Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Gustav Globaus Briefwechsel mit Steinthal
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 469 - 470 (sequence 4)
- Language
- German
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469 Dr. Beruh. Münz: Gustav Glogaus Briefwechsel mit Steinthal. 470 Juden denkt, weil niemand dem Juden wehren kann, „ein tüchtiger Mensch zu . sein", beachtet das Eine nicht, dass nicht jeder Staatsbürger zweiter Klasse das Zeug zu einem Steinthal in sich hat. Glogau, der Mann mit dem glühenden Wissensdurste und dem eisernen Fleisse, der trotz der Mühe, die er an seine Vorlesungen und philosophischen Schöpfungen wendet, und trotz der peinlich-gewissenhaften Erledigung der Dekanatsgeschäfte noch Zeit erübrigt, Vorlesungen über allgemeine Botanik, vergleichende Anatomie und indische Mythologie zu hören, klagt wiederholt, dass er bei allem eifrigen Suchen in der Bibel mit ihr nicht zurechtkommen, sie nicht von innen erzeugen könne, und wird nicht müde, Steinthal zu einer zusammenhängenden Arbeit über die Bibel, wie nur er sie leisten könne, aufzufordern. Er nimmt jede seiner kleinen Arbeiten über das Alte Testament mit Dankbarkeit entgegen; wie ihm selbst die Wirksamkeit für das Volk unentbehrlich, eine notwendige Ergänzung der in der Studierstube und auf dem Katheder entfalteten Wirksamkeit ist, wie es ihn drängt und ihm in tiefster Seele wohltut, ab und zu den Gelehrtenzopf und das Gespinst der Fachwissenschaft zu durchbrechen und das Schwert für die gute Sache zu ziehen, so ist ihm des Freundes Mitarbeit an der Berliner „Allgemeinen Zeitung des Judentums" höchst willkommen, denn sie atmet lebendige, die Gläubigen vor Versteinerung und Erstarrung bewahrende Religion, die Religion, wie sie Steinthal definiert, „Heiligkeit des Gemütes, Vertilgung des Profanen im Menschen". Doch dringt er immer wieder auf eine zusammenhängende Darstellung, die Tausenden, ja der Menschheit zum Segen und Nutzen gereichen würde. 1890 erschien Steinthals Sammlunsr der mit seinem Herzblute genährten Vorträge und Abhandlungen „Zu Bibel und Religionsphilosophie". Glogau war trotz ihres prinzipiellen Gegensatzes über das Wesen der Religion von der Sammlung entzückt, er begrüsste sie als eine vortretfliehe Vorbereitung zu der heissersehnten Arbeit über die althebräische Literatur und hoffte, dass sie ihn in frischen Fluss bringen werde. Da erkrankte Steinthal, und damit war seine Kraft gebrochen. Dies war eine herbe Enttäuschung für Glogau, der ihm noch in seinem Gratulationsbriefe zu seinem 70. Geburtstage, welcher ein H37mnus auf Israels Propheten ist, auseinandergesetzt hat, wie er sich seine Bibelforschung vorstelle. Wir Nachgeborenen fühlen diese Enttäuschung mit und teilen sie. Mächtig ergreift uns die Bescheidenheit Steinthals. Noch ein Jahr vor seiner Erkrankung schreibt er: „Wie du vorschlugst, dass ich nur aus mir heraus schreiben solle, das wird nicht gehen . . . Du glaubst nicht, wie oft ich, wenn ich einen Bibelvers zu übersetzen habe, nachdem die Kommentare gelesen sind, das deutsche Wörterbuch nachschlage, um mich des deutschen Wortes zu vergewissern. Vergleiche einmal meine uebersetzungen mit anderen; da wirst du sehen. Ich bin kein Rückert!" Glogau hat noch ein zweites Anliegen an ihn. Er wünschte sich eine breite und behagliche Schilderung seines ganzen Jugendlebens, denn „es ist eine ungeheuere Entwicklung, die du, die Lazarus und viele andere Juden unseres Jahrhunderts in ihrer Jugend durchgemacht; es ist eine andere Welt, aus der Ihr herkommt". Auch dieser Wunsch blieb meines Wissens unerfüllt, wenn auch einzelne Anläufe zur Verwirklichung desselben unternommen wurden. Eine merkwürdige Aeusserung über Shakespeare und Goethe entschlüpft Steinthal, in dem Briefe vom 11. März 1890. Sie ist so eigentümlich und so ganz und gar Geist von seinem Geiste, dass ich nicht umhin kann, sie hier zu zitieren, zumal sie eine eingehende Ausführung und Begründung verdient. Sie lautet: „Wegen der völligen inneren und äusseren Verschiedenheit ist keine Vergleichung Shakespeares mit Goethe möglich. Nur das kann ich dir sagen: als ich Bräutigam war, las ich Romeo und Julia und fand darin keinen Satz, den ich hätte meiner Braut sagen mögen oder den ich von dieser hätte hören mögen. Ich bin kein Engländer und, wo Shakespeare Engländer ist, missfält er mir, und auch, wo er Italiener ist; ich verstehe nur deutsche und hebräische Poesie, und beides als eins steckt in Goethe".