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Ost und West · 1906-07-01 · Heft 7 (Juli 1906) · p. Seite 455 - 456

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 7 (Juli 1906)
Article
Moderner Geist im alten Judentum
Date
1906-07-01
Page
Seite 455 - 456 (sequence 2)
Language
German
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455 Ludwig Klausner-Dawoc, Berlin: Moderner Geist im alten Judentum. 456 Dezentralisation im Staate ist ein vergleichsweise modernes, politisches Schlagwort. Auch ihr wurde bereits im zweiten Buch Moses das Wort geredet. Jethro riet Moses, und dieser akzeptierte den Eat, statt allein von morgen bis abend zu Gericht zu sitzen und sich und das Volk zu ermüden, tüchtige Männer einzusetzen als Häupter über tausende, andere über hunderte und wieder andere über fünfzig bezw. über zehn. "Wie hoch das moderne Majoritätsprinzip von den Juden gehalten wurde, geht daraus hervor, dass, als einst eine victa causa, d. h. die Ansicht der Minorität, der Gottheit gefiel, und dies zum Ausdruck gebracht wurde, der Führer der Majorität ausrief, Gott habe gegenüber der Majorität nichts mehr zu bestimmen, es bleibe bei der victrix causa. Ohne Sklaven konnte man sich im Altertum einen Staat gar nicht denken, und man braucht nicht besonders alt zu sein, um sich zu erinnern, dass die Sklaverei noch selbst in christlichen Ländern bestanden hat, Erst in den sechsziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist sie in den Vereinigten Staaten abgeschafft worden, und Alexander IT. erst hat die Leibeigenschaft in Russland aufgehoben. Aber Moses schon wollte keinen länger als sechs Jahre Sklave sein lassen, und nur wer, weil er seinen Herren liebte, weiter freiwillig als Sklave dienen wollte, durfte es, wurde aber dafür gewissermassen gebratidmarkt. Auf sozialem Gebiete ist das alte Judentum gleichfalls allen Völkern voraus gewesen, und in nicht wenigen sozialen Fragen steht das Judentum noch heute unübertroffen da. Wenige Völker haben so das Wissen hochgeachtet, und keines war so von der Notwendigäeit, allen wenigstens eine gewisse elementare Schulbildung zu geben, durchdrungen, wie das jüdische. Früher und vollkommener als jedes andere Volk hat es — und zwar ohne die staatliehen Geld- und Machtmittel — durchgesetzt, dass kaum einer seiner Angehörigen Analphabet war. Hebräisch lesen, die Landessprache in hebräischen Lettern lesen und meist auch schreiben, waren die Juden fast ausnahmslos schon in alten Zeiten im Stande. Das Bedürfniss, einen Tag in der Woche zu ruhen, soll zwar schon Hamurabi erkannt haben, — ein zwingender Beweis für diese Behauptung ist noch immer nicht erbracht —, den Ruhetag bis zur Vollendung ausgebildet haben einzig und allein die Juden. So hat noch kein Volk den siebenten Tag geheiligt, gefeiert und an ihm geruht wie die Juden. Der englische Sonntag ist im Vergleich mit dem von den frommen Juden gefeierten Sabbath ein Arbeitstag; er ist zudem düster und langweilig, während der Sabbatli bei den Juden zwar ein vollständiger Ruhe-, gleichzeitig aber auch ein wirklicher Festtag war bezw. noch ist. Die Agrarfrage, die den Sozialpolitikern so viele Schmerzen verursacht hat, unseren Bodenreformern noch macht und augenblicklich in Russland von den so vielen zahlreichen, schwierigen Fragen die schwierigste ist, sie ist bereits im Alten Testament prächtig gelöst. Die Frauen, die heute überall mit ihrer Stellung in der Familie mehr oder weniger unzufrieden sind, hatten bei den Juden bereits in frühesten Zeiten, wenn auch vielleicht nicht theoretisch, so doch tatsächlich die würdigste Stellung. Das werden Diejenigen, die nach dem Buchstaben urteilen, nicht zugeben wollen. Jeder aber, der. aus der jüdischen Literatur und in neuerer Zeit aus persönlicher Erfahrung das jüdische Familienleben kennt, wird die Richtigkeit unserer Behauptung anerkennen. Selbst aus der Bibel ist bereits zu ersehen, welchen Ansehens sich die Frauen bei den Juden erfreuen durften. Bei einigen Völkern gab es wohl Priesterinnen, bei den Juden war das nicht der Fall, dafür aber die verheiratete Frau gewissermassen die Priesterin des Hauses. Allgemein ist ja auch die Heiligkeit des jüdischen Familienlebens anerkannt, und die jüdische Familienliebe ist fast sprichwörtlich geworden. Für beides aber ist gerade die Frau, die Mutter von ausschlaggebender Bedeutung. Und kann die Schätzung der Frau mehr betont werden als durch die Stelle im ersten Buch Mosis, wo es heisst, dass der Mann Vater und Mutter verlassen solle und an seinem Weibe hangen und mit ihr zu einem Wesen werden? In allerjüngster Zeit wird anlässlich der Auswanderung zahlreicher Juden aus Russland in mehreren Ländern das Fremden- und Asyl recht lebhaft erörtert. Wir haben gesehen, wie diese vor tyrannischer Verfolgung, vor Räubern und brutalen Mördern Fliehenden selbst in einem Kulturstaate wie Preussen behandelt werden. Sie werden hier ohne Unterschied und ohne jeden Grund ausgewiesen; in Ungarn wird ihnen nur der Durchzug gestattet; in England und den Vereinigten Staaten selbst nimmt man sie nur ungern auf. Nun frage man sich, ob diese Behandlung Fremder oder die von Moses im Pentateuch vorgeschriebene den Anforderungen wahrer, moderner Humanität, den Ansichten der vornehmsten Geister unserer Tage entspricht. Tierschutz ist eine Forderung erst unserer neuesten Zeit. Die Tierschutzvereine sind verhältnismässig noch ganz junge Einrichtungen. Sie haben sogar, obschon sie zu Hetzjagden, Wettrennen und den furchtbarsten Küchengrausamkeiten ein Auge zudrücken, den Mut gehabt, mit grossem Lärmen gegen das bei den Juden übliche Schächten vorzugehen, obwohl dieses gerade mit Rücksicht darauf, dass das zu schlachtende Tier ein Mindestmass von Qual zu bestehen habe, angeordnet worden ist und unter besonderen Kautelen durchgeführt wird. Die hervorragendsten Sachverständigen leugnen, dass das Schächten einen qualvollen Tod verursache; das auf Betreiben der Tierschutz vereine eingeführte Betäuben durch Hammerschlag hat sich so wenig bewährt, dass schon wieder eine Neuerung befürwortet wird, gegen die aber die christlichen Schlächter protestieren. Im Uebrigen braucht man nur die

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