Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Gustav Globaus Briefwechsel mit Steinthal
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 465 - 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583950-2593701--06295-2593740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
465 Dr. Bernh. Münz: Gustav Glogaus Briefwechsel mit Steinthal. 466 was er geworden ist, sehr teuer erkauft. Er musste als Jüngling seine Bahn, die nicht selten dicht am Abgrundsrand dahinging, allein finden; war er doch ganz auf sich gestellt. Des Menschen geistige Bestimmimg ist es, die auch sein äusseres Lehenslos formt. Dies bewährte sich zeitlebens tragisch genug an Glogau. Weil er nicht Medizin studieren mochte, sondern dem Zuge seines Herzens folgend, sich an der philosophischen Fakultät der Berliner Universität inskribieren liess, zog sein Vater, der in Laukischken Pfarrer war, seine Hand von ihm ab. Zum materiellen Druck gesellte sich innere Haltlosigkeit. Sein Lebensschiff lein bekam erstimWintersemesterl864 durchdie Vorlesungen Hermann SteinthalsRichtung und Inhalt. Der berühmte Sprachforscher und Philosoph war der Stern, der in das wilde Chaos seines Innern leuchtete; er gab seinem werdenden Geist zuerst die festen Krystallisationspunkte. Der 29. Oktober, an dem er ihn zum erstenmal hörte, bedeutete einen Wendepunkt in Glogaus Dasein, er war sein „geistiger Geburtstag". Mit der ganzen zärtlichen Hingabe seines Wesens verehrte er hinfort seinen Lehrer, dein er sein Le"benlang trotz weitgehender philosophischer Differenzen, die im wesentlichen darauf hinausliefen, dass er den deckenden Schild der Metaphysik, des Absoluten brauchte* während Steinthal jede Transzendenz abwies, mit der Liebe eines Sohnes anhing. Tief religiös, wie er war, zeigte er seiner nachmaligen Gattin den Gegensatz zwischen der wahren Religion der Wissenden, die in ruhigem, leidenschaftslosem Gottesdienst für alles eintreten, was heilig, gross und erhaben die Menschenbrust durchzuckt, und der an die Dogmen sich klammernden J. GABOWICZ. Religion. Wie famos wissen die Dogmatiker die „Heilsordnung" Gottes an den Fingern abzuzählen! Sie kennen alles genau und können dem lieben Gott bis ins einzelne nachrechnen, was er seit der Schöpfung bis auf die heutige Stunde getan hat. Ihre Demut ist Schminke, denn die ganze Fülle der Gottheit liegt vor ihnen. Wie ganz anders der grosse Wissende, ein Steinthal! „Meinst du, es sei nur möglich, dass es diesem Manne verborgen sein könnte, dass er unter tausend Millionen, die die Erde trägt, am tiefsten und klarsten schaut, das festeste; Herz hat?" Und doch legt der Philosoph, der ihm als die verkörperte Religiosität erstrahlt, die grösste Bescheidenheit an den Tag, denn „es ist", wie er so schön sagt, „alles augefangen, vollendet nichts!" Er ist sich eben dessen bewusst, dass die Erkenntnis wachsen wird, so lange die Menschheit dauert, dass es aber des Menschen Los ist, sich ewig der Wahrheit anzunähern, ohne sie 'e zu erreichen. Wenn es Glogau einmal wissenschaftlich - übermütig zumute wird, liest er einen kleinen Aufsatz Steinthals in der Zeitschrift für Völkerpsychologie und er ist wieder im vollsten, nüchternsten Gefühle seines Nichts. „Sachen, die ich seit fünf Jahren kenne, immer wieder, nicht gelesen, sondern Wort für Wort verbrannt habe: so oft ich sie aufschlage, bricht die neue Fülle hervor und wirft mich zu Boden." In allen seinen Lebenslagen war Steinthal der Magnet, der ihn mit Zauberkraft anzog, der Pol, dem er entgegensteuerte. An ihm läuterte er sich, an ihm rankte er sich empor. Er erzählt einmal eine artige Anekdote, die von seinem Enthusiasmus für den Lehrer ein drastisches Zeugnis ablegt. Als a£-Ä^*-Ä3fe^^5g NACHRICHTEN AUS DER FERNE.