofswache visitiert die Waggons vierter Klasse. Dort blickt ein unverkennbarer Stammesbruder aus dem Fenster. Rasch ist die Verbindung mit ihm hergestellt und der Emigrant davon überzeugt, dass er besser tut, hier als am Bahnhof Charlottenburg auszusteigen. Die Coupetür wird aufgerissen und ein Kopfkissen fliegt auf den Bahnsteig; mit bewundernswürdiger Treffsicherheit landet ein dreibeiniges Holzpferd auf demselben und wird im nächsten Moment ■ von > einem Sacke zugedeckt, aus dem der Stiel einer Bratpfanne und ein Hosenbein neugierig hervorlugen. Der Schaffner wird ungeduldig, da . der Zug weiterfahren soll; aber mit der Gemütsruhe, welche. schon mit gewaltigeren Schicksalsmächten fertig geworden ist, ignoriert unser Minsker die sieht- und hörbare Missfallensnote des. Beamten . und gibt sich, mit Unterstützung der Bahnhofswache der Abladung seiner Bagage in unerschütterlicher Ruhe hin. Nachdem alle die vielen wertlosen Dinge ausgeladen sind, die nicht nur sein wirtschaftliches Kapital sondern mehr noch sein seelisches darstellen — sind sie es doch, die seine Heimat ihm vorzaubern, wo es auch sei, sein Eigentum, der ruhende Pol in der Erscheinung Flucht — entsteigt dem Wagen die Frau mit der zahlreichen Kinderschaar und endlich der Vater. Vor einem andern Wagen hat sich inzwischen schon eine andere Gruppe gesammelt und jetzt verlässt der vereinigte Trupp unter Führung der Patrouille den Bahnsteig. Oft genug müssen die Mitglieder der Wache nicht bloss Führer spielen, sondern gleichzeitig Gepäckträger und Kinderwärterin, Friedensrichter und Prügeljunge. Ein gewandter junger Bursche erklärte mir .voll Stolz, in jeder Beziehung seinen Platz als Bahn- Avache ausfüllen zu können, nur, meinte er bedauernd, bereite ihm das — Nähren der Kinder unüberwindliche Schwierigkeiten. — Eine Reihe von zuverlässigen Herbergswirten hat ihre Logis unter die Kontrolle des Vereins gestellt. Tag und Nacht haben die Kontrolleure Zutritt, um sich von der Behandlung, Beköstigung und Beherbergung der Emigranten persönlich zu überzeugen. Die Bezahlung geschieht indirekt durch die Vermittlung des Vereins, um jede Möglichkeit einer Uebervorteilung der Wandrer auszuschliessen. Logiswirte, welche direkt vom Emigranten Bezahlung annehmen, werden sofort von der Liste gestrichen. — Als der Etat des Vereins, welcher noch immer viel zu klein ist und vor allen Dingen noch mit sehr wenig regelmässigen Einnahmen zu rechnen gezwungen ist, noch kleiner war und das Missverhältnis zwischen der Anzahl der Hilfesuchenden und den vorhandenen Mi'teln noch grösser, da kam es oft genug vor, dass solch ein armer Bahnpatrouillenmann, nachdem er die halbe Nacht frierend auf dem Bahnsteige zugebracht hatte, so viel Wandrer zu sich ins Zimmer nahm, dass für ihn selbst kein Platz zum Schlafen blieb. Und diese jungen Leute sind nicht etwa beschäftigungslose Rentiers oder Herumtreiber; es sind fast durchweg Arbeiter, die den Tag über in der Fabrik sind und zweimal in jeder Woche ihren Schlaf opfern, um ihren Brüdern zu helfen. Das geschieht

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