Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Gustav Globaus Briefwechsel mit Steinthal
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 467 - 468 (sequence 3)
- Language
- German
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467 Dr. Bernh. Münz: Gustav Glogaus Briefwechsel mit Steinthal. 468 er 1865 oft ungesehen den Spuren seines angebeteten Meisters folgte, sah er ihn einst hei Gerold, einem Tabakhändler unter den Linden, eintreten. Bald darauf ging er selbst in das Geschäft und forderte Proben. Dann fragte er: „Kennen Sie den Professor Steinthal?" worauf er die Antwort erhielt: „Ja, er war eben hier". Er verlangte nun dessen Zigarre. „Ach", meinte der Kaufmann, „die werden Sie nicht rauchen wollen, der Herr Professor raucht zu zehn Talern das Mille". Er hat sie aber dennoch mit besonderer Begeisterung geraucht. 1874 sandte er dem Meister ein Bruchstück seines ersten grösseren Werkes: „Steinthals psychologische Formeln, zusammenhängend entwickelt", mit folgendem Begleitschreiben: „Am 29. Oktober sind zehn Jahre verflossen, seit zum ersten Male ihr Wort an mein Ohr schlug. Sie begannenan diesem Tage ein zweistündiges Kolleg über Völkerpsychologie. In welchem Zustande ich mich damals befand, was Sie seitdem aus mir gemacht haben; was ich nach jeder Eichtling hin Ihnen schuldig geworden, das gehört nicht hierher. Wie ein elektrischer Funke fuhr mir Ihr Wort in die Seele, und langsam und allmählich wurde es trotz aller Ungunst der äusseren Verhältnisse zu einem Brande, der mich geläutert und umgeschmolzen hat". Als das Buch ganz fertig war, urteilte Steinthal, er habe bewiesen, dass er sich mit aller Energie in seine Formeln hineingedacht habe und sie mit voller Selbständigkeit beherrsche. Glogaus ganze Lebensarbeit war aus dem Geiste Steinthals geboren oder, wie Glogau selbst ihm am 10. März 1876 schrieb, „meine ganze Gedankenentwicklung wird so ganz von der Ihrigen beherrscht, dass ich auch in den abweichenden Punkten nur in gleichem Tempo mit Ihnen fortkomme". Diese Abweichungen vertiefen sich und erreichen 1885 nach rem Erscheinen von Steinthals Ethik ihren Höhepunkt. Der Verfasser hatte im Verlaufe des Briefwechsels öfter Gelegenheit und Veranlassung gehabt, sich über die Grundsätze derselben und ihr Verhältnis zu den anderen Ethiken zu äussern und dem Freunde zu versichern, dass sie seinen Erwartungen nicht entsprechen werde. Gleichwohl wirkte sie wie eine Bombe. Es entspann sich eine aufregende Korrespondenz, durch welche die zwischen beiden bestehende Kluft scharf beleuchtet wird. Ein Ausgleich zwischen den Grundlehren der Freunde, deren Wahlspruch: „Ganz, nicht halb" lautete, ist unmöglich. Die metaphysischen und politischen Differenzen sitzen zu tief in ihrer Individualität. Ein Abgrund klafft zwischen ihnen, der unüberbrückbar scheint. Die beiden Forscher müssten jedoch nicht Wahrheitssucher und vorbildliche Ethiker sein, wenn die alte Freundschaft nicht die Feuerprobe bestände. Sie geht gestählt aus dem Kampfe des Geistes hervor. Steinthal lenkt, nachdem sie sich gründlich ausgesprochen haben, mit den Worten ein: „Wir dürfen die Sache nicht so tragisch nehmen . . . Machen Sie sich nur wegen der Kritik keine Sorgen, das müsste ja heissen, ich sei nicht ich". Mit Stolz sagt er von sich: „Zu mir kommt kein Dummkopf, kein Brotstudent, kein Examensorger. Ich bekehre niemanden, aber mein Zuhörer lernt denken, und er wird es üben in seiner Individualität!" Und nicht lange nachher bietet er Glogau das brüderliche Du an. Dieser hinwiederum schliesst den Brief vom 8. April 1886, nachdem er noch klipp und klar ihre Differenzpunkte einander gegenübergestellt, wie folgt: „Und nun behalten Sie mich recht lieb! Wenn Sie wüssten, wie Sie mir als Gelehrter und als Mensch, seit ich das Glück habe, Sie zu kennen, ein leuchtendes, ein nie zu erringendes Vorbild sind, Sie würden sich in solcher Spiegelung selber erquicken." Die Judenfrage wird wohl nie und nirgends so rein und so vornehm behandelt, wie in den folgenden Briefen, die ein wahres Labsal sind für den von den Schlagworten des Tages angeekelten Leser. Freilich ist die akademische Lösung der Frage, in der die beiden Denker einander begegnen, für die Betroffenen nichts weniger als verheissungsvoll, sie gibt den Juden eine Anweisung auf eine unabsehbare Zukunft. Die dem zwanzigsten Jahrhundert ein Schandmal aufdrückende Frage, die Tausende und Abertausende von Menschen nicht zur Buhe kommen lässt, ihnen den Kampf ums Dasein unsagbar erschwert, soll in Permanenz bleiben, bis weise Männer, die Lessings Nathan gleichen werden, eine umschmelzende Macht auf ihr Volkssystem gewinnen werden? Selbst wenn Glogaus Wahrnehmung, dass sich dafür mächtige Vorbereitungen auf dem Gebiete der christlichen Theologie, noch grössere in den Gemütern der Menschen vollziehen, richtig wäre, ist sie ein karger, magerer Trost, da die Judenfrage nicht in die Metaphysik und Religionsphilosophie, sondern in die gemeine Nationalökonomie gehört, eine praktische Magen- und Ehrenfrage ist. Und Steinthal, der von sich „ehrlich" sagt, dass er glücklich ist. obwohl er sich wegen seiner Konfession mit der Honorarprofessur begnügen muss, — der grosse Idealist, der für das ganz und gar Praktische kein Verständnis hat und darüber kühler als die meisten