Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Akibas Gesicht der Zeiten und der Kaddisch
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 471 - 472 (sequence 1)
- Language
- German
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471 472 AKIBAS GESICHT DER ZEITEN UND DER KADDISCH. Nachdruck verboten. Ich, Rabbi Mair, nicht der Geringste unter Akibas 24,000 Schülern, zeichne hier, unter der Last der Jahre meines Lebensendes Herannahen fühlend, für kommende Geschlechter das auf, was aus dem Gesichte meines Meisters sich mir in's Gedächtnis eingeprägt hat, als er nach Betars Fall und Bar-Kochbas (richtiger und mehr der Wahrheit gemäss: Bar-Kosibas) Tode auf Befehl der römischen Bedrücker gefoltert wurde, gleichwie ich auch das Gebet niederschreibe, welches der Mund dieser Leuchte des göttlichen Gesetzes sprach. Das ist der Kaddisch, und flüsternd werden beten ihn bis an das Ende der Tage alle Söhne und Töchter Israels für ihre Toten. Nach der grauenhaften Folterung, bei welcher ihm, dem einhundertundzwanzigjälirigen Greise? mit eisernen Kämmen die Haut vom ganzen Leibe war abgerissen worden, und . als er anscheinend bewusstlos in einer Lache seines eigenen Blutes lag, sass ich an seiner Seite und nahm wahr, wie die Augen, die er von Zeit zu Zeit öffnete, in fieberhafter Begeisterung glühten; da fing ich denn die Worte auf, die unzusammenhängend seinen Lippen entquollen, gleich den Blutstropfen, die aus dem ganzen gemarterten Leibe sickerten. Und ich erkannte, dass im Geiste dieses Greises ungewöhnliche Dinge vorgingen; drum grub ich in mein Gedächtnis alle seine Worte ein, damit sie mir stets gegenwärtig sein möchten. Da ich nun fühle, dass dieser getreueste Gefährte meines mühsäligen Lebens schwächer zu werden beginnt, so schreibe ich für Enkel und fernste Nachkommen, was folgt: „Gleich einer wüsten baumlosen und unbelebten Fläche lag die Erde. da; Wolken und Nebelschwaden bedeckten sie und hoben sich zeitweilig, grossen Waldungen voll Finsternis und Schatten gleichend. Auf einem Berge stand ich; rings umher waren weder Menschen noch Behausungen; nur AVolkenfetzen flogen vor meinen Augen dahin, anzusehen, wie zerrissene Segel eines Schiffes, dessen Bemannung der Pest erlag. Und wie ich so in die Ferne blickte, da tauchten aus dem Gewölke vier Eeiter auf. Der erste Asmaveth, der Tod, der zweite Milkhama, der Krieg, der dritte Ra'ab, das Elend, der vierte Magepha, die Pest. Sie hielten ihre abgezehrten Rosse an und sprachen zu einander: ,,Verödet ist um ihrer Sünden willen die Erde, und aussterben soll das Geschlecht der Menschen. Nun wollen untereinander wir verteilen dies Erbe der Trübsal." So sprachen sie und begannen die Teilung vorzunehmen, leise sich besprechend; und wie sie da beisammen waren, da hatte Milkhama das Antlitz Titus des Imperators und Ra'ab das Antlitz Hadrians und Magepha das Antlitz Bar-Kosibas, welcher mich im Leben am ärgsten getäuscht; Asmaveths Angesicht doch veränderte sich fortwährend, die Züge bald des einen, bald des anderen annehmend. Und als sie einig geworden mit einander, da warfen sie sich auf ihre Beute, und Israel war das erste unter den Völkern, das die Teilung traf. Und sie begannen sich in dasselbe zu teilen, nachdem Betar gefallen und setzen beständig die Teilung fort und werden sich in Israel teilen bis an das Ende aller Tage, da endlich erscheinen wird der Rächer seines Volkes, der wahre Messias. Und rasch änderte sich der Schauplatz meines Gesichtes und zog mit Landschaften, Meeren, Städten und Menschen an mir vorüber gleich einem Traum. Ich schaute nicht nur in die Gassen der Städte, sondern auch in das Innere der Häuser und der Wohnstätten der Menschen; mein Blick drang durch verschlossene Tore und Fenster und sah, was in den Herzen geschrieben stand, und wie ich erblickte, so erwog und urteilte ich sogleich. Doch mein Urteil, das anfänglich ein eisiges und grimmiges gewesen, schmolz bald in Mitgefühl und Erbarmen; denn die Sünden dieses Akolks und seiner Führer waren, ob auch zahllos, doch nicht so gross und furchtbar, dass sie solche Strafen verdient hätten. Aber das Urteil ist nicht mein; des Herrn ist's, der zuliess, dass die Engel der Finsternis begännen, sich in sein auserwähltes Volk zu teilen. Ich mühte mich, abzuwenden die nach Innen gerichteten Augen meines Leibes; doch das Auge meines Geistes sah beständig, was zu schauen ihm nach dem ewigen Ratschluss beschieden, und erdulden musste für mein Volk ich alle die Qualen, die es auf dem Wege der Zeiten und auf der Bahn des Leides zu erdulden haben wird." Schwei* aufatmend hielt hier Akiba inne. Mit einem in Essig getauchten Schwamm befeuchtete ich seine Lippen, und ich trocknete den Schweiss von seinen fahlen Schläfen. Nach einer kleinen Weile fuhr er also fort: „Ich sah, wie sich all' die Schrecknisse wiederholten, von denen des Herrn Auserwählte nach dem Fall Jerusalems zu Titus' Zeit betroffen worden waren; doch noch grösser, noch zahlreicher waren sie. Haufen von erschlagenen Greisen lagen da, von Weibern und Kindern, bis an die Flanken wateten im Blute die Rosse, Ströme von Blut schwemmten die grossen Felsblöcke fort, die bei Jericho gelegen, und ich sah, wie