Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Der Dornenweg des jüdischen Wanderers
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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483 Dr. Hans Mühsam: Der Dornenweg des jüdischen Wanderers. 484 Bahnhofswache des jüdischen Volksvereins bei der Arbeit. der Wand küssten die ersten Strahlen der Morgensonne und das grosse Loch an der Decke, von wo der Kalk gänzlich abgelöst ist, erinnert die Eltern an jene Episode, wo der kleine Awrohom sein dreijähriges Fingerchen dorthin, zur Decke, erhob und die Lewonoli mekaddesch sein wollte. Vorbei, vrergiss armes Herz, was du Heimat nanntest, vergiss, was du an lieben und trauten PMnnerungen mit diesem Fleckchen Erde verknüpftest — was hinter dir liegt, vergiss; vor dir liegt die ewige helle Zukunft ohne Hunger, ohne Pogrome, ohne Schimpf. Und er packt in den geflickten Reisesack eine Flasche und ein Messer und die Tefillim, dazu einige überflüssige Dinge, er küsst sein Weib und sein Kind, und zögernd, teils von hoffnungsvoller Zuversicht getrieben, teils von Gram und unbestimmter Furcht gehemmt, geht der traurige Zug zum Bahnhof. In Warschau erspäht ihn ein Agent, als er den Zug verlässt; und wenige Minuten später entringt sich ein Seufzer nach dem andern der gequälten Brust des Wanderers, als er von den Gefahren hört, die den Emigranten an der Grenze, in Deutschland, auf dem Schiff und in Amerika bedrohen. Alle Brochans fleht er auf den braven und einflussreichen Mann herab, der ihm ein „Quittel" besorgen will, mit dem er-nicht. nur bis New York kommen, sondern auch überall mit Rücksicht und Zuvorkommenheit behandelt werden wird. So vertraut der arglose Wanderer dem Gauner seine ganze Habe an — um dafür ein Bill et bis nach Berlin zu bekommen. Durch irgend einen Zufall, ohne sein Wissen, überschreitet er die Grenze, ohne in den Auswandrerzug gesteckt zu werden, der die Emigranten über Ruhleben nach Hamburg befördert. So kommt er in Berlin an. Es ist ihm gesagt worden, dass er hier aussteigen müsse. Als er daher den Namen „Berlin" an sein Ohr schlagen hört und von jedem einzelnen der in der vierten Klasse Mitfahrenden sich besonders hat bestätigen lassen, dass hier Berlin ist, steigt er mit Weib und Kind und Sack und Pack aus. Beim Verlassen des Bahnsteigs will der Schaffner die Billette abnehmen. „ Ich geb nischt mein Quittel; der Mensch in Warschawe hot mir geheissen reisen mit dem Quittel bis New York"; und es bedarf erst der Anwendung von Gewalt, um dem armen Betrogenen seine Läge klar zu machen. So steht jetzt die traurige Gruppe in der riesengrossen fremden: Stadt, mitten in der Nacht, ohne Geld, hungrig, müde, ohne einen Freund, ohne Weg und Steg zu kennen, ohne die Sprache .. der Menschen zu verstehen, welche im Torbeigehen