Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Akibas Gesicht der Zeiten und der Kaddisch
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 473 - 474 (sequence 2)
- Language
- German
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473 Akibas Gesicht der Zeiten und der Kaddisch. 474 diese Blöcke dem Meere sich zuwälzten, sah, wie das Meer vom Blute gerötet ward, dessen scharfer Verwesungsgeruch zum Himmel aufstieg. Milkhama, der Krieg, zählte seine Opfer ab, und es waren deren an 40 000, und Ra'ab zählte seine Opfer ab, und es waren deren an 80 000, und Magepba zählte seine Opfer ab, und es waren deren an 120 000, und Asmaveth zählte alle ab, die ihm verfallen; und es waren deren 1 000 000, und sie alle waren aus Israel. Und ich sah die Felsen im Tal Josaphat; bedeckt waren sie mit den ergossenen Gehirnen von Kindern, deren Hirnschalen die Römer an Baumstämmen und an Felsen zerschmettert hatten; und die Schädel lagen wie Scherben herum, und es mochten der Schädel an 30 000 sein. Und ich sah von Angesicht zu Angesicht Jene, die nieine lieben Genossen in der Auslegung des göttlichen Gesetzes gewesen. Chanina ben Theradion sah ich auf dem Holzstoss — die Gesetzesrolle hielt er in der Hand; und ich sah, wie Jeschababa und Chuzpita ermordet wurden und wie Jchuda ben Baba in eben dem Augenblick, da er seinen Schülern (und unter diesen warst auch du, Meir) die Weihe erteilte, von Speeren und Schwertern durchbohrt niederstürzte. Und sterben sah ich Ismael, den Sohn des Elisab, Simeon TU.., den Sohn Gamliels II., Lakida, Annanias, Theradions Sohn, Eleazaiy Sumuovs Sohn, Juda, Damovs Sohn, Jebaba den Schreiber, Hanim, Akinais Sohn, und Juda, den Sohn Babas, sie alle, die mit mir bei Betars Fall gefangen genommen und gefoltert worden waren. Und ich sah, wie die Tempelhöhe endlich doch umgepflüget und auf derselben eine neue Stadt der Heiden und der Gotteslästerer gegründet ward, und wie man oberhalb des Tors der für uns auf immerdar verlorenen Stadt, dort, wo nach Bethlehem der Weg führt, eines Schweines unreines Bild aufrichtete. Und ich sah, wie römische Arbeitsleute eine Mauer rings um Weingärten aufführten; drei Meilen lang Avar sie und drei Meilen in die Breite; und sie erbauten sie auf Befehl Hadrians — mit dem Gott im Gerichte nach dessen Verdienst verfahren wolle — und als ich näher zusah, da waren es nicht weisse von der Sonne ausgedörrte Steine — nein, Knochen waren's meiner Brüder und Schwestern, derer, die in jenem Jahre des Schreckens in Betar und dessen Umkreis und in ganz Judäa waren erschlagen worden. Und ich sah den Rauch von 985 jüdischen Städten aufsteigen zum Himmel, und in dem Dampf sah ich, gleichwie in einem trüben Spiegel, auch künftige Begebenheiten, furchtbar anzusehen und noch furchtbarer in ihren Folgen. Und ich sah die Marktplätze ägyptischer, syrischer, griechischer und römischer Städte. Und ich stand in Terebintos und in Gaza, wo Sühne und Töchter meines Volkes aneinander gefesselt als Sklaven verkauft wurden und Barbaren mit lüsternen Blicken au den entblössten Reizen der Töchter Israels sich weideten; doch niedrig waren die Kaufpreise und gering nur der Absatz, blos damit die Leiden und die Schmach der zum Verkauf Ausgestellten länger währen möchten. Und die vier apokalyptischen R,eiter trennten sich von einander und stürmten ein jeglicher nach einer andern Weltgegend, und meine Blicke flogen ihnen nach, damit abermals sie erschauten die Bilder des Schreckens und Entsetzens, die auf allen Seiten sich erneuerten. Und ich sah, wie die versprengten Lehrer des göttlichen Gesetzes herumirrten gleich einer Herde, die kein Obdach hat, preisgegeben den Kränkungen der Fremdlinge. Ich sah, wie vor meinem Volke, wohin es auch kommen mochte, die Tore der Städte verschlossen wurden und wie man die Strassen mit Ketten und mit Gittern absperrte, damit die Bewohner sich durch die Berührung der Unreinen und Verfehmten nicht besudeln möchten. Und ich sah, wie meine Söhne auch dort, wo man sie duldete, zu Zielscheiben des Spottes und der Kränkungen gemacht wurden, schaute, wie man ihnen ihre Schulen sperrte und sie zwang, auffallende Kleidung zu tragen, damit von ferne schon ein jeder ihnen ausweichen könne. Und welchen Ort auch immer ein Sohn meines Stammes betreten mochte, dort verwandelte sich für ihn die Erde in ein Emak Habacha, das heisst, in ein Tal der Tränen, des Jammers und der Verzweiflung. Und ich sah Brandstätten von Synagogen in Jamne, in Bnebrak, in Tiberias; ich sah, wie jüdisch Volk erschlagen wurde,, das sich den Zügen der Kreuzfahrer hatte anschliessen wollen, der Kreuzfahrer, die der Macht des neuen Bar-Kochba des Orients das Grab des Rabbi Joschua entreissen wollten, sah die Mordgräuel in Speier und in Worms, wo verzweifelnde Mütter ihre eigenen Kinder töteten, damit sie nicht in die Hände der Feinde fielen! Ich sah, wie mit Gewalt Kinder zum Taufbecken geschleppt wurden, sah, wie ein zwölfjähriger Knabe dabei sein Messer zog und einen Ratsherrn erstach, worauf er an dem heiligen Ort von Speeren durchbohrt wurde. Ich sah, wie Isar ben David seine eigenen Töchter am Vorabend von deren Hochzeitstag erschlug und dann sein Haus anzündete als Brandopfer dem Herrn und mit seinem Freunde vor der Bundeslade in die Flammen sich stürzte, und wie er das alles lieber tat, als dass er den Zwingherren in irgend etwas nachgiebig gewesen wäre. Und solche Bilder wiederholten sich in Rotterdam und in Prag, in Trier, in Metz, in Geldern und in Regensburg, in Frankreich, in der Normandie, in Spanien, in Russland und in Polen, in den Ländern der Sonnenglut, wie in den Reichen des Nebels und des Eises, unter guten Avie unter schlimmen Königen, bei Gelehrten und unter gemeinem Volk, bei Edelleuten und bei Bauern; und solches geschah überall dort, wohin die vier apokalyptischen Reiter kamen, die, wann immer sie von ihren