Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Akibas Gesicht der Zeiten und der Kaddisch
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 475 - 476 (sequence 3)
- Language
- German
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•475 Akibas Gesicht der Zeiten und-der Kaddisch. 476 Zügen vor mein Auge zurückkehrten, in ihre Beute sich teilten und ' die Seelen zählten der Erschlagenen Und der auf den Quemadero Verbrannten/ der in endlosen Steppen Erfrorenen, der in lärmenden Vorstädten und in ausgeplünderten Synagogen; auf G etreidemärkten, in der Stube des Gelehrten, im Laden des ^Trödlers, in den Winkeln der Kerker Hingernordeten, und es war eine endlose Schlächterei, und die Zahl der Opfer stieg auf dem ganzen Erdkreis in hunderttausende und von hunderttausenden in Millionen, und ich vernahm ihr Wimmern, ihr Jammern und Wehklagen und ihre Flüche; ihre Tränen sah ich, ich fühlte, wie ihr heisses Blut bis zu mir heranstieg, das schärf roch und voll war von Seelen unschuldig Ermordeter. Und Aveiter zogen vor mir die Zeiten und verrannen gleich den Körnern einer Sanduhr; undimmer und immer wieder floss das Blut meines Volkes und ertönte sein Weinen und sein .Tammergeschrei, und alle die Zeitalter waren rot von Blut, und nur selten einmal war eines lichter, und also zog es am Auge meines Geistes vorüber, einem endlosen Wolkengewirbel ähnlich, das nur von Zeit zu Zeit durch das Erscheinen jener vier Reiter unterbrochen ward, die dann ihren Raub zählten und sich in die aus allen Enden der Welt zusammengeraffte Beute teilten, sich teilten in Israels Diadem, in sein zerbrochenes Szepter, in seinen von Reiterscharen, Mameluken, Spahis, Kosaken, Landsknechten und Trossbuben der ganzen Welt, vom Aufgang bis zum Niedergang, zerfetzten Krönungsiuantel; und sie alle trugen an ihren Lanzen aufgespiesste Kinder, und' alle -entehrten sie in viehischer Weise der'Mädchen Leiber und spieen in die Silberbärte der Greise und der Rabbinen, und auf einen Haufen warfen sie die Thora und die Bücher des G esetzes, diese zu verbrennen gleich wertlosem Trödel und wie einen! Auswurf der Ketzer. Und das wiederholte sich in dem alten gesitteten Europa vom Süden bis zum Norden, Und in der'Neuen Welt nahm es seinen Anfang mit dem alten Hass, und es geschah immer wieder von neuem, wenn die Menschen einander- Brüder nennen-wollten und eine Religion - der Liebe und der Gleichheit stifteten. Und wenn sie nicht mit Schwert Und durch- Eeuer umbringen konnten, dann taten sie's mit der Feder und dem Pinsel und durch Verleumdung und falsche Bezichtigung, nur damit um so grösser werde die Beute Asmaveths,' dessen Antlitz im Lauf der Zeiten die Gesichtszüge der zukünftigen Cäsaren und Dschingischane und Könige und Fürsten, Päpste und Kardinäle annahm, deren im Traume gehörte Namen mir entschwunden sind; doch ihrer aller Gesichtszüge flössen vor meinein Auge in ein einziges zusammen, das voll war des Zähnefletschens, des Grimms, der Missgunst, der Grausamkeit und Bosheit gegen alles,' was deinen Namen trägt,- mein' Volk, gegen alles, was; deinen mühevoll errungenen Ruhm verkündet, gegen alles, was mit dir zusammenhängt, weil sie wissen, dass du bist das auserwählte Volk, erhaben über alle Bedrückung, durch Menschen und durch die Zeiten, dass du stark bist und sie dich nicht töten können." Hier übermannte den Akiba die Erschöpfung und er verstummte. An ihn heran trat da Titus Annius, des Tyrannus Rufus — den Gott nach Verdienst richten möge — Sohn, und da er sah, dass Akiba noch atmete, sprach er höhnisch: „Geht's mit diesem Juden denn noch nicht zu Ende? Sicher verlängert er sein Leiden absichtlich, um dadurch grösseres Verdienst vor seinem Gott zu erwerben.44 Da aber erhob sich der am ganzen Körper wände Akiba mit halbem Leibe auf dem von seinem Blute überströmten Lager und sprach, während seine Augen im letzten Aufflammen der Begeisterung loderten, die zerschundenen Arme gen Himmel emporhebend, den Kaddisch (jenes höchste, Liebesgebet für die Toten — und sterbend betete er es für alle, deren Hinscheiden er in seinem Gesichte geschaut), der bis an das Ende der Tage von den Lippen eines jeden ertönen wird, der Zeuge ist. wie die Seele des Vaters oder der Mutter, des Bruders oder, der Schwester in die Schatten des Scheol hinübergeht: Hochheilig ist des Herrn Name! Amen!; Im Weltall, das er nach seinem Willen hat geschaffen, lässt er walten seine Herrschaft während eures Lebens und in eurer Zeit und während des Lebens des gesamten Hauses Israel in baldiger Zeit. Amen! , Möge sein erhabener. Name gepriesen sein für immer und für alle Ewigkeiten! Ruhmvoll, preis würdig, verherrlicht, , erhaben,, hochprangend, an Majestät verklärt, von Hoheit bekrönt und lobumkränzt bewähre . sich der Name des . Geheiligten. Gepriesen sei er! Er sei gepriesen als zu erhaben für sämtliche Benedeiungen, Hymnen, Lobgesänge .und, der .-Inbrunst Spenden, die im Weltalle ihm geweiht werden. Amen! Möge das Flehen und die Andachtsverrichtung des gesamten Israel vor ihrem Vater im Himmel Aufnahme finden. Amen! . Er schafft Eintracht in seinen Höhen, möge er auch über uns und über das gesamte Israel den Frieden walten lassen. Amen!