Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Der Dornenweg des jüdischen Wanderers
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 481 - 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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481 Dr. Hans Mühsam: Der Dornenweg des jüdischen Wanderers. Schablonenmenschen zum Individuum erhebt, zum Individuum, das sich seine eigene Welt aufbaut, um in ihr vollkommen zu sein. Ich will die Stürme und Kämpfe übergehen, die allmählich den gemeinsamen Kern zur Reife kommen Hessen. Man trennte die politischen Wünsche von den Bedürfnissen, welche die gemeinsame Lage des Augenblickes erforderte; und so einigte man sich auf das Programm: „Der jüdische Volks verein in Berlin erstrebt die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der in Berlin anwesenden ausländischen Juden". — Wie dieses Programm durchgeführt wurde durch Unterrichtskurse, Arbeitsnachweis usw. usw., das zu schildern mag einer späteren Zeit überlassen sein; mir lag für heute nur daran, das Milieu zu skizzieren, welchem der gleich zu schildernde Durchwandererdienst sich einfügt. Der auf der Grundlage des nationalen Judentums mit rein demokratischen Prinzipien gegründete Verein musste selbstverständlich auch die nur vorübergehend in Berlin anwesenden auswärtigen Juden, d. h. die Berlin passierenden Emigranten in den Bereich seiner Wirksamkeit ziehen. Und diese Tätigkeit des Vereins, welche ursprünglich nur eine untergeordnete sein konnte und sollte, entwickelte sich, dank der selbstlosen Arbeit mehrerer Mitglieder zu einer für den Verein ebenso ehrenvollen wie segensreichen für die Emigranten. Aus den allerbescheidensten Anfängen heraus — der Etat bilanzierte mit 3—5 M. monatlich — brachte das Vereinsbureau es zu einem weit über die Grenzen seines Wirkungskreises angesehenen Namen. — Wenn die furchtbare Not oder der Schrecken blutiger Pogrome dem armen Juden in Russland den AVanderstab in die Hand drückt, wenn er von dem weltentlegenen Städtchen am Don oder der Dwina seine Schritte westlich lenkt, so weiss er nur, dort weit weg, noch hinter Deutschland, da liegt das Land der Freiheit, da liegt Amerika, wo der Vetter des Onkels meines Schwagers, Leib Kowner aus Tschernigow, in wenigen Monaten ein reicher Mann geworden ist; dort will ich hin; dort hat alle Not, ein Ende! Und er geht zum Raw oder zu seinem klugen Freunde, der die ganze Welt kennt und selbst so klug ist, zu Hause zu bleiben, und fragt ihn nach dem Wege. Dann verkauft er tränenden Auges, was ihm lieb und teuer war, sein Heim mit all den wertlosen Kleinigkeiten, die ihm doch so wert, so lieb und heilig sind, den wackligen Tisch, dessen Beine ungleich lang sind und der dadurch bei der Bris Miloh von Awrohom umfiel, und die beiden Holzstühle, die sich nur dadurch unterscheiden, dass bei dem einen die obere, bei dem andern die untere Leiste fehlt; die Zinnteller, von denen er das kärgliche Mahl nie wieder essen wird. Dort, in jenem Winkel, hielt er Esther, sein Weib umschlungen, als er es zum ersten Male in seine Hütte führte, hier weinten sie zusammen als Zwi, ihr Erstgeborener starb; diesen Streifen an Bureau und Bahnhofswache des jüdischen Volksvereins.